Zeitung Heute : Tödliche Obhut

„Tim ist mit einem Lachen rübergegangen“, sagt die Mutter. Sie sah ihn nie wieder. Ihr Freund, dem sie den Jungen gab, windet sich

Tanja Stelzer[Itzehoe]

Monja H. ist 21 und schon keine Mutter mehr. Ihr Kind, Tim, aß Brötchen zum Frühstück und hörte Benjamin-Blümchen-Kassetten zum Einschlafen. Tim war ein lebhafter Junge, blond und blauäugig, groß und kräftig für seine zweieinhalb Jahre, in der sprachlichen Entwicklung lag er ein wenig hinter Gleichaltrigen zurück. Wenn ihm etwas nicht passte, schlug er Hände und Kopf auf den Boden oder er schrie, bis er blau anlief.

Mag sein, dass Monja H. manchmal an ihm verzweifelt ist. Vielleicht ist es Verklärung, wenn sie jetzt, wo er tot ist, sagt, sie sei gut mit ihm zurechtgekommen. Wer kommt schon gut mit einem Kleinkind in der Trotzphase zurecht. Jedenfalls gibt es immer Leute, die besser wissen, wie das geht: erziehen.

Oliver H., der Nachbar und neue Freund der Alleinerziehenden, ist 17 Jahre älter als sie. Der Mann, der gelegentlich als Tischler arbeitet, hat keine Kinder, dafür aber feste Vorstellungen davon, was mit ihnen zu tun ist. So kommt es, dass Monja zustimmt, als er vorschlägt, das Kind drei Tage lang in seine Obhut zu nehmen, um ihm beizubringen, wie man ordentlich isst, wobei: „Obhut“ klingt so nach Beschützen. Am zweiten Tag ist das Kind tot, gestorben an einer Hirnschwellung. Tim, sagen die Rechtsmediziner, die den Kinderleichnam begutachtet haben, sei geschüttelt worden und dabei mit dem Hinterkopf mehrfach gegen eine harte Fläche geschlagen. Das Gehirn eines Zweijährigen wiegt normalerweise 1000 Gramm, das von Tim wog 1200 Gramm. Ein „Shaken Impact Syndrome“, wie die Fachleute es nennen, überlebt ein Kind nicht länger als zwölf bis 24 Stunden.

Landgericht Itzehoe, Saal 11. Schlichte Zweckarchitektur, die Protokollantin sitzt vor einem Flachbildschirm, am Fußboden Filz, der die Geräusche dämpft, die Klimaanlage saugt die Worte der Prozessbeteiligten ein, Energiesparlampen spenden Licht ohne Schatten. Eine Atmosphäre, die die Grausamkeit der archaischen Tat neutralisiert. Ein Kind ist totgeschlagen worden. Niemand im Saal hält den Angeklagten für unschuldig, vermutlich auch nicht sein Verteidiger, der sich in Zeugenbefragungen verzettelt, in seinen Akten blättert, vor und zurück, als hätte er die Hoffnung, dass irgendwo doch noch ein Detail auftauchen könnte, das seinen Mandanten entlastet. Er findet keines.

Im Strafverfahren gegen Oliver H., Totschlag, fünf bis 15 Jahre Freiheitsentzug, darf nicht darüber verhandelt werden, was eine gute Mutter ist, ob Monja H. eine gute Mutter war, ob sie es überhaupt sein konnte. Und doch schweben diese Fragen im Raum, man kann sie lesen auf den ratlosen Gesichtern der Richter, den offen stehenden Lippen des Oberstaatsanwalts. Am nächsten wagt sich noch die Beisitzerin heran, die ein Kind unter ihrer Richterinnenrobe austrägt, das bald geboren werden wird. Monja H. hat dem Gericht gerade dargelegt, ihr sei Oliver H.s Idee, das Kind für ein paar Tage zu sich zu nehmen, „immer schwachsinniger“ vorgekommen, je länger der Junge nebenan gewesen sei. Sie habe dann bei einer Begegnung im Treppenhaus das Kind zurückverlangt, aber Oliver H. habe gesagt: „Wann Tim zurückkommt, entscheide ich.“ Um das zu bekräftigen, habe H. sie geschubst.

