Zeitung Heute : Töten aus Anstand: Schuss ins Herz

Susanne Güsten

Recve Aslan war elf Jahre alt, als sie vergewaltigt wurde. Der Täter wurde nicht gefasst, das Verbrechen jahrelang nicht einmal bekannt, denn das kleine Mädchen aus der südosttürkischen Stadt Urfa konnte sich weder den Eltern noch der Polizei anvertrauen. Der vorzeitige Verlust der Jungfernschaft gilt im türkischen Südosten nach wie vor als so ehrenrührig, dass er selbst dem Opfer einer Vergewaltigung nicht verziehen wird - das wusste schon die Elfjährige. Acht Jahre lang schleppte Recve ihr furchtbares Geheimnis mit sich herum, bis sie ins heiratsfähige Alter kam und es der Familie beichten musste. Und dann kam alles, wie Recve geahnt hatte, dass es kommen würde: Der Familienrat trat zusammen und beauftragte ihren Bruder, die Familienehre wiederherzustellen. Hüseyin Aslan tötete seine kleine Schwester mit einem Schuss ins Herz, während die Mutter im Nebenzimmer wartete.

Blutiger Alltag

"Kanli Urfa" - blutiges Urfa - heißt heute im Volksmund die Stadt, der für ihre Rolle im Befreiungskrieg einst der Ehrennamen "Sanli Urfa" - großartiges Urfa - verliehen wurde. Denn alleine in Urfa wurden in den vergangenen fünf Jahren 25 weitere "Anstandsverbrechen" bekannt, wie diese Ermordungen junger Frauen in der Türkei genannt werden, Recve Aslan wurde vor kurzem zum 26. Opfer. Die Dunkelziffer liegt weit höher, weil die Taten oft als Unfälle getarnt werden, auch ist der Brauch nicht auf Urfa beschränkt, sondern vor allem im Osten und Südosten der Türkei weit verbreitet. Ein Ende werden die gesellschaftlich geduldeten Frauenmorde nach Ansicht von Experten erst haben, wenn ein wirtschaftlicher Aufschwung in dem bitterarmen Gebiet einen Strukturwandel der traditionellen Gesellschaft ermöglicht.

"Namus" ist der Schlüsselbegriff für die Anstandsverbrechen; das türkische Wort bedeutet so viel wie "Ehrbarkeit" oder "Unbescholtenheit". Diese Ehrbarkeit gilt der traditionellen türkischen Familie als höchster Besitz, dessen Verlust das gesellschaftliche Aus bedeutet. Definiert wird sie in erster Linie über die Sittsamkeit der weiblichen Familienmitglieder, die es deshalb mit allen Mitteln zu verteidigen gilt. "Meine Familie konnte sich nicht mehr auf der Straße sehen lassen", begründete etwa Ahmet Kurt, ein weiterer "Anstandstäter" aus Urfa, im vergangenen Oktober, warum er im Auftrag seines Vaters und seiner drei Onkel die 20-jährige Schwester Fatma erschossen hatte. Das Mädchen hatte partout nicht bei dem Mann bleiben wollen, mit dem seine Familie es gegen ihren Willen verheiratet hatte.

Oft ist der Anlass der "Anstandsverbrechen" auch weit geringer, wie das türkische Amt für Frauenangelegenheiten in einer Studie festgestellt hat. Für das Todesurteil der Familie könne es schon ausreichen, dass einem Mädchen beim Wunschkonzert im Radio ein Titel mit einer Liebeserklärung gewidmet werde, heißt es darin. Die Opfer der "Anstandsverbrechen" sind der Studie zufolge ausnahmslos weiblich und in der Regel zwischen zwölf und zwanzig Jahre alt. Zur Vollstreckung werden die Mädchen demnach bevorzugt im Fluss ertränkt oder mit dem Traktor überfahren - wenn die Tat als Unfall getarnt werden soll -, erschossen oder mit durchgeschnittener Kehle auf die Straße geworfen.

Verübt werden die "Anstandsverbrechen" meist von einem männlichen Angehörigen des Opfers - und zwar, wo immer es geht, von einem jüngeren Bruder. Dahinter steckt das kühle Kalkül des Familienrats, dass ein jugendlicher Täter mit einer geringeren Strafe zu rechnen hat als ein volljähriges Familienmitglied. Mit Rücksicht auf ihre Jugend und auf die "gesellschaftlichen Werte", von denen sie geprägt seien, würden "Anstandstäter" von den Gerichten sehr milde behandelt und kämen oft mit zwei bis drei Jahren Haft davon, beklagt das Frauenamt - wenn sie überhaupt vor Gericht kämen: "Diese Taten werden in der Regel gut geplant, sie werden als Unfälle getarnt, und alle versuchen gemeinsam, den Täter vor der Justiz zu schützen."

Mit dieser Einschätzung widerspricht das Frauenamt den - fast ausnahmlos männlichen - Ministern und Abgeordneten der in Ankara mitregierenden Partei des Nationalen Aufbruchs, die "Anstandsverbrechen" als Affekthandlungen werten und die "Anstandstäter" deswegen auch in den Genuss einer jüngst erlassenen Amnestie kommen lassen wollten. Die rechtsnationale Partei steht mit ihrem Verständnis für die Täter nicht alleine da. Erst unlängst ließ ein Strafgericht wieder die geständigen Angehörigen eines jungen Mädchens aus Urfa laufen, weil diese ja nur den "Gesetzen der Gesellschaft" gehorcht hätten, als sie die junge Frau gefesselt in den Euphrat warfen.

Unwidersprochen bleibt diese Haltung aber heutzutage nicht mehr. Verbände wie das "Projekt Menschenrechte für Frauen" gehen gegen die "Anstandsverbrechen" auf die Barrikaden, und die Frauenkommission der Anwaltskammer in Ankara schickt inzwischen regelmäßig Beobachterinnen aus der Hauptstadt zu einschlägigen Prozessen vor den Provinzgerichten im Südosten. Ausreichen wird das aber nicht, um die "Anstandsverbrechen" zu stoppen, meinte der Justizprofessor Dogan Soyaslan kürzlich bei einer Fachtagung des Frauenamtes zu dem Thema. So lange junge Frauen sich im bitterarmen Südosten nicht aus der wirtschaftlichen Abhängigkeit von ihren Familien befreien könnten, so lange würden sie auch weiter als Eigentum ihrer männlichen Angehörigen betrachtet, meinte der Professor. Erst wenn das Land wirtschaftlich weit genug entwickelt sei, werde ein Wertewandel möglich, der das Individuum mit seinem Recht auf Leben über die Gemeinschaft und ihren Ehrbegriff stelle. Bis dahin aber werden die jungen Frauen weiter sterben.

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