Zeitung Heute : "Tollhaus der Möglichkeiten": Wo ist die Falltür?

Christoph Amend

Es können einem merkwürdige Dinge passieren mit diesem Buch.

Zunächst ist da der deutsche Titel "Tollhaus der Möglichkeiten". Erst fragt man sich, ob die Nähe zu Tom Wolfes Bestseller "Fegefeuer der Eitelkeiten" dem Debüt von Kurt Andersen einen Gefallen tut. Dann nimmt man die "Möglichkeiten" in die Hand, hält sie neben die "Eitelkeiten" und sieht, dass der Autor auch im Umfang mithalten will: 736 Seiten, das wiegt schwer.

Schon nach einigen Seiten stößt man auf eine Stelle, in der der Schwiegervater der Hauptfigur bekannt gibt, seine Leber sei hinüber. Deshalb lasse er sich als erster Mensch eine genetisch veränderte Schweineleber einpflanzen, "es ist meine letzte Chance". Außerdem werde er so berühmt wie dieser Barnaard, der sich als erster ein fremdes Herz habe einpflanzen lassen. Der Schwiegersohn korrigiert ihn, Barnaard war der erste Arzt, der eine Herztransplantation durchgeführt hat. Ach, antwortet der Alte, dann haben sie ihm das im Krankenhaus falsch erzählt. Man liest die Stelle und schmunzelt, legt das Buch beiseite und denkt: pointierte Science-Fiction.

Am nächsten Tag schlägt man die Zeitung auf und liest auf Seite 1 einen Kommentar zum Thema "Vermischung von Schwein und Mensch". Also: Wie nah ist diese Science-Fiction an der Wirklichkeit?

Die Geschichte spielt im New York des Jahres 2000. Der Fernsehproduzent George Mactier arbeitet an einer neuen Serie. Seine Frau Elizabeth leitet ein erfolgreiches Internet-Unternehmen. Beide verdienen viel Geld, haben wenig Zeit für ihre Kinder und machen Karriere. Andersen beschreibt zwölf Monate ihres Lebens, mit Freunden und Feinden, Arbeitgebern und Angestellten, Erfolgen und Niederlagen. Warum einen der Roman nach einer Weile packt? Es ist weniger die eher gewöhnliche Entwicklung des Geschichte, es liegt an der schrecklichen Faszination der Kulisse. Es ist eine Welt, in der die Börse regiert, Entscheidungen halten maximal ein paar Stunden. Gen-Technik, die Macht der Unterhaltungsindustrie, die angeblich ständige Verfügbarkeit von Sex, die Verbindung von Medien und Politik, es sind die Themen der Zeit - und dieses Romans.

Es gibt wohl kaum einen Ort, an dem diese Welt so überspitzt beschrieben werden kann wie in Manhattan, wo nur noch Platz scheint für Startup-Millionäre, Models und Produzenten zu sein scheint. Man ahnt nur, dass diese Welt so weit weg gar nicht ist. Mactier etwa produziert die Krimiserie "Narcs". In einer Folge filmen die Kameras live eine echte Verhaftung eines echten Drogendealers durch echte Polizisten. Im Moment der Verhaftung betreten die Schauspieler die Szene und reden mit Drehbuch-Dialogen auf den völlig überraschten Dealer ein. Höchste Einschaltquote, Mactier wird gefeiert. Am nächsten Tag meldet sich der Anwalt des Inhaftierten und macht Ärger - er verlangt ein Honorar für seinen Klienten, schließlich habe er seine Rolle perfekt gegeben. Satire, sicher. Aber man wäre auch nicht mehr wirklich schockiert, wenn RTL 2 demnächst ein deutsches "Narcs" ankündigen würde.

Kurt Andersen, 43, ist Teil der Welt, die er beschreibt. Er war politischer Reporter bei "Time", Chefredakteur des "New York Magazine", schreibt heute für den "New Yorker". In den 80er Jahren gründete er das legendäre Satiremagazin "Spy", und diesen Blick hat er sich erhalten: Unterhaltsame Satire, die Sympathie hat für ihre Figuren und Themen. Ähnlich wie bei Bret Easton Ellis und seinem wunderbaren "Glamorama" spürt man bei Andersen eine Hassliebe zum Sujet, und auch bei ihm liegt Trauer über den Geschichten: Da fragt sich einer, der mitmacht, wie alles so weit kommen konnte.

Man kann "Tollhaus der Möglichkeiten" einen Bildungsroman des frühen 21. Jahrhunderts nennen: Nebenbei wird einem die Arbeitswelt eines Day Traders erklärt, wie es bei Microsoft zugeht, und warum es für manche keine Rolle mehr spielt, ob der Anchorman der Nachrichten-Sendung von einem Journalisten oder einem Schauspieler gegeben wird. Einmal fliegt George Mactier zur Eröffnung des Themenparks "BarbieWorld" nach Las Vegas und ist begeistert von den engagierten Models, die aussehen wie Barbie und Ken. Bis ihn ein Freund aufklärt: Das sind keine Models, es sind zahlende Gäste. Und Geld taucht nur in abstrakten Zahlen auf, nie wird mit realen Scheinen gezahlt. Dafür denkt George Mactier an die Höhe seines Gehalts, "16 575 Dollar in der Woche, eine erstaunliche Summe, die ihm häufig, täglich in den Sinn kommt." Auch hier weiß niemand, was wirklich wahr ist, und ob das überhaupt eine Rolle spielt. Was bleibt, ist Angst. In der Sekunde vor jedem Gespräch mit dem Chef geht Mactier im Kopf durch, nicht ob, sondern wie man ihm mitteilen wird, dass er entlassen ist, "ich sehe die Falltür immer unter mir".

Der Tod wird verdrängt und mit allen Mitteln hinausgezögert, und so ganz nebenbei erfährt man, warum der angeblich so perfekte Fernsehproduzent nur einen Arm hat - und warum niemand so recht damit umgehen kann, auch er selbst nicht. In den Fernsehnachrichten wird dafür der "bionischste Mensch unseres Planeten" gefeiert. "Er hat ein künstliches Herz, einen künstlichen Kehlkopf, ein künstliches Auge, künstliche Haut auf einer Gesichtshälfte, falsche Zähne, ein Haarteil, zwei Hüftknochen aus Plastik, eine Beinprothese unterhalb des rechten Ellbogens und Zapfen, die den linken Arm an der Schulter

festhalten. Der Mann erzählt, dass er Viagra und Prozac nimmt, dass seine Frau Silikonimplantate hat und er mit der Welt nur per E-Mail kommuniziert." Und man fragt sich, ob man eine ähnliche Meldung nicht gerade in der Zeitung gelesen hat. Oder ob sie doch erst in der morgigen Ausgabe erscheint.

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