Die Beisitzerin klemmt sich die langen braunen Haare hinter die Ohren, lehnt sich vor und fragt Monja H. ungläubig: „Und das haben Sie einfach so hingenommen?“ Warum sie nicht gesagt habe, das sei schließlich ihr Kind? Warum sie ihm nicht gedroht habe, vielleicht mit der Polizei? Monja antwortet, eine Drohung von ihr, die er für jung, naiv und dumm hielt, mit der er sich nie zeigte, die er bei Freunden als „eine Nachbarin“ vorstellte, hätte er nicht ernst genommen. Vor Gericht wirkt sie nicht unsicher, sogar fast selbstbewusst; ein Auftreten, das sie Oliver gegenüber wohl nie hatte. Das hässliche Wort „hörig“ steht im Raum, ohne dass es jemand aussprechen würde.

Es ist zu spüren, wie die Richter sich scheuen, der Frau Vorwürfe zu machen, die blass und mit tief liegenden Augen vor ihnen sitzt, nachlässig gekleidet, und nicht unterscheiden kann zwischen Gegenwart und Vergangenheit: „Wenn er wach wird, fängt er an zu rufen“, sagt sie, und: „Er hat nie Türen aufgemacht.“ Als sie das Zubettgehritual mit Luftkuss beschreibt, bricht sie in Tränen aus. Zeugen beschreiben sie als liebevolle Mutter, und doch war es so: Tim schlief nachts oft allein, eingeschlossen in der Wohnung von Oliver H., während das Paar nebenan in der Wohnung von Monja H. übernachtete. Die beiden gingen essen und ließen Tim allein zu Hause.

Diese Mutter hat ihr Kind nicht verwahrlosen lassen wie die Eltern von Jessica aus Hamburg, sie hat es nicht verhungern lassen wie die Eltern von Dennis aus Cottbus, sie glaubte Tim in guten Händen, auch wenn Oliver dem Kind gegenüber „diktatorisch“ gewesen sei: Nach anfänglichen Schwierigkeiten sei es „gut gelaufen“ zwischen den beiden, „Tim ist mit einem Lachen rübergegangen“. Aber Monja H. hat ein paar Dinge nicht so genau genommen, „Oliver sagte, das ist schon okay, ihn in seiner Wohnung alleine zu lassen, er könnte da nichts anstellen“. Sie hat darüber hinweggesehen, dass ihr Freund das Kind in die Backe kniff, bis es blaue Flecken bekam, Oliver versprach, es nicht wieder zu tun. Es konnte ja keiner wissen, dass es so fatale Folgen haben würde, ihm zu vertrauen, „es war mein erstes Kind“, sagt sie.

Monja H. ist noch sehr jung. Die gelernte Krankenpflegehelferin hat wenige Freunde und schon gar keine mit Kindern, das Verhältnis zu ihrer Mutter ist gestört. Es gibt niemanden, der ihr erklärt, wie das geht: Mutter zu sein. Dass man auf sein Gefühl hören muss und nicht auf andere. Dass man sein Kind schützen muss, verteidigen, mehr als sich selbst. Wo die Grenzen für Kinder sind und wo die für die Erwachsenen. Der Eindruck drängt sich auf, dass Monja H. erst verstanden hat, was es bedeutet, Verantwortung für ein Kind zu übernehmen, als ihr Kind schon tot war.

Ein Indizienprozess. Das tote Kind ist, sechs Tage nachdem die Mutter es als vermisst gemeldet hatte, in einer Sporttasche des Angeklagten gefunden worden, in einem Garten in der Elmshorner Altstadt, auf dem Grundstück von Oliver H.s Vermieter, für den er ab und zu arbeitete. Bei seiner Festnahme hat Oliver H. zugegeben, er sei „verantwortlich“ für den Tod des Jungen. Es ist zunächst die Rede von einem heftigen Sturz beim Duschen, am nächsten Morgen sei Tim tot gewesen, beziehungsweise: Er habe noch röchelnde Geräusche von sich gegeben, eine dunkle Flüssigkeit sei aus seinem Mund gekommen.

Vor Gericht schildert Oliver H. den Unfall in der Badewanne als banal; er kann sich den Tod des Kindes nicht erklären und gibt bloß noch zu, die Leiche weggebracht zu haben. Das, sagt er, habe er gemeint, als er bei der Polizei angab, er hätte „es“ gern „rückgängig gemacht“. Die Vernehmer hatten auch die Sätze protokolliert „Ich wollte nicht mehr leben“ und „Das war keine Absicht“. Oliver H. windet sich. Er habe bereut, dass er die Leiche weggebracht habe und dass er es nicht schaffte, Monja zu sagen, dass Tim tot war. Das sei alles.

