Zeitung Heute : Todsicheres Spiel, trügerische Karten

KOMISCHE OPER Der Regisseur Thilo Reinhardt tastet den Puls von Tschaikowskys „Pique Dame“

JÖRG KÖNIGSDORF

Für Thilo Reinhardt ist Hermann ein klarer Fall. Schizophrenie diagnostiziert er bei dem tragischen Helden aus Tschaikowskys „Pique Dame“ und zählt auch gleich alle klassischen Symptome vom Verfolgungswahn bis zum Stimmenhören auf, die in der Handlung den fortschreitenden Verlauf der Krankheit bezeichnen. Nicht nur in der Geschichte, sondern auch in der Musik dieser nach dem „Eugen Onegin“ zweitbekanntesten Tschaikowsky-Oper hat Reinhardt diese besorgniserregenden Anzeichen entdeckt. Er habe mit Erstaunen festgestellt, mit welcher medizinischen Akribie diese Musik komponiert sei, erklärt er, „nicht nur diejenige Hermanns, sondern auch die der übrigen Figuren: Wenn die alte G räfin singt, hat man fast das Gefühl, als ob man ihr gerade mit dem Stethoskop die Brust abhören würde und die ganze Art, wie Tschaikowsky das Orchester einsetzt, erinnert mich stark an ein medizinisch-analytisches Instrument.“

Reinhardt weiß aus eigener Erfahrung, wovon er spricht: Bevor er sich entschloss, Opernregisseur zu werden, folgte der Heidelberger erst einmal dem Beispiel seiner Mutter und studierte Medizin. Doch irgendwann merkte er, dass ihn die Menschen auf der Bühne mehr interessierten als die Patienten in den Krankenzimmern; er begann, wie verrückt in die Oper zu gehen und statt der Kurse in Anatomie lieber musikwissenschaftliche Seminare zu belegen. Von Heidelberg aus, erinnert er sich, habe er damals alle Häuser der Umgebung abgegrast und die Musik förmlich in sich aufgesogen. So lange, bis ihm die ganzen kreuzbraven Inszenierungen, die er mitansehen musste, schließlich reichten und er spürte, dass er selbst das besser machen könnte. Immer noch hasst er diese Opernaufführungen, in denen die Szene die Musik bloß verdoppelt und damit dem Erstickungstod ausliefert. „Für mich kommt es darauf an, die sinnliche Kraft der Musik für Botschaften zu nutzen und den Menschen die Ohren für das zu öffnen, was in der Musik passiert“, beschreibt der Absolvent von Götz Friedrichs Hamburger Opernregie-Kaderschmiede sein Arbeitsethos.

Dass er das kann, wissen die Berliner seit seiner Inszenierung von „Hoffmanns Erzählungen“, mit der er der Komischen Oper einen riesigen Publikumserfolg bescherte. Offenbachs Dichter sei ein ähnlicher Fall wie Tschaikowskys Hermann, erklärt er, nur dass Hoffmann eben doch noch die Kurve kriege, während Hermann nicht zu helfen sei. Nicht als ungefähres romantisches Schicksalsdrama will er die Geschichte vom armen Offizier und den drei todsicheren Spielkarten erzählen, sondern als realistisches Protokoll menschlichen Verfalls. „Das Stück ist nichts anderes als die Chronik eines angekündigten Selbstmordes“, sagt er. Beim Wahnsinn sei es nun einmal so, dass der Kranke sich selbst aus den harmlosesten Dinge eine eigene Realität zusammenspinnen würde. Auch das Geheimnis der drei Spielkarten, um derentwillen er die alte Gräfin umbringt, sei in Wirklichkeit nichts als eine harmlose alte Anekdote – für Hermann wird die angeblich glückbringende Kartenfolge dagegen zum Beweis dafür, dass er der Außenseiter, in Wahrheit der einzig Erwählte ist.

Und wie er schon „Hoffmanns Erzählungen“ in einer trostlos schicken Mitte-Bar verortete, so hat auch die „Pique Dame“ für Reinhardt ihren Platz in unserer Zeit: Die Geschichte passe prima ins postsozialistische Russland, wo die Neureichen doch jetzt wieder die Posen des zaristischen Adels übernehmen würden. Sogar mit dem Lebenslauf der alten Gräfin käme das noch hin: "Wenn sie als Kind noch das alte Russland erlebt hat und ihre wilden Jahre in der Pariser Emigration verbracht hat, könnte sie mit Ende 80 noch in ihre Heimat zurückgekehrt sein.“ Das habe er genau nachgerechnet, versichert er. Denn die Fakten müssen schließlich stimmen – in der Musik genauso wie in der Medizin.

JÖRG KÖNIGSDORF

Premiere 25.1., 19 Uhr

Weitere Vorstellung 30.1., 19 Uhr

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