Zeitung Heute : Tomaten aus der 13. Etage

Die Weltbevölkerung wächst und damit der Bedarf an Lebensmitteln. Studierende der Stadtökologie entwickeln Ideen für eine innovative Landwirtschaft.

Susanne Hörr
Gemüse vom Ernst-Reuter-Platz. Noch ist es nur eine Animation. Aber womöglich werden in einigen Jahrzehnten auch in Berlin Hochhäuser stehen, in denen Nahrungsmittel für die Bewohner der Stadt angebaut werden. Abbildung: Markus Hattwig,TU-Berlin/Architekturgruppe
Gemüse vom Ernst-Reuter-Platz. Noch ist es nur eine Animation. Aber womöglich werden in einigen Jahrzehnten auch in Berlin...

Sie kommen nicht, um zu saunieren, sondern um den Himmel zu begrünen: Ins „Tropical Islands“ fahren die meisten wegen Spiel und Spaß. Die Studierenden des Masterstudiengangs Stadtökologie jedoch besuchen die tropische Urlaubswelt im Brandenburgischen, um Wissen zu sammeln, damit die Städter auch in Zukunft genügend zu essen haben.

Im Rahmen ihres Studienprojekts „Resourcing Space“ entwickelten sie Ideen für eine innovative Landwirtschaft, wobei ihnen die Gärtner der überdachten Anlage helfen sollten. Denn die Landwirtschaft, welche die Studierenden im Sinn haben, ist eher ungewöhnlich: Sie erstreckt sich nicht in die Breite, sondern in die Höhe. Sie planen eine Art Pflanzenhochhaus, ein riesiges Gewächshaus auf mehreren Etagen, das auf einem Hektar Grundfläche letztlich eine Nutzungsfläche von 13 Hektar schafft.

„2050 werden etwa neun Milliarden Menschen auf der Erde leben. Die Weltbevölkerung nimmt zu, die landwirtschaftliche Fläche pro Kopf allerdings ab. Frischwasserressourcen schwinden ebenso wie Nitrat- und Phosphorreserven“, sagt Britta Jänicke während der Präsentation des Projekts, an dem sie und ihre Kommilitonen unter der Betreuung von Professor Gerd Wessolek in den vergangenen zwei Semestern gearbeitet haben. Die 17 Studenten am Institut für Ökologie widmeten sich damit einem Problem, das zunehmend an Bedeutung gewinnt: Wie soll diese Masse an Menschen in Zukunft ernährt werden – bei einer Zunahme von versiegelten Flächen durch wachsende Megacitys?

Ob die jetzige Nahrungsmittelproduktion dies leisten kann, ist fraglich. Warum also nicht einfach die Landwirtschaft in die Städte holen und dort ressourcenschonend und platzsparend das ganze Jahr über Lebensmittel anbauen? Diese Frage, die Forscher das erste Mal in den 1960er-Jahren stellten, griffen die TU-Studenten mit ihrem Projekt auf und entwickelten einen Sky-Farming-Prototyp für Berlin.

Um herauszufinden, ob die vertikale Landwirtschaft lediglich Vision oder doch Realität sein kann, teilten sie sich in Gruppen auf. Sie wälzten Fachliteratur, führten Experteninterviews, besuchten Ausstellungen, holten sich Rat im Botanischen Garten, recherchierten im Internet, telefonierten mit Ingenieuren und holten Erfahrungswerte von existierenden Skyfarmen in Südkorea, Japan und den Niederlanden ein.

Eine Gruppe suchte nach einem potenziellen Standort und wurde auf dem Flughafengelände in Berlin-Tegel fündig, wo nach der Schließung ein Forschungs- und Industriepark für Zukunftstechnologien entstehen soll. Andere entwarfen die Architektur und verbauten virtuell unter anderem 5000 Tonnen Stahl, 36 000 Kubikmeter Glas und 120 000 Kubikmeter Beton. Andere stellten einen Bau- und Betriebskostenplan auf und planten letztlich mit 185 Millionen Euro.

Das Thema ist komplex: Die jungen Wissenschaftler diskutierten über Geothermie und Solarenergie, beschäftigen sich mit Schädlingsbekämpfung und Bestäuberinsekten und befragten die Bevölkerung zu ihrer Haltung. Das Ergebnis: Die Akzeptanz der Berliner zu Obst und Gemüse aus dem Hochhaus ist durchaus hoch.

Lydia Paetsch beschäftigte sich mit der technischen Umsetzung und jonglierte mit allerhand Zahlen und Pflanzen. „Auf zehn Hektar könnten wir entweder 60 bis 80 Tonnen Vanille im Jahr anbauen oder 5000 Tonnen Tomaten, alternativ auch 2,4 Millionen Chrysanthemen“, sagt die 25-Jährige, die sich mit ihren Kommilitonen letztlich für Tomaten entschied, da diese am rentabelsten seien: 2,18 Euro würde das Kilo kosten.

Mit ländlicher Idylle hat die Skyfarm jedoch nur noch wenig zu tun: 17 Millionen LED-Lampen würden das Sonnenlicht ersetzen, ein Nährfilm die Erde. „Die Gruppe ist selbst erschrocken, dass die Nähe zur Natur im Laufe des Projekts verloren ging“, sagt Gerd Wessolek.

Lydia Paetsch kehrt den Bestäuber-Hummeln nun erst einmal den Rücken und schreibt ihre Masterarbeit. Mit ihrem Studium ist sie zufrieden: „Ökologie ist sehr vielseitig: Man kommt mit Biologie, Geografie, Meteorologie, Bodenkunde und vielem mehr in Berührung. Es ist ein perfektes Fach für jene, die noch auf der Suche sind. Es gibt viel zu entdecken.“ Zum Beispiel Tomaten, die in der 13. Etage wachsen.

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