Zeitung Heute : Total vernetzt

Das Oberstufenzentrum Informations- und Medizintechnik Neukölln ist Berlins modernste Schule. Flaggschiff mit Elektronik von höchstem Standard. Das verpflichtet. Sponsoren sind dringend gesucht

Daniela Martens

Selbst der Sündenfall ist virtuell im Oberstufenzentrum Informations- und Medizintechnik in Neukölln: An diesem Morgen werden im Kunstunterricht Adam und Eva an die Wand projiziert – ein Raffael-Kupferstich. Kunstgeschichte findet hier per Internet-Recherche statt, mit dem Beamer werden die Ergebnisse für alle sichtbar. Mehrere Computer stehen im Kunstsaal mit den langen sauberen Tischreihen.

Im Oberstufenzentrum an der Haarlemer Straße dreht sich alles um Technik, und die ist um ein Vielfaches moderner als an anderen Berliner Schulen. „Hier gibt es sogar leistungsstärkere Rechner als in meinem Ausbildungsbetrieb“, sagt der 18-jährige Hannes Henk begeistert. Er ist einer von 3000 Schülern des Oberstufenzentrums. „Die Voraussetzungen sind besser, wirklich etwas über Technik zu erfahren“, bestätigt sein Mitschüler Markus Valentin.

Systemelektronik, Programmierung und Informationstechnik lernen die Schüler hier zum Beispiel, aber auch Augenoptik, Gravieren oder Technisches Zeichnen. Das Ausbildungsangebot der Schule ist verwirrend in seiner Vielfalt: Es gibt mehr als 20 Ausbildungsgänge – sowohl duale, als auch rein schulische. 17 verschiedene technische Berufe stehen zur Auswahl. In der gymnasialen Oberstufe erarbeiten sich die Schüler die technisch orientierte Hochschul- oder Fachhochschulreife.

Ein „Flaggschiff der Oberstufenzentren“ nannte Bildungssenator Klaus Böger (SPD) die Schule im vergangenen Februar. Da wurde sie nach dreijähriger Umbauzeit neu eröffnet. Aus einem ehemaligen Oberstufenzentrum für Feinwerk- und Gerätetechnik wurde die größte Schule Berlins für Informations- und Medizintechnik. „Wir haben hier viele Berliner Filialen im Stammhaus zusammengeführt“, sagt Schulleiter Hartmut Brösemann. Rund acht Millionen Euro hat das gekostet, finanziert aus Mitteln der Europäischen Union. „Fast vier Millionen haben wir allein für die technische Ausstattung ausgegeben.“ 1000 Rechner und 30 Labore stehen den Schülern zur Verfügung.

Alle Computer sind miteinander vernetzt. Jeder Schüler hat einen eigenen Arbeitsbereich auf dem Server, den er an jedem Computer abrufen kann – auch online. „Es ist sehr schwierig, unseren hohen technischen Standard zu halten“, sagt der Schulleiter. „In drei Jahren werden unsere Computer veraltet sein.“ Er denkt jetzt schon mit Sorge darüber nach, wie eine Neuausstattung finanziert werden kann: „Wir werden versuchen, wieder EU-Mittel zu bekommen und wir wollen private Investoren ansprechen.“ Doch die Industrie sei nur schwer für Nachwuchsförderung zu interessieren.

Einige Firmen gehen immerhin mit gutem Beispiel voran: Microsoft und andere Software-Hersteller versorgen die Schüler kostenfrei mit lizensierten Programmen – etwa mit spezieller Software für Programmierer. „Ich arbeite damit oft zu Hause weiter“, sagt der 27-jährige Berufsschüler Tobias Fechner. Für viele Schüler ist diese Möglichkeit sehr wichtig. Denn sie haben Blockunterricht und sind oft wochenlang nicht in der Schule, sondern in ihren Ausbildungsbetrieben.

Zu ihnen gehören Hannes Henk und Markus Valentin. Die beiden lernen IT-Systemelektroniker bei der Telekom. Am Ende ihrer Ausbildung werden sie auch die allgemeine Hochschulreife in der Tasche haben. Die „Berufsausbildung mit Abitur“ bietet das Oberstufenzentrum seit 2003 als Schulversuch an. Vier Jahre dauert es, bis die Schüler ihr Abiturzeugnis bekommen. „Der Ansturm auf diesen Ausbildungsgang ist groß“, sagt Schulleiter Brösemann.

Bei der gymnasialen Oberstufe sieht das anders aus. Hier nehmen die Schülerzahlen ab. „Da muss sich dringend etwas ändern“, sagt Brösemann. Wie in den meisten Ausbildungsgängen im Oberstufenzentrum seien viel zu wenig Mädchen dabei: nur fünf Prozent. Fabian Giebers gehört zu den anderen 95 Prozent. Er geht in die zwölfte Klasse, und muss, wie alle seine Mitschüler, Technische Informatik als Leistungskurs belegen. Platinieren und Löten gehört ebenso zum Lernstoff wie die Pflege von Datenbanken und das Programmieren. „Wir arbeiten meist sehr praxisorientiert und im Team“, sagt Fabian. „Die Lehrer haben eher eine Begleitfunktion“, bestätigt der Schulleiter. „So werden die Schüler selbstständig. Und sie wursteln sowieso lieber allein vor sich hin.“ Die 150 Lehrer, von denen einige vorher bei IT-Firmen angestellt waren, haben Zeit, sich um das Computer-Netzwerk zu kümmern. Denn auch das gehört zu ihren Aufgaben.

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