Zeitung Heute : Todesstrafe in den USA: Wie ein Tier im Zoo

Malte Lehming

Mit 13 Jahren ging Napoleon Beazley zum ersten Mal in einen Tierpark. Es war ein Klassenausflug. Napoleon liebte Tiere, besonders die wilden, und war sehr aufgeregt. Doch nach kurzer Zeit wurde er traurig. "Ich sah Löwen, die nicht brüllten, Tiger, die stumpfsinnig auf- und abgingen, Affen, die in ihrem eigenen Urin lagen", erinnert er sich. "Außerdem standen überall Leute herum, die Witze machten und die Tiere verspotteten. Danach bin ich nie wieder in einen Zoo gegangen. Es tat mir weh, diese gedemütigten Tiere zu sehen."

Seit sechs Jahren sitzt Beazley selbst in einer Art Zoo. Jedenfalls empfindet er das so. Sein Zoo heißt "Ellis One" und liegt in Huntsville im US-Bundesstaat Texas. "Ellis One" ist der Todestrakt des Staatsgefängnisses. Auch hier kommen manchmal Touristen hin, die sich einen Eindruck davon verschaffen wollen, womit sich die Bösesten der Bösen tagaus, tagein beschäftigen. "Eine Fahrt in den Todestrakt ist genau wie eine Fahrt in den Zoo", sagt Beazley, "der Schwachsinn hinter den Gittern ist derselbe. Wie Tiger in ihren Käfigen gehen die Männer in ihren Zellen auf und ab. Jedes Gehirn ist krank, jeder hier wird langsam verrückt."

Beazley soll am Mittwoch mit der Giftspritze hingerichtet werden, weil er im April 1994 den Vater eines Bundesrichters bei einem Autoüberfall ermordet hatte. Damals war Beazley 17 Jahre alt, Klassensprecher, ausgezeichneter Sportler, nicht vorbestraft. Nach der Schule wollte er in die Armee. In 15 der 38 US-Bundesstaaten, in denen die Todesstrafe verhängt wird, ist die Hinrichtung verboten, wenn der Kriminelle zur Tatzeit noch nicht erwachsen war. Auch das US-Bundesrecht lässt das nicht zu. Weltweit wurden in den vergangenen zwei Jahren außer in den USA nur im Kongo und im Iran Hinrichtungen an Menschen vollstreckt, die zur Tatzeit minderjährig waren.

In Texas hat man am wenigsten Skrupel. In den vergangenen zehn Jahren wurden, laut Amnesty International, weltweit 25 Menschen exekutiert, die zur Tatzeit minderjährig waren - davon mehr als die Hälfte in den Vereinigten Staaten und davon wiederum mehr als die Hälfte in Texas.

An der Schuld Beazleys gibt es freilich kaum Zweifel. Gemeinsam mit zwei vorbestraften Komplizen, die ihm eine Mutprobe abverlangten, wollte der Junge einen Mercedes stehlen und ihn danach in Dallas verkaufen. In der Garage des Besitzers geriet Beazley dann plötzlich in Panik und schoss dem Besitzer des Wagens zweimal mit einem Revolver in den Kopf. Der 63-jährige John Luttig verblutete vor den Augen seiner Frau. Er war der Vater von Michael Luttig, der einer der prominentesten Bundesrichter des Staates Virginia ist. 45 Tage nach der Tat wurde Beazley in seinem Heimatort Grapeland gefasst. Seine Komplizen, zwei Brüder, sagten gegen ihn aus. Der Pflichtverteidiger konnte ihm nicht helfen.

Besonders unbehaglich stimmen die Umstände seiner Verurteilung. Napoleon Beazley hat einen schmalen Oberlippenbart, ist athletisch gebaut - und schwarz. Die Familie seines Opfers ist weiß, alle Mitglieder der 12-köpfigen Jury waren weiß, und die Richterin Maxine Herbst ist nicht nur weiß, sondern auch Präsidentin der "United Daughters of the Confederacy"; die Flagge der Konföderation, für viele Schwarze ein Symbol der Sklaverei, weht von ihrem Haus. Ob Rassismus ein Grund für das Todesurteil an Beazley war, ist unklar. Allerdings wurde in Texas noch nie ein Weißer hingerichtet, weil er einen Schwarzen ermordet hatte.

Wie zu erwarten, protestiert jetzt der Rest der zivilisierten Welt gegen diese Exekution. Auch die Parlamentarische Versammlung des Europarats hat am Freitag an die texanischen Behörden appelliert, das Urteil gegen Beazley nicht zu vollstrecken. Das wäre "unverzeihlich und barbarisch", sagte der Präsident der Versammlung, Lord Russell-Johnston. Und wie zu erwarten, wird das wahrscheinlich wieder einmal nichts nützen.

Heute bereut es Beazley, damals im Zoo den eingesperrten wilden Tieren den Rücken zugewandt zu haben. "An diesem Tag", sagt er, "an dem ich mich vom Leid dieser Tiere abwandte, habe ich mich selbst entehrt." Diesen Satz jedenfalls hat er den vielen Touristen erzählt, die in den vergangenen sechs Jahren in "Ellis One" an seiner Zelle mit der Nummer 23 vorbeigegangen waren. Ab Mittwoch wird dort ein anderer einziehen und stumpfsinnig auf- und abgehen.

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