Zeitung Heute : Tonträger

Bodo Mrozek

Man nehme etwas Ruß, gemahlenes Baryt, Schiefermehl und Baumwollflock, versetze es mit geringen Mengen pflanzlicher Harze und Schellack – den man aus dem Sekret der Schildlacklaus auf den Zweigen des Lackbaumes gewinnt. Dann mische man alles gut durch, siebe die Klümpchen heraus und erhitze den Brei auf 110 Grad. Zum Schluss gebe man noch einige Kuhhaare hinein. Es war eine geradezu alchimistische Mischung, die ein Erfinder aus Hannover namens Emile Berliner im Jahre 1895 in den USA zusammenrührte. Und dennoch war die aus diesen Ingredienzien heiß gepresste Platte eine kleine Revolution. Man nannte sie Schellackplatte. Mit einem Schneidestichel konnte man nicht nur Töne in der ebenfalls von Berliner erfundenen Seitenschrift hineingravieren, der so genannten Berlinerschrift. Setzte man die Stahlnadel eines Grammophons in die Rille, so konnten angeblich sogar Hunde die Stimme ihres Herrn aus dem Schalltrichter tönen hören. Beliebter allerdings waren Lieder über Tangojünglinge, die Liebe der Matrosen oder einen kleinen grünen Kaktus.

Die Schellackplatte hatte eine hervorragende Klangqualität und eine ausgesprochen lange Lebensdauer. Die anfangs noch verwendeten, später herausragenden Kuhhaare, schnitt man am Ende einfach ab. Leider neigte der wenig elastische Materialmix zu Zerbrechlichkeit. Die Lösung war wiederum ein Harz: das Vinyl-Chlorid-Harz. Versetzt mit etwas Vinylacetat ließ sich daraus eine weit elastischere Mischung pressen. So löste die in den 20er-Jahren erfundene Vinylharz-Platte ihre fragile Vorgängerin nach 60 Jahren der Marktvorherrschaft ab – und verbannte sie ins Museum. Emile-Berliner-Platten sind heute gesuchte Sammlerobjekte.

Die Allgemeinheit hört die 1982 erfundenen Compact Discs aus metallbeschichtetem Polycarbonat, über deren voraussichtliche Lebensdauer die Experten streiten. Nicht wenige aber glauben, dass die Schellackplatte weit länger haltbar ist, als ihre lichtempfindlichen, silbrigen Nachfolger aus der Plastikschachtel, deren erste Exemplare bereits an CD-Rost leiden. Die Gummischildlacklaus (Kerria Lacca) wurde so zeitweilig arbeitslos.

Heute ist sie wieder im asiatischen Raum im Billiglohnsektor tätig. Ihr transparentes Sekret, übrigens das einzige tierische Harz, wird nur noch in geringen Mengen verwendet. Etwa als nichtwasserlösliches Trennmittel oder bei der Oberflächenversiegelung von Obst und Käse, in Nagellacken, Fußbodenpflegeprodukten und der Versiegelung magensaftresistenter Tabletten. Einige Lackläuse müssen heute gewissermaßen stempeln gehen: Sie schuften für die Herstellung von Stempelfarbe, die auf Eiern zum Einsatz kommt.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben