Zeitung Heute : Totalitär blinzeln

Wie ein Berliner, Ost, die Stadt erleben kann

David Ensikat

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Auf dem Weg ins Museum, ins Deutsche Historische, fiel mir am Freitag, dem 30. April der Lustgarten auf. Das ist so ein Stück Stadt, auf dem die Touristen hocken und denken: Ja, Mensch, schön haben sie es hier, die Berliner, während die Berliner (wenn überhaupt) dran vorbeifahren und denken: Touristen, Touristen – was tun die eigentlich hier? Hocken sich in den Lustgarten. Na ja, soll’n se mal.

Die Sonne schien am 30. April und ich dachte: Bevor du dich in den Museumsschatten begibst, hockst du dich noch mal in die Sonne, wer weiß, wann die wieder scheint. Also geriet ich auf den Lustgarten, von dem ich nicht nur wusste, dass hier jetzt die Touristen hocken. Mir war auch Folgendes ganz klar: Im August 1914 haben hier die Berliner den Kriegsbeginn bejubelt, in der Nazizeit feierten die Nazis ihren 1. Mai im Lustgarten, in der frühen DDR begingen die Kommunisten hier den ihren. Der letzte merkwürdige Massentreff, von dem ich weiß, fand irgendwann Ende 1989 an dieser Stelle statt; da sangen Egon Krenz, Günther Schabowski und jede Menge anderer verzweifelter SEDisten mit geballter Faust und Internationale gegen die Geschichte an.

All dies bedenkend fühlte ich nach, ob mich ein irgendwie gearteter historischer Schauer überkommt, wurde jedoch abgelenkt von fünf Teenagerinnen mit freien Nabeln, welche sich vorm Springbrunnen fotografieren ließen. Da aber nicht nur die Sonne schien, sondern auch der Wind blies, wehte es den jungen Frauen immer mal wieder einen kleinen Schauer, wenn auch einen gegenwärtig nasskalten, um die Hüften, was sie zum Anlass nahmen, den Lustgarten, den einst die totalitären Fanfaren durchtosten, banal zu bequietschen.

Auch nicht schlecht, dachte ich, bisschen banal vielleicht, aber allemal besser als Egon Krenz. Mitten in diesen Gedanken hinein, wer weiß, wo der noch hingeführt hätte, erschien eine junge Frau mit holländischem Rad und spanischem Akzent und bat mich um folgenden Gefallen: Ich sollte bitte mal dies Styroporschild halten, sie würde mich damit fotografieren, also den Lustgarten, das Schild und mich, ähnlich fotografiere sie an anderen Orten andere Leute mit dem Schild, um schließlich aus allen Bildern eine Collage zu fertigen. Auf dem Schild standen zwei Namen, welche, habe ich vergessen, und das Datum, das habe ich mir gemerkt, 30. April 2004. Dies, so die junge Frau, sei der Hochzeitstag der beiden, deren Namen ich vergessen habe, sie heirateten gerade in der Nähe von Barcelona (das c hat sie ganz toll gelispelt), sie könne leider nicht dort sein und drum stelle sie nun die Glückwunschcollage her, auf der lauter Berliner mitglückwünschen würden, ich also auch, auch wenn ich vergessen habe, wem.

Ich habe das Schild brav in die Kamera gehalten, Glück wünschend gegen die Sonne in die Kamera geblinzelt, und ich habe mich gefragt: Woher weiß diese junge Frau mit spanischem Akzent eigentlich, dass ich Berliner bin und kein Berlin-Tourist? Sieht man mir die totalitäre Vergangenheit denn an? Ich war damals nicht im Lustgarten! Und ob ich mich da nochmal hinsetze, also ich bin mir da gar nicht sicher.

Der Lustgarten, zwischen Dom und Spree. Immer offen.

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