Zeitung Heute : „Tokio blickt auf Berlin“

Mobilitätsmanager Wolfgang Steinicke erklärt, wo neue Jobs entstehen und warum die Stadt den Großflughafen braucht

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Interview: Alexander Visser Herr Steinicke, Verkehr und Mobilität bilden eines der Kompetenzfelder der Berliner Wirtschaft, die der Senat gezielt fördern will. Wo liegt die besondere Kompetenz Berlins im Bereich Verkehr?

In der Hauptstadtregion zählen wir täglich über 14 Millionen Verkehrsbewegungen. Von der Anwenderseite her kann sich Berlin mit anderen europäischen Metropolen wie London, Paris oder Moskau messen. Außerdem gibt es großes Interesse der hier angesiedelten Unternehmen, die Anwendungskompetenz mit der stark ausgeprägten wissenschaftlichen Kompetenz zu verbinden. In der Verkehrstechnik-Forschung ist Berlin weltweit hoch angesehen.

Die Forschung findet in Berlin statt – die Produktion aber anderswo?

Zum Teil ist es schon so, dass Patente aus Berlin in Stuttgart, München oder sonstwo umgesetzt werden. In der Produktion müssen wir noch stärker werden. In der Luftfahrtindustrie steht Brandenburg aber schon gut da und bei den Autozulieferern hat Berlin Fortschritte gemacht.

Wo entstehen neue Arbeitsplätze?

Wir erleben einen Strukturwandel. Einerseits haben wir Arbeitsplätze verloren, zum Beispiel im Bereich der Bahnindustrie. Andererseits haben wir in den vergangenen Jahren rund 3800 neue Stellen gewonnen, vor allem bei Verkehrstelematik und den Autozulieferern. Im Saldo ergibt sich ein Plus von 1300 Stellen.

Wo sind die meisten Jobs entstanden?

Bei alteingesessenen Konzernen wie Daimler-Chrysler ebenso wie bei neu angesiedelten Firmen. Die VW-Tochter Carmeq zum Beispiel hat seit 2003 über 100 hoch qualifizierte Mitarbeiter in Berlin eingestellt. Das zeigt, wie hoch die Engeneering-Kompetenzen in Berlin eingeschätzt werden.

Rund 80 Prozent der Verkehrstechnik-Firmen der Region sind jedoch kleine und mittelständische Unternehmen mit weniger als 20 Mitarbeitern. Ist diese Kleinteiligkeit ein Standortnachteil?

Das kann auch ein Vorteil sein, wenn wir innovative Unternehmen haben. Es kommt darauf an, diese Firmen zu unterstützen, wenn sie ihre Ideen auf den Markt bringen wollen. Das tut Berlin jetzt verstärkt, etwa mit neuen Förderprogrammen der Investitionsbank IBB für innovative Mittelständler und mit dem Zukunftsfond, den die Technologiestiftung betreut.

Das Bundesverwaltungsgericht hat nun grünes Licht für den Großflughafen BBI gegeben. Haben Sie da ein Stoßgebet nach oben geschickt?

Allerdings. Die mangelnde Fluganbindung war bisher ein echter Standortnachteil. Nur ein Beispiel: Bei internationalen Konferenzen zum Thema Mobilität haben unsere Partner oft gesagt, ’Lasst uns doch lieber in Brüssel oder Paris tagen, da können alle direkt hinfliegen.’ Jetzt haben wir nach einem langen Entscheidungsverfahren eine Lösung gefunden, mit der sowohl die Fluggesellschaften als auch Anwohner und Reisende leben können.

Befürchten Sie, dass das Nachtflugverbot die Fluggesellschaften zu stark einschränkt?

Es wird auf die Nutzungsmöglichkeiten in den Randzeiten ankommen, zwischen 22 Uhr und Mitternacht sowie zwischen fünf und sechs Uhr morgens. Ich gehe davon aus, dass eine Lösung gefunden wird, bei der BBI mit anderen Flughäfen wie München und Frankfurt mithalten kann.

Die Stadt will den Flughafen Tempelhof nun möglichst schnell schließen. Ist das richtig?

Das Beispiel London hat gezeigt, dass der City-Airport ein wesentliches Element ist, um die Wirtschaftskraft zu beflügeln. Daher sollte man genau prüfen, ob nicht auch Berlin einen City-Airport behalten sollte.

Sie tauschen sich weltweit mit Verkehrsmanagern aus. Gibt es etwas, worauf die in Berlin neidisch sind?

Wir haben in Tempelhof eines der modernsten Verkehrsmanagement-Zentren weltweit. Besonders die Bündelung mit der Verkehrsregelungszentrale ist wegweisend. 30 Millionen Euro werden derzeit in weitere Projekte investiert, um die Nutzer noch besser mit Echtzeit-Informationen versorgen zu können. Früher war Tokyo hier führend. Aber wie ich kürzlich in Tokyo feststellen konnte, orientieren sich die Japaner mittlerweile an Berlin.

Wolfgang

Steinicke , 58, leitet den Forschungs- & Anwendungsverbund Verkehrssystemtechnik Berlin (FAV)

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