Zeitung Heute : Tom Cruise und die Deutschen

Antje Vollmer

TRIALOG

Alles braucht seine Zeit. Doch die Schnelligkeit des Gezeitenwechsels von geschichtlichen Konstellationen und die Dramatik von Grenzerweiterungen korrespondiert selten mit den inneren Seelenzuständen der Menschen. Manches, das sich verändert, kommt erst viel später im Bewusstsein an. Das gilt besonders auch für die Veränderungen im Verhältnis unter Nachbarn und benachbarten Völkern. Richard Schröder hat sehr schöne Dinge gesagt über all das, was sich verändern wird im neuen und alten Kulturkreis Europa. Er verweist darauf, dass wir keine Sorge vor den Veränderungen haben müssen, da es sich bei denen, die zu uns gekommen sind im Rahmen der EU-Erweiterung, um Gründungsorte unserer gemeinsamen kulturellen und rechtsstaatlichen europäischen Identität handelt. Er hat auch über den hochangesehenen Platz gesprochen, den das Deutsche einmal in diesem Kulturkreis innegehabt hat, und fährt fort: „Das haben sich die Deutschen verscherzt, als sie nationalistisch wurden.“ Dieser verlorene Platz, dieser verlorene Respekt vor den Völkern Europas, wirkt bist heute nach – am meisten bei uns Deutschen selbst. Unsere Identität ist aus bösen und deswegen verständlichen Gründen dauerhaft angeschlagen. Wir kriegen uns schlecht ausbalanciert, auch im Verhältnis zu den Nachbarn. Deswegen neigen wir zu Maßlosigkeiten und Übertreibungen – im Schlechten wie im Guten.

Bei manchen Debatten habe ich zunehmend den Eindruck, dass wir immer noch um einen europäischen Spitzenplatz kämpfen, sogar wenn es darum geht, uns als europäische Musterschüler der Vergangenheitsbewältigungen, der Reumütigkeiten, des Sich-künstlich-Kleinmachens zu beweisen. Was wir begreifen müssen, ist, dass wir nicht mehr klein sind und den Rollen, die uns unsere Lage, Geschichte, europäische Bedeutung zuweisen, gar nicht ausweichen können. Das Einfache, das schwer zu begreifen und schwer zu leben ist, ist, dass uns unsere Nachbarn längst wieder als groß, bedeutend und wichtig für die Geschichte Europas ansehen. Sie mögen es nicht so sehr, wenn wir uns ständig darum herummogeln, unsere wirkliche Lage zu begreifen.

Manchmal erzeugt diese Diskrepanz zwischen Außenansicht und Innengefühl regelrechte Peinlichkeiten. Ein kleines, aber sprechendes Beispiel war die Debatte der letzten Woche: Tom Cruise will seinen Film Mission Impossible im Reichstag drehen. Begründung: Das wäre eine prima Werbung für das neue Berlin, das würde die Reichstagskuppel mit Hilfe des größten Marktrenners im Filmgeschäft international populär machen.

Müssen wir uns wirklich so klein machen? Wer wirbt hier eigentlich für wen? Wer in der Welt herumkommt, erfährt längst, dass Berlin zurzeit der heiße Tipp schlechthin für Kreative, Künstler, Flaneure, Weltenbummler ist. Und die Reichstagskuppel ist für jedermann, der in diese spannende Metropole kommt, geradezu ein Muss. Diesem Sog folgten auch Tom Cruise und die geschäftstüchtigen Werbestrategen seines Films. Kleinkariert sei es, so einem Superstar die kalte Schulter zu zeigen, sagt die „Bild“-Zeitung und mit ihr ein paar Stimmen, die gern mit Tom Cruise zusammen in die Schlagzeilen kommen möchten. Ich finde: Wir können selbstbewusst genug sein, uns ein paar besondere Orte mit einer besonderen Tradition zu leisten, die nicht von jedermann für jeden Zweck benutzbar sind. Der Platz, der dem Volk und seinem Parlament gehört, gehört zu diesen Häusern mit einer besonderen Aura. Wir können und dürfen angemessen und schonend mit diesen Orten umgehen.

Die Autorin ist Vizepräsidentin des Bundestags und Grüne.

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