Zeitung Heute : Tortenschlacht

Der Tagesspiegel

Café Berio, Maaßenstraße 7, Schöneberg, Telefon 216 19 46, täglich von 8 Uhr morgens bis 1 Uhr nachts

Männer, Männer, überall nur Männer, kann man da überhaupt reingehen, wir zwei Frauen? Klar, sagt meine chilenische Freundin. Sie kennt das Café noch aus den Zeiten, als sie um die Ecke die Sprachenschule besuchte. Damals, ist auch schon ganz schön lange her, da war das hier noch ein Oma-Café, sagt sie. Und richtig, hinten in der Ecke entdecke ich eine Oma, versteckt im Mix aus weiten Karohemden in engen Jeans und lauter schwarzen Sachen, wo Nieten dranhängen. Rosten die eigentlich bei Regen? Egal, es regnet ja nicht. Vielmehr ist das Wetter so, dass Berliner draußen sitzen. Dicht an dicht, kein Platz zu kriegen. Drinnen ist es auch voll. Jedenfalls im Parterre.

Wir gucken abwechselnd in den Raum und in die Vitrine, wo gut 15 verschiedene Torten und Kuchen stehen. „Zum Bestellen müssen Sie aber einen Platz haben“, werden wir beschieden. Schon klar, nur wo? Oben vielleicht. Dort sind noch viele Plätze frei, wenn auch nicht am Fenster, aber was erwartet man auch, sonnabends um 16 Uhr, der Markt am Winterfeldtplatz ist gerade vorbei. Klar, dass hier keiner auf uns gewartet hat. Dafür warten wir. Wir waren ja schon nicht auf dem Markt. Das ist zwar nicht logisch, aber den Gesetzen der Logik gehorcht hier ohnehin niemand. Der Service schon gar nicht. Er sei eigentlich nicht für Bestellung zuständig, sagt ein freundlicher junger Mann, nimmt sie dann aber doch auf und verspricht, sie weiterzugeben. Der nächste Kellner der kommt, sieht aus wie Popeye, und hat von unseren Wünschen nie was gehört. Er notiert erneut, aber nicht mit Block und Stift, sondern in einen Palm. Wir sind ganz aus dem Häuschen. So was Modernes! Latte Macchiato und Cappuccino bestellen wir, dazu je ein Glas Leitungswasser und Käsekuchen mit Aprikosenstückchen und Erdbeercointreau-Torte. Mmmhh, die Erdbeertorte, Popeye nickt wohlwollend. „Die ist schön eklig.“ Dann ist er weg.

Wir rätseln. Das kann er doch nicht ernst gemeint haben. Wahrscheinlich meinte er „klebrig“. Ob man sich darüber freuen soll? Zunächst einmal sitzen wir also da, meine chilenische Freundin auf dem Sofa, ich auf dem Stuhl, der eine Idee zu hoch ist für den Tisch, so dass man sich ein wenig wie auf dem Präsentierteller vorkommt. Uns umgeben gelbgetünchte Wände, an denen Ölgemälde hängen, Kaffeehauskitsch. Schräg gegenüber der durch eine Trennwand verdeckte Zugang zu den Örtlichkeiten. Die sind schrill bunt bemalt und aus einer Box dröhnt unüblich laute Musik. Das Berio dürfte, kichern wir, das einzige Kaffeehausklo in der ganzen Stadt sein, wo Männer Schlange stehen. Ohne dem Thema jetzt zu viel Raum zu geben, soll noch erwähnt werden, dass viele Männer, die dort reingehen, nicht wieder herauskommen. So scheint es uns jedenfalls. Nachgucken trauen wir uns aber nicht.

Irgendwann spät kommt Popeye mit unseren Bestellungen. Lauwarme Heißgetränke, kein Wasser und Kuchen, der eben genauso schmeckt, wie man es vorgestellt hat. Nichts besonderes, solide Kuchenbäckerkunst. Wir verspeisen und bestellen ein Prosecco hinterher, als sei der lauwarme Kaffee keine Warnung gewesen. Im Glas perlt schon lange nichts mehr, als es dann endlich auf dem Tischchen steht, und von kalt kann auch keine Rede sein. Wir kippen den Prosecco runter und erschrecken uns wenig später über eine stolze Rechnung. Den aus Versehen doppelt gebongten Latte Macchiato wieder rausgerechnet, berappen wir rund 17 Euro, 35 Mark, wie wir umrechnen. Kuchen essen kann man sich einfach nicht mehr leisten, seit der Währungsumstellung, stellen wir traurig fest, und beschließen, nächstes Mal lieber auf den Winterfeldtmarkt zu gehen. Ariane Bemmer

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