Zeitung Heute : Tokio Modell

Er war Arzt, General, Dichter: Mori Ogai. Zu seinem 150. Geburtstag feiert ihn Tokio mit einem Museum und einer Oper. Seine Spur aber führt auch nach Berlin. Und es beginnt eine ganz neue deutsch-japanische Geschichte.

Barock auf Japanisch. Hommage an Mori Ogai. In Tokio wird Glucks „Orpheus und Eurydike“ aufgeführt – mit dem Libretto, das Mori 1914 geschrieben hat. Foto: Festival
Barock auf Japanisch. Hommage an Mori Ogai. In Tokio wird Glucks „Orpheus und Eurydike“ aufgeführt – mit dem Libretto, das Mori...

Es war einmal ein junger Mann in einem sehr fernen Land, der brach auf in die Welt und hatte große Erwartungen.

So fangen wohl Märchen an, aus alter Zeit. Manchmal aber sind sie nur einfach wahr. Und reichen direkt in die Gegenwart. Also gab es den jungen Japaner Mori Rintaro, später Ogai genannt, der mit gerade 20 Jahren schon promovierter Arzt war und zur Zeit, als im fernen Inselreich der Kaiser Meiji regierte, der sein Land erstmals dem Westen und der Moderne öffnete, nach Deutschland kam. Mori, das ist sein Familienname, war ins japanische Heeresministerium eingetreten, von dort entsandte man ihn im Herbst 1884 nach Berlin. Er sollte das damals weltweit führende deutsche Hygienewesen studieren.

Über Leipzig und München kam der japanische Jungmediziner 1887/88 wieder nach Berlin, wo er Assistent von Robert Koch und Adept der neuesten Bakteriologie wurde. Zugleich aber ward er angesteckt von der deutschen Kultur, von Musik und Literatur. Aus der Liebschaft mit einem Berliner Mädchen, einer armen Ballettratte namens Elise, entstand ein Kind – und später die auch wiederholt ins Deutsche übersetzte melodramatische Erzählung „Die Tänzerin“. Der Psychologie und Sprache wegen gilt sie als Japans erster moderner Liebesroman.

Mori Ogai (1862-1922), hat 2012 sein Doppeljubiläum, und er wird just in dieser Woche vor allem in Tokio gefeiert. Ein neues Museum, eine Oper – doch wer diese abenteuerliche japanisch-deutsche Geschichte besser verstehen will, braucht wohl noch ein paar Basics in Sachen Mori-Manie und Mori-Manier.

Als hoher Militärarzt, Reformer und General hat er in Japan nach seiner Rückkehr nicht nur weitere (zart erotische) Romane geschrieben. Er hat noch den ganzen „Faust“ und von Goethe über Kleist bis Gerhart Hauptmann die halbe deutsche Klassik ins Japanische übertragen, auch Zeitgenossen wie den Dichter Klabund oder Schriften von Sigmund Freud. Dazu war er ein Zeitungsmarder. Mori Ogai hat sich unentwegt deutsche Presse, Bücher, Magazine per Schiff nach Tokio schicken lassen und Neues aus Politik, Wissenschaft und Kultur sowie allerhand Kurioses schon bei der ersten Lektüre blitzschnell übersetzt. Und es fürs japanische Publikum, oft mittels seiner selbstgegründeten Presseagentur, sogleich publiziert.

Beate Wonde ist Japanologin der Berliner Humboldt-Universität und von Anfang an Leiterin der 1984 noch zu DDR-Zeiten gegründeten Mori-Ogai-Gedenkstätte in Berlin-Mitte: erster Stock Altbau, Ecke Luisen- und Marienstraße, in der Wohnung, die Ogai 1887 als Untermieter bewohnte. Frau Wonde nennt das Universalgenie Mori mit seinem Übermittlungsdrang heute auch „den ersten Blogger der Geschichte“.

Tausende japanische Touristen, bis hin zum Kaiserpaar auf Deutschland-Visite, besuchen Jahr für Jahr die mit Briefen, Büchern, Faksimiles, einem Gründerzeitzimmer und Moris Totenmaske anmutig und informativ inszenierte Gedenkstätte. Ein kleiner Wallfahrtsort in Blickweite des Reichstags, für viele Berliner noch zu entdecken. Jetzt aber, im 150. Geburts- und 90. Todesjahr, feiert man ihn zu Hause.

Gestern wurde für Mori Ogai im Norden von Tokio ein vom Architekten Fumio Tooki superchic designtes, für rund zehn Millionen Euro in Granit, Stahl und Glas an der Stelle seines ehemaligen Wohn- und Sterbehauses entworfenes Museum eröffnet. Neben den präsentierten Büsten, Erstausgaben, Bildern, Manuskripten, Infos auf Touchscreens und Kunstobjekten – Mori war nach seiner Zeit als Militärarzt noch Generaldirektor der Tokioer Museen – wird hier auch seine Bibliothek, werden Teile des immensen Nachlasses erforscht und verwaltet. Einer der Mitarbeiter weist den Besucher aus Deutschland eigens auf ein Transparent mit Mori Ogais Stammbaum hin. Seine japanischen Kinder aus zwei Ehen hießen: Otto, Marie, Fritz, Anne und Louis.

Das Museum steht in einer hügeligen, in der 30-Millionenstadt eher ruhigen Wohngegend, von der man zu Moris Zeiten noch ohne Wolkenkratzer bis zur Tokio Bay blicken konnte. Gegenüber dem Haupteingang liegt eine Art Sechziger-Jahre-Bar mit dem Namen „Mad Hat“. Das hätte dem Geisteskopf M. O. gewiss gefallen.

Ein Szenenwechsel. Wasser wogen, Flammen lodern, Blitze zucken. Das alles ist erst mal nur Theater. Ist große Oper, die man auch in Japan sehr liebt. Die Jubiläumsfeier begann am vergangenen Sonntag: mit einer Barockoper auf Japanisch, in Mori Ogais Versen.

Am 21. Juni 1885 hatte Mori im Leipziger Theater Christoph Willibald Glucks Oper „Orpheus und Eurydike“ gesehen. Die Musik, der Mythos vom berühmtesten Sänger der europäischen Antike und seiner jäh ins Schattenreich gerissenen Geliebten ließen Mori Ogai nicht mehr los. Jetzt zum Jubiläum hat das Musiktheater die heute in Berlin und Tokio lebende Regisseurin und Bühnenbildnerin Kazuko Watanabe inszeniert. Ihre Familie stammt aus Sendai, einer Millionenstadt nördlich von Fukushima – auch darum hat sie, 20 Monate nach dem Tsunami und der Atomkatastrophe, die Festaufführung „den Opfern des Seebebens“ gewidmet.

So assoziiert das auf die Bühne geworfene Lichtspiel der Elemente Feuer, Wasser, Blitz mit Eurydikes Liebestod auch die Andeutung eines Weltuntergangs. Da mag den fast 2000 Zuschauern in der riesigen Bunkyo-ko Civic Hall von Tokio allerhand durch den Kopf gestürmt sein.

Glucks „Orpheus“ wurde vor 250 Jahren in Wien uraufgeführt. Auf Italienisch. In Tokio wird freilich zum ersten Mal in einem öffentlichen Theater Mori Ogais 1914 geschriebenes, vom damaligen Weltkriegs-Ausbruch verdrängtes Libretto gesungen. Nicht nur der junge Countertenor Hiroya Aoki in der Titelrolle wurde danach gefeiert. Ein anwesender Enkel von Mori Ogai sagte uns nach der Vorstellung in Englisch, auch die ganze Inszenierung habe den „Spirit“ seines Großvaters getroffen.

Die Aufführung im Mammuttheater, mit 25-köpfigem Chor, Orchester und der aus Deutschland eingeflogenen japanischen Regisseurin wird allerdings nur das eine Mal, als Fest-Akt, gespielt. Trotz enormer Nachfrage. Noch tags zuvor hat uns Junko Yoshida, Musikkritikerin der großen Tageszeitung „Asahi“, erzählt, dass in der Finanz- und Wirtschaftskrise das japanische Staatsfernsehen den einzigen Kultursender eingestellt habe. Auch sonst würden die Kulturbudgets hart gekürzt. Und wie auch andere Kritiker und Intellektuelle sagt sie, dass die japanischen Künstler mit der Erfahrung von Fukushima bisher eher scheu und ausweichend umgingen. Obwohl es der größte Einschnitt in Japans Geschichte seit dem Zweiten Weltkrieg und den Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki war.

Kazuko Watanabe, die Regisseurin, fragen wir, ob die Einmalaufführung zu Moris Ehren nicht ein befremdlicher Luxus sei. Watanabe, deren altmädchenhaft glattes Gesicht manchmal einer sanft lächelnden Maske des japanischen No-Theaters gleicht, sie ruft: „Natürlich!“ Japaner seien immer zugleich diskret und ausschweifend, sparsam und verschwenderisch, auch in der Krise. „Alles ist bei uns elektrisch!“ Japans Häuser, wenn sie keine Wolkenkratzer sind, bestehen meist nur aus Holz und Rigips, sind kaum gegen Kälte isoliert, sie werden im Winter mit Strom beheizt, im Sommer mit Klimaanlagen gekühlt, ganzjährig sind selbst die Toilettenschüsseln elektrisch gewärmt. Aber in dem rohstoffarmen Land soll es nach deutschem Vorbild, wenngleich zehn Jahre später, die atomkraftfreie Energiewende geben.

