Zeitung Heute : „Toll finde ich das Miteinander“

Kunst, Nachtleben, multikulturelle Kieze: Viele Briten fliegen auf Berlin. Sie mögen die Toleranz der Bewohner und staunen über niedrige Bierpreise.

Foto: Hella Kaiser
Foto: Hella Kaiser

Herr Lohmann, Sie verdienen Ihr Geld damit, Briten und Iren nach Deutschland zu locken. Es funktioniert anscheinend bestens. Und die Touristen reisen nicht mehr nur nach Bayern, zu Maßkrügen, Gamsbärten und Sepplhosen, viele Engländer zieht es heute nach Berlin. Welche Bedeutung hat die Stadt – von außen gesehen?

Berlin ist ein Magnet mit einer riesengroßen Anziehungskraft. Im internationalen Tourismus spielt die Stadt mit mehr als 24,8 Millionen Gästen aus aller Welt eine wichtige Rolle.

Was macht Berlin so anziehend?

Berlin ist als Stadt attraktiv in vielen Bereichen. Sie lockt mit Kultur, Subkultur, Musikkultur und den Underdogs. Und die Stadt ist best value for money, wenn man die Preise und Qualitäten der Hotels anguckt, die Dienstleistungen, das ganze Drumherum. Zudem ist Berlin zentral gelegen, also gut erreichbar.

Dabei fehlt uns ja noch der Großflughafen BER ...

Ja, aber dieser Flughafen mit all den Verzögerungen im Bau, der macht uns irgendwo auch menschlicher. Er ist natürlich gewünscht und auch notwendig. Aus meiner Fernsicht aber gibt es andere Flughäfen, es gibt andere Erreichbarkeiten, es gibt einen wunderbaren Hauptbahnhof. Alternativen sind also vorhanden.

Es kommen jetzt manchmal Klagen aus den Kiezen. Manchen Berlinern werden die Touristen in ihren Wohnbezirken einfach zu viel. Dringen solche Lamentos durch nach London?

Das ist überhaupt kein Thema. Es dringt durch, ja, aber es wird nicht wirklich wahrgenommen. Durch die Strahlkraft von Berlin wird das einfach übertüncht.

Berlin ist vor allem bei jungen Leuten angesagt, aber deren Geschmack ändert sich schnell. Was heute im Trend ist, kann morgen out sein. Muss Berlin aufpassen?

Nein, das glaube ich nicht. Berlin ist die Capital of Cool, es ist die europäische Hauptstadt für schillerndes Nachtleben. Berlin hat soeben eine große Auszeichnung in Großbritannien bekommen für Nightlife non stop. Aber die Stadt bietet ja nicht nur für Jugendliche etwas.

Das Kulturangebot ist im Vergleich zu London vielleicht bescheiden, aber wahrscheinlich günstiger zu haben?

Absolut. Und es ist nah und gut erreichbar mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Aber klein ist das kulturelle Angebot in Berlin nicht, wenn man das Volumen sieht bei 3,5 Millionen Einwohnern im Vergleich zu 11,5 Millionen im Großraum London. Aber die Qualität ist absolut vergleichbar.

Was könnte die Stadt noch verbessern?

Da gibt es sicher einiges. Aber ein großes Thema und auch eine Herzensangelegenheit von mir ist, auch im Hinblick auf den demografischen Wandel, das barrierefreie Reisen. Ich weiß, Berlin ist da aktiv, könnte aber noch aktiver werden.

Sie sind ab und zu auch privat in der Stadt. Was gefällt Ihnen ganz persönlich in Berlin?

Ich mag, und das gefällt mir – to be honest – auch in London: die Freiheit. Freiheit des Denkens, Freiheit des Rumlaufens, hier fällt keiner auf, hier kann jeder machen, was er will. Wer es mag, kann 24 Stunden lang durchfeiern. Toll finde ich die multikulturelle Szene, und zwar nicht nur in einem Kiez, sondern in vielen Kiezen, das Miteinander, die Toleranz.

In Berlin wird die Einführung einer City-Tax diskutiert. In London existiert sie nicht. Würde eine solche Bettensteuer die Attraktivität Berlins mindern?

Naja, ein großer Pluspunkt für Berlin ist eben das Preis-Leistungsverhältnis. Wenn durch eine City-Tax Übernachtungen teurer werden, ist es sicherlich zu überdenken. Aber grundsätzlich sind die Preise in Berlin ja moderat, und die würden sich durch die City-Tax nicht erhöhen. Ich glaube, da ist noch Luft, ohne das jetzt bewerten zu wollen. Wenn ich meine Gespräche mit Reiseveranstaltern und Journalisten führe, dann bringe ich auch Speisekarten von Berlin mit und zeige einfach mal, wie wenige Euro eine Pizza kostet. Meine Vergleichseinheit ist häufig ein kleines Glas Bier. Dann staunt jeder Journalist, jeder Reiseveranstalter.

Berliner gelten als etwas ruppig, während Engländer sich brav an der Bushaltestelle in Reihe anstellen. Bekommen Briten in der Stadt erstmal einen Schock?

Nein, nein. Außerdem: So wie man in London selten gebürtige Londoner trifft, so begegnet man eben auch in Berlin wenigen Menschen, die in der Stadt auch geboren sind. Klar gibt es Taxifahrer mit „authentischer Schnauze“, aber sonst prägen ja auch die vielen Besucher hier ein multikulturelles Leben.

Wie ist das Feedback, das Sie von Engländern bekommen, die in Berlin waren?

Sehr positiv. Die Wiederholerrate bei Berlin-Touristen ist gigantisch. Auch wenn der statistische Besucher nur 2,6 Tage bleibt, weiß ich, dass dieser x-mal wiederkommt. Rund 400 000 Übernachtungen, resultierend aus Großbritannien, wurden 2012 in Berlin gezählt, mit 13,5 Prozent der größte internationale Markt für Berlin. Die Stadt ist so vielfältig, so facettenreich, ganzjährig zu besuchen und verändert sich so sehr. Es macht einfach Spaß, so ein tolles Produkt zu haben.

Das Gespräch führte Hella Kaiser

Klaus Lohmann (48) ist Leiter der Auslandsvertretung der

Deutschen Zentrale für Tourismus (DZT)

in Großbritannien

und Irland. Sein Dienstsitz befindet sich in London.

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