Im Prozess wird viel Zeit darauf verwendet, zu klären, ob Oliver H. tatsächlich am Abend, an dem Tim starb, die Wohnung verlassen hat, um Zigaretten zu holen und eine Freundin zu besuchen. Eine Gelegenheit für den Auftritt eines Unbekannten? Die Haustür war nur mit einem Schlüssel zu öffnen, die Wohnungstür will Oliver H. entgegen seiner Gewohnheit unverschlossen gelassen haben. Könnte Monja H., die an jenem Abend mit einem Magen-Darm-Infekt im Bett lag, in die Nachbarwohnung gegangen sein, das Kind misshandelt und sich anschließend wieder in ihr Bett gelegt haben?

Als er vom Zigarettenholen zurückkam, sagt Oliver H., habe Tim jedenfalls auf einmal nicht mehr im Bett gelegen, sondern auf dem Sofa. Irgendjemand muss ihn wohl umgebettet haben. Er selbst allerdings hat Polizeibeamten bei einer Tatortrekonstruktion vorgeführt, wie er das tote Kind vom Bett aufs Sofa gelegt habe. „Falsch“, sagt er jetzt und macht sich mit jedem Wort unglaubwürdiger. Die Richter schütteln den Kopf. Aufforderungen, doch nun endlich ein Geständnis abzulegen, bleiben ungehört. Der Angeklagte, akkurat gebügelt, starrt auf die Tischplatte vor sich, blinzelt, schluckt, bleibt dabei.

Eine Zeugin, die am fraglichen Dienstagabend um 21 Uhr vor dem Haus vorbeigeht, hört durch das gekippte Fenster Kinderschreie und ein Schlagen wie von einer Tür. Sie ruft ihren Freund an: Ob sie die Polizei alarmieren solle? Der Freund rät ab. Monja H., deren Wohnung auf der anderen Seite des Hauses gelegen ist, hört nichts. Noch am Donnerstagmorgen gibt sie Oliver H. frische Wäsche und Windeln für Tim. Als sie sich am Abend per SMS nach Tim erkundigt, kommt Oliver zu ihr in die Wohnung, sagt ihr, er habe Tim ins Kinderzimmer gelegt, sie solle ihn erst später ausziehen, er sei dabei einzuschlafen. Monja H., noch immer krank, dämmert weg; als sie später aufsteht, ist Tim nicht da. Sie rennt los, sucht ihr Kind auf dem Spielplatz, bei der Oma, dem Vater, alarmiert die Polizei und verschweigt anfangs, dass Tim nebenan war, dass sie ihn seit zwei Tagen nicht gesehen hat, oder waren es drei? Sie hat Angst um das Sorgerecht, um das sie sich mit Tims Vater gestritten hatte. Sechs Tage vergehen, an denen Oliver Monja ermutigt, man werde Tim schon noch finden, vielleicht habe sein Vater ihn ja entführt.

Irgendwann in diesem Prozess leitet die Beisitzerin eine Frage ein mit den Worten „Es gibt nahezu kein Körperteil von Tim …“, sie lässt den Satz unvollendet, korrigiert sich: „Sagen wir: Es gibt oberhalb der Hüfte zahlreiche blaue Flecken.“ Einige sind älteren Datums, es ist noch nicht abschließend geklärt, ob sie dem Kind vom Angeklagten zugefügt worden sind. Deshalb gibt es noch ein Ermittlungsverfahren gegen Monja H., wegen Misshandlung. Monja H.s Verteidiger ist sicher, dass es bald eingestellt wird.

Im Verfahren gegen Oliver H. wird das Urteil vermutlich nächste Woche gesprochen, auch wenn man wohl nie erfahren wird, was an jenem Dienstagabend mit Tim passiert ist. Dass Oliver H. die Absicht hatte, das Kind zu töten, ist unwahrscheinlich. Warum könnte er die Beherrschung verloren haben? Was kochte in ihm?

In der letzten Zeit habe er nicht mehr so ruhig gewirkt wie sonst, sagt Monja H. Oliver H. hatte finanzielle Sorgen. Einmal, erzählt Monja H. dem Gericht, habe sie einen Brief vom Gerichtsvollzieher für „Herrn H.“ angenommen. Er sei so sauer gewesen, dass er sie geschubst habe. Monja H. ist inzwischen wieder mit Tims Vater zusammen, der ebenfalls als Nebenkläger im Prozess auftritt. Ihn hatte sie mal verlassen, weil er sie geschlagen hatte.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben