Zeitung Heute : Tore mit Taktik

Die deutsche Nationalmannschaft kann nicht so gut Fußball spielen wie die Tschechen – aber gewinnen kann sie trotzdem

Armin Lehmann

Heute geht es für Rudi Völlers Team um den Einzug ins Viertelfinale. Wie können die Deutschen die Tschechen schlagen?

Die Deutschen haben sich zurückgezogen – hinter große Fußball-Leinwände, in die Wohnzimmer, an die Stammtische. Millionen Bundestrainer grübeln verzweifelt darüber, wie das Land das vorzeitige Aus bei der Fußball-EM in Portugal verhindern kann. Millionen Vorschläge erreichen Teamchef Völler sicherlich noch pünktlich bis zum Anpfiff gegen Tschechien.

Zunächst gibt es eine Hoffnung: Die Tschechen wurden in den letzten Tagen nach ihrem grandiosen 3:2-Sieg gegen Holland ziemlich häufig beim Golfen gesehen und beim Schwimmen im Pool. Sie sind also ziemlich runter mit der Konzentration, wollen sich ausruhen, denn sie selbst sind ja bereits qualifiziert, so dass der sympathische Herr Brückner, Trainer der Tschechen, sogar angekündigt hat, er werde wohl seine Stars schonen. Zum Beispiel Pavel Nedved, das ist der mit dem prinzenhaften blonden Haar, der aus 35 Metern so genau schießt, wie es die Deutschen nicht aus fünf schaffen. So könnte das gehen: Wir gewinnen, weil die Tschechen keine Lust haben auf vollen Einsatz, auf Grätschen und Kämpfen.

Vielleicht aber müssen wir auch selbst noch was tun. Die deutschen Nationalkicker können nicht allzu viel, aber ein bisschen schon: Zum Beispiel können sie diszipliniert die Ordnung halten, das konnte man beim 1:1 gegen Holland sehen, sie können heute also wieder die Räume für die Tschechen eng machen im Mittelfeld, dicht am Mann stehen und den Gegner so zu Fehlern zwingen.

Die Tschechen sind aber auch ein wenig wie Diven. Sie wissen, dass sie ziemlich gut Fußball spielen können und dass sie vor allem im Offensivspiel ihre Stärken haben. Sie verraten deshalb nicht gerne, dass sie in der Verteidigung eher durchschnittlich begabt sind, was nicht sonderlich auffällt, wenn das Team nach einem 0:2 wie gegen Holland am Ende gewinnt. Die Niederländer haben gegen Tschechien bis zum 2:0 gezeigt, wie die Lücken in der tschechischen Defensive zu finden sind, und wie die Abwehr zu verunsichern ist.

Die Holländer haben trotz ihrer individuellen Klasse vor allem über die Außenbahnen ihre Chancen vorbereitet. Das können die Deutschen auch ohne tolle eigene Stürmer schaffen. Wer eine nicht so souveräne Abwehr wie die tschechische ausspielen will, muss als gesamtes Team möglichst ständig in Bewegung sein. Deshalb sollten sich die defensiveren Spieler stets in das eigene Offensivspiel einbringen. Aber auch die Mittelfeldspieler müssen zusehen, dass sie häufig ihre Positionen tauschen, um als Mannschaft weniger berechenbar zu sein. Ein wenig Kreativität schadet dabei nicht, weshalb es ganz gut ist, dass der junge Bastian Schweinsteiger vom FC Bayern diesmal von Beginn an spielt.

Und die Stürmer? Die müssen bei dieser Taktik das Tor nicht unbedingt treffen, sondern die Abwehr beschäftigen, und die Bälle mit dem Rücken zum gegnerischen Tor weiterverteilen. Das ist gar nicht so einfach, führt aber im besten Fall dazu, dass ein Michael Ballack sich in Tornähe positionieren kann, und dann kann es schon gefährlich für die Tschechen werden. Ballack ist kein Stürmer, aber er ist der torgefährlichste deutsche Spieler. Leider wissen das die anderen auch.

Wie Deutschland Tschechien nun besiegt? Einfach ein Tor mehr schießen.

Seiten 3, 21 und 22

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