Zeitung Heute : Todfeinde zu Besuch

Iraker und Amerikaner geben sich beim Werben um die Türkei die Klinke in die Hand

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Von Thomas Seibert, Istanbul

Immer nur lächeln. Der türkische Außenminister Sükrü Sina Gürel sieht mit seinem grau melierten Schnurrbärtchen, seiner runden Brille und seinem Dauer-Schmunzeln ein wenig aus wie ein freundlicher, verständnisvoller Onkel. In den vergangenen Tagen konnte Gürel dieses Lächeln besonders gut gebrauchen: Um die im Irak-Konflikt strategisch wichtige Türkei zu umwerben, waren ranghohe Vertreter Washingtons und Bagdads nach Ankara gekommen – und zwar gleichzeitig. Also hatten Minister Gürel und die anderen türkischen Spitzenpolitiker bei diesem merkwürdigen Doppel-Besuch alle Hände voll zu tun, dem fernen Verbündeten und dem unangenehmen Nachbarn die jeweils richtigen Signale zu senden.

Der Grund dafür, dass Ankara die diplomatische Jongleur-Nummer vorführen musste, liegt in der geografischen Lage der Türkei. Dass der Nato-Staat und enge Partner der USA eine 330 Kilometer lange Landgrenze mit Irak hat, macht ihn automatisch zu einem der wichtigsten Staaten in der Region. Wenn die Amerikaner bei einem Militärschlag gegen Bagdad die Iraker von Norden und Süden her in die Zange nehmen wollen, sind Luftwaffenstützpunkte in der nordwestlich von Irak gelegenen Türkei ein unverzichtbarer Bestandteil der Angriffsplanungen. Schon jetzt nutzen Kampfflugzeuge der USA und Großbritanniens den südtürkischen Stützpunkt Incirlik für Kontrollflüge über Nordirak.

Gürels Lächeln kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass den Türken dabei überhaupt nicht wohl in ihrer Haut ist. Zwar hat Ankara gegenüber seinem wichtigsten Verbündeten und Geldgeber im Internationalen Währungsfonds angedeutet, dass die Vereinigten Staaten bei einem Angriff auf Bagdad zumindest mit logistischer Hilfe rechnen können. Die Türkei befürchtet aber, dass die Investoren fliehen und die Touristen zu Hause bleiben, wenn ein neuer Irak-Krieg ausbricht. Auf 150 Milliarden Dollar schätzt Ankara die wirtschaftlichen Einbußen in den nächsten zehn Jahren. Außerdem werden die türkischen Politiker von der Sorge umgetrieben, dass die Kurden in Nordirak die Gelegenheit ergreifen und ihre in den letzten Jahren gewachsene Autonomie zur vollen staatlichen Unabhängigkeit ausbauen könnten.

Diese Sorge Ankaras erhält fast täglich neue Nahrung. Im Vorgriff auf einen US-Angriff und den Sturz von Saddam Hussein legten die beiden im Nordirak herrschenden Kurdengruppen jetzt eine Verfassung für ein eigenes Bundesland in einem künftigen Bundesstaat Irak vor. Das Dokument soll am heutigen Freitag vom nordirakischen Kurdenparlament beraten werden und sieht ein weitgehend autonomes „Kurdistan“ mit eigener Flagge und Landessprache vor. Gürel ließ die Kurden wissen, dass die türkische Armee notfalls in den Norden Iraks einmarschieren werde, um dieses „Kurdistan“ im Keim zu ersticken. Ob Saddam Hussein nun an der Macht bleibt oder nicht – den Türken ist vor allem daran gelegen, ein Auseinanderbrechen Iraks zu verhindern.

All das wissen Elizabeth Jones, die für Irak zuständige Staatssekretärin im US-Außenministerium, und Tarik Aziz, der stellvertretende irakische Ministerpräsident. Jones und Aziz wurden innerhalb von 24 Stunden beide bei Gürel und anderen türkischen Politikern vorstellig. Die beiden Emissäre aus Washington und Bagdad gingen sich dabei sorgfältig aus dem Weg. Aziz wusste schon vorher, dass er Ankara nicht aus dem Bündnis mit den USA herauslösen würde. Doch er konnte sehr wohl die Bedenken der türkischen Führung nähren und damit zeigen, dass selbst treue Partner Washingtons starke Zweifel an der US-Haltung im Irak-Konflikt haben.

Dass die Türkei mit den Irakern einen derart engen Kontakt pflegt, kann den USA schon wegen der außenpolitischen Symbolik nicht recht sein. Türkische Diplomaten versuchten deshalb, den Eindruck großer Gemeinsamkeiten zwischen Türken und Irakern gar nicht erst aufkommen zu lassen. So legten Regierungsvertreter in Ankara Wert auf die Feststellung, dass es keine offizielle Einladung für Tarik Aziz gegeben habe: „Er wollte unbedingt kommen.“

Doch auch wenn Aziz für Gürel und Co. kein bequemer Gast war, trafen seine Warnungen vor einem amerikanischen Militärschlag in der Regierung und in großen Teilen der türkischen Öffentlichkeit auf Verständnis. Washington stelle in der Irak-Frage immer neue Bedingungen, beklagte Ministerpräsident Bülent Ecevit, ein „alter Freund“ Iraks, wie Aziz zufrieden feststellte. Ecevits US-skeptische Haltung spiegelt einen breiten außenpolitischen Konsens in Ankara wider, der auch nach den Wahlen am 3. November unabhängig von deren Ausgang fortbestehen wird: Es gibt keine politische Kraft in der Türkei, die einen Krieg gegen Saddam Hussein befürwortet.

Angesichts der Stimmung in der türkischen Bevölkerung ist das kein Wunder. „Ihr sagt: ,Wir sind für die Erhaltung der territorialen Integrität Iraks’, und dann unterstützt ihr die zwei größten Halunken der Welt – die USA und Großbritannien – dabei, dieses Land aufzuteilen“, warf ein Teilnehmer eines Diskussionsforums im Internet der türkischen Regierung vor. „Heute ist Irak an der Reihe, morgen wir“, beschwerte sich ein anderer.

Aziz, der schon im Golfkrieg erprobte Chef-Verkäufer irakischer Politik, tat sein Bestes, um die Türken in diesem Misstrauen zu bestärken. Amerikas Pläne seien nicht nur eine Bedrohung für Irak, sondern auch für die Türkei, sagte er mehrmals. Mit drohendem Unterton fügte er hinzu: Wenn die Türkei den USA ihre Luftwaffenstützpunkte für Angriffe auf Bagdad zur Verfügung stellen sollte, sei Ankara kein Freund der Iraker mehr. Das saß. Schließlich hatte die britische Regierung erst vor wenigen Tagen berichtet, Irak könne mit seinen Mittelstreckenraketen unter anderem Ziele mitten in der Türkei beschießen. Amerika dagegen ist weit weg.

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