Kazuko Watanabe zweifelt da am Willen und den Fähigkeiten der Politiker. „In Japan“, sagt sie mit ihrem No-Lächeln, „gibt es vier Katastrophen: Erdbeben, Wasser, Feuer und die Väter.“ Mit Letzteren meint sie, übers Familiäre hinaus, die lange dominante Altmännerkaste der japanischen Politik. Ihr Großvater freilich war einer der wenigen Politiker des Landes, der im Zweiten Weltkrieg gegen die Entmachtung des Parlaments und gegen die Einführung der Militärdiktatur stimmte. Und ihr Vater Buichi Oishi glich dem Reformer Mori Ogai: Arzt auch er, dann Mitte der 1970er Jahre Minister für Landwirtschaft und Umweltschutz, der gegen den Widerstand der mächtigen Automobilindustrie in Japan den Katalysator und strengste Abgasrichtlinien durchsetzte. Noch heute fällt dem Besucher Tokios auf, wie viel leiser, flüssiger und geruchsärmer der Verkehr durch die Megacity rollt im Vergleich zur Kleinstadt Berlin.

Kazuko Oishi mit dem Künstlernamen Watanabe hat auch eine japanisch-deutsche Brücken-Biografie. Nach dem Soziologiestudium folgte sie ihrem damaligen Mann von Tokio nach Wien. Um dort nicht nur Hausfrau zu werden, begann sie mit ihrem angeborenen Talent zu zeichnen und Hutmoden zu kreieren. Nach kurzem Kunststudium wurde sie von der Kostümbildnerin Moidele Bickel entdeckt, die um 1970 für die Jungregisseure Claus Peymann und Peter Stein arbeitete. Stein engagierte sie an die neue Berliner Schaubühne, bald darauf war sie auch Bühnenbildnerin, arbeitete unter anderem mit Achim Freyer, George Tabori und Heiner Müller zusammen. Ihre eigene Inszenierung von Elfriede Jelineks „Stecken, Stab und Stangl“, einer Farce wider die neue Ausländerfeindlichkeit, wurde 1977 zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Seitdem ist sie zwischen den Kontinenten und Kulturen ein stiller Star der Szene. Mit der Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek hat sie noch ein japanisch-deutsches Projekt in petto. Und ihre nächste Arbeit soll eine Installation zum Thema „Migration“ fürs Deutsche Hygiene-Museum in Dresden sein.

Die Feuer-Wasser-Ouvertüre ihres „Orpheus“ würde sie jetzt auch dem amerikanischen Monster namens „Sandy“ widmen. Doch bevor sie nach Berlin zurückkehrt, ist Kazuko Watanabe am gestrigen Freitag zu ihren alten Schulfreundinnen in die Nähe von Fukushima gereist. Die Toten und alle, wie sie sagt, „noch gegenwärtigen Verwüstungen“ treiben sie weiter um. In Tokio wird derweil Elfriede Jelineks 2011 in Köln uraufgeführtes Fukushima-Requiem „Kein Licht“ geprobt. Der Regisseur Akira Takayama bringt es Ende nächster Woche als migrierende Performance an mehreren Orten der Stadt im Rahmen des Internationalen Tokio Festivals heraus.

Fukushima bedeutet wörtlich übrigens: „Glückliche Insel“. So heißt auch die szenische Collage, die der Dramatiker Nis-Momme Stockmann nach einem Japan-Besuch in diesem Frühjahr am Deutschen Theater Berlin herausgebracht hat. Und der im nämlichen Haus viel gespielte Autor und Regisseur Roland Schimmelpfennig schreibt wohl gerade eine Fukushima-Reflexion fürs Tokioer Nationaltheater, die dort im kommenden Jahr uraufgeführt werden soll. Die große Welle hat so auch eine viel sanftere, symbolisch und thematisch indes eng verbundene neue deutsche Japan- Welle ausgelöst.

Ganz andere, jüngere, unbeschwertere Geister tanzten diese Woche gleichfalls durch die Nächte der Riesenstadt Tokio. Viele Totenmasken, skurrile Kostüme, oft auch sehr leicht bekleidete, leicht berauschte Teenager, Hunderttausende im Licht der frenetischen, haushohen Leuchtreklamen. Halloween beim Shibuya Bahnhof, dem menschenreichsten der Welt, vor dem auch die irrlichternden Nachtszenen des Films „Lost in Translation“ gedreht wurden. Zusammen mit dem Theaterwissenschaftler Shinya Takahashi, der demnächst an der Berliner Freien Universität über „die Stille“ forschen will, finden wir hier ein Restaurant im 8. Stock eines kleineren Megastores.

Trubel auch dort, und im Gespräch zwischen einer sehr jungen Kellnerin und Professor Takahashi fallen offenbar die Worte „Mori Ogai“. Die Kellnerin hatte nach dem Gast aus dem Westen gefragt – und nun strahlt sie. Ihr Vater sei ein Fan von Mori Ogai gewesen, und sie trage den deutschen Vornamen Karin. Ob sie selber etwas von Mori wisse? Das vielleicht 20-jährige Mädchen sagt: „Die Tänzerin“, diese alte Berlin-Geschichte, habe sie gelesen. Auch das klingt, mitten im Tokio von heute, wie ein Märchen.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

1 Kommentar

Neuester Kommentar