Zeitung Heute : Tote, die keiner vermisst

Frankreich begräbt seine vergessenen Hitzeopfer

Sabine Heimgärtner[Paris]

Es war noch Sommer gestern in Paris, aber es ist merklich kühler geworden. 12 Uhr mittags, der Friedhof Thiais ist voll mit Sicherheitsbeamten, schwarzen Limousinen, Abgeordneten, Neugierigen. Auch der Pariser Bürgermeister Bertrand Dealen ist gekommen. Sie alle warten auf Jacques Chirac. Der Staatspräsident hat sich in letzter Minute angesagt, um hier auf dem riesigen Areal im Südosten der Stadt, wo die Pariser Clochards, die Armen, Obdach- und Namenlosen beerdigt werden, an einem der ungewöhnlichsten Begräbnisse der jüngeren Geschichte teilzunehmen. In 57 aufgebahrten Holzsärgen liegen Tote, deren Sterben bei Temperaturen um die 40 Grad niemand bemerkt hat, und die selbst wochenlang nach ihrem Tod von niemandem vermisst wurden. 11000 Hitzeopfer hat Frankreich seit August zu beklagen, aber diese 57 erinnern besonders eindringlich an das Drama dieses Sommers: der einsame Tod alter Menschen, die zurückbleiben, wenn alle auf einmal in die großen Ferien aufbrechen – nicht nur die Angehörigen, sondern auch Ärzte, Sozialarbeiter, Altenpfleger, Krankenschwestern und Bestatter.

„Nicht reklamierte Tote“ hießen die 57 tagelang in der französischen Amtssprache. Man kennt ihre Namen, aber zu wem sie gehören, ob sie überhaupt noch Angehörige haben, weiß man nicht. Roger, geboren am 7.März 1927, Odette, geboren am 13.Mai 1921, Michel, geboren am 23.Februar 1930, und die vielen anderen, Valerie, Georges, Jeanine – die Liste ist lang. Eine Liste altmodischer Vornamen, die man Kindern in den 20er und 30er Jahren gab. Am Tag ihrer Beerdigung erinnerte keiner der Trauergäste an ihr Lebenswerk oder an die Familie, die sie einmal hatten, nicht an Nichten, Neffen oder womöglich Enkelkinder, die vielleicht irgendwo sorglos in Frankreich leben.

Die von der Stadt Paris in der Nähe der Friedhofskapelle aufgestellten Busse mit den Aufschriften: „Empfang der Familien“ und „Psychologische Betreuung“ hatten keinen Zulauf. Aber: Etliche waren gekommen, den Unbekannten die letzte Ehre zu erweisen, mit Blumen, viele hatten auch Tränen für sie.

Oft redeten die Politiker an diesem Tag auf dem Friedhof von Thiais von Würde, spielten aber auch auf das Versagen der Gesellschaft an, auf die Einsamkeit der Alten, die Sorglosigkeit der Spaßgesellschaft. Dann, nach einer kurzen, sachlichen Zeremonie, wurden die Särge in die Erde versenkt, jedes Grab mit einer schmucklosen Platte versehen, auf denen klein der Name des Toten steht – ganz anders als auf den anderen Friedhöfen mit ihren Türmchen, Engeln und Säulen.

Auch zwei Wochen nach der Hitzewelle ist die Situation nicht normal. Nur langsam leeren sich die provisorischen Leichenhallen, immer noch sind die Zeitungen voll mit Traueranzeigen, Termine für Beerdigungen sind frühestens eine Woche nach dem Todestag zu haben. Die Hauptstädter, die in diesen Tagen aus dem Urlaub zurückkommen, lassen sich von den Daheimgebliebenen erzählen, wie sie betagten Nachbarn Mineralwasser einflößten, um sie vor dem Austrocknen zu bewahren, wie die Parks schließen mussten, weil die Bäume so trocken waren, dass morsche Äste auf die Spaziergänger fielen.

„Nun müssen wir dafür kämpfen, dass mit den letzten Toten dieser Katastrophe nicht auch die politischen Vorsätze beerdigt werden“, sagt der Pariser Arzt Patrick Pelloux. Er war es, der Mitte August Alarm geschlagen hatte, als während der schlimmsten Hitze immer mehr alte Menschen starben. Der Albtraum – auch für Frankreichs Bestatter – kam plötzlich. „Wir waren auf einmal mit hunderten von Toten konfrontiert, sofort waren die Leichenhallen überfüllt“, erzählt der Bestattungsunternehmer Simon. „Manche Angehörige mussten tagelang mit dem verwesten Körper eines Familienmitglieds in der Wohnung leben.“ Andere wieder wüssten zwar, dass die Oma gestorben sei, meldeten sich aber nicht bei den Behörden, weil sie sich schämen, dass sie die alte Dame zurückgelassen haben oder weil sie die Begräbniskosten von 2200 Euro nicht bezahlen wollen, sagt ein anderer Bestatter. Vielleicht ist manch einer der 57 Toten, die gestern in Thiais beerdigt worden sind, mit Absicht vergessen worden.

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