Zeitung Heute : "Tote haben keine Lobby": An der Blutbank

Nils Michaelis

Verbrechen lohnt sich nicht - nicht nur die Moral, auch die Statistik erklärt das. Bei Kapitalverbrechen wie Mord kennt sie eine Aufklärungsquote von 95 Prozent. Wenn Ermordete eine Lobby haben, müsste es also die Kriminalpolizei sein. Was aber, wenn ein Mord nicht als Mord erkannt wird? Wenn das Herzversagen des alten Erbonkels nicht dessen Altersschwäche, sondern einer spurenarmen Giftinjektion geschuldet ist?

Für den Arzt gibt es kaum Anhaltspunkte, die ihn stutzig werden lassen. Er wird im Totenschein wahrscheinlich die Rubrik "natürliche Todesursache" ankreuzen. Ein Ausnahmefall? 1998 fand sich die kurze Meldung "Jeder zweite Mord bleibt unentdeckt" in den Spalten der Tagespresse. Eine kurze Notiz. Doch Sabine Rückert, Redakteurin der "Zeit", fing an zu recherchieren, sprach mit den Experten jener unheimlichen Disziplin mit dem Namen "Dunkelfeldforschung".

"Insgesamt erweist sich das System, das den Umgang mit dem Tode und seine Kontrolle regelt, als passiv reagierendes, das mehr eine Alibifunktion erfüllt und seine eigentliche Aufgabe verfehlt", erklärt ihr Werner Janssen, langjähriger Direktor der Hamburger Rechtsmedizin. Von diesem System, seinen Mängeln und den Folgen für die Opfer handelt Rückerts Buch.

Die Protagonisten sind hier die Leichenbeschauer. Sie "entscheiden", ob der Erhängte wirklich Selbstmord begangen hat, ob der tote Säugling Opfer des plötzlichen Kindstodes oder eines verzweifelten Elternteils wurde. Wo sich nicht deutliche Spuren von Gewalt zeigen, sind Verdachtsmomente rar, die Palette der Vertuschungsmöglichkeiten breit. Für Ärzte ist das ein deprimierendes Arbeitsfeld. "Sie stehen oft allein, und man will sie hinters Licht führen." resümiert ein Chefarzt. Und Sabine Rückert geizt nicht mit schaurigen Fallbeispielen: In einer Uniklinik mussten Patienten qualvoll sterben, weil sie verschmutzte Bluttransfusionen erhielten. Das betriebsblinde Krankenhauspersonal schöpfte keinen Verdacht, lange blieben Ermittlungen aus. Es bedurfte eines anonymen Hinweises, um das grob fahrlässige Verhalten der Mitarbeiter einer Blutbank zu offenbaren. Dann der Fall eines mehrfachen Raubmörders. Geschickt lenkte er den Verdacht von sich, indem er seine Taten mal als Sexualdelikte kaschierte und dann wieder einen Herzinfarkt inszenierte.

Doch ist es weniger das Vorgehen intelligenter Täter, womit Ermittler Probleme bekommen. Rückerts Analyse skizziert ein strukturelles Problem: Da schickt ein überarbeiteter Kommissar erbost einen Totenschein zurück, weil ein fragwürdiger Mordverdacht ihm eine zeitraubende Kette von Ermittlungstätigkeiten aufhalst. Kommt es tatsächlich zu Obduktionen, sind die Leichenbeschauer und Pathologen oft ungenügend ausgebildet, um auch kompliziertere Analysen anstellen zu können. Um sich im Fall vager Verdachtsmomente kostspielige Obduktionen zu ersparen, gingen einige Bundesländer bereits 1970 dazu über, die Kategorie "unklarer Tod" vom Totenschein zu streichