Zeitung Heute : Tollwut im Sommerloch (Glosse)

Joachim Huber

Immer, wenn sich das Sommerloch auszudehnen droht, muss der Leser damit rechnen, dass in den Redaktionen deutscher Tageszeitungen über eine Hunde-Mensch-Glosse nachgedacht wird. Hier wurde nachgedacht, hier ist die Glosse. Sie steht unter der Leithypothese: Deutschlands Hunde haben etwas gegen Deutschlands Prominente. Nicht, dass wir das selbst recherchiert hätten. Nein, "Bild" und weitere Zentralorgane für Klatsch und Tratsch schmieden ein ums andre Mal das Thema zu großen Schlagzeilen. "Bild" vom Mittwoch: "Ingrid Steeger im Pech: Hinten wedelte der Hund - vorne biss er zu"; "Bild" vom Dienstag: Haben Sie Tollwut, Herr Bohlen?" Mit Verweis auf eine ungenannt gebliebene Illustrierte und ihren Spekulationen wurde der Modern Talker zu einer potenziellen Krankheit befragt: "Das ist ja lächerlich! Ich habe weder Schaum vor dem Mund noch sonstige merkwürdige Symptome." Dass beim 45-jährigen wirklich alles intakt ist, wurde bei der nächsten Aussage deutlich: "Tollwut ist ausgeschlossen. Wir haben Dickie vorschriftlich jedes Jahr impfen lassen." Dickie, das ist der eingeschläferte Rottweiler, der erst ein Reh, dann Bohlens Hauhälterin und schließlich den Musikus selbst angegangen hatte. Warum biss Dickie zu? War er sauer, dass Bohlen jetzt mit Nadja abdel Farrag anstelle von Verona Feldbusch das Königspaar des deutschen Boulevards bildet? Brachte ihn Bohlens tolle Musik in Wut? Tollwut hat Dieter B. ja ausgeschlosen.

Bei der Steeger biss ein Mischling zu. Die beiden waren sich bei einer Galeristen-Party begegnet, alles sah nach Zuneigung aus, da schnappte er zu: "Schock! Die Schauspielerin blutete stark, musste sofort ins Krankenhaus. Hier wurde die Hand mit vier Stichen genäht." Was "Bild" nicht fragte, fragen wir: Hat Ingrid Steeger jetzt Tollwut oder war der Mischling "vorschriftlich" geimpft worden? Welcher Promi wird als Nächster gebissen, von wem und wohin?

Das Verhältnis von deutschem Promi und deutschem Hund ist nicht erst seit gestern in der Krise. Keiner musste es härter erfahren als ein Österreicher, Michael Maier, der ehemalige Chefredakteur des "Stern". Als unter seiner Führung die Auflage des Wochenheftes nicht steigen wollte, sondern sank, nahm er einem deutschen Schäferhund den Maulkorb ab, hängte ihm ein Bundesverdienstkreuz um, setzte ihn auf die Titelseite und wedelte damit vor der Lesernase herum. Allein, er biss nicht an, des Schäferhunds bester Freund. Dafür biss der Leser Maier weg. Tollwut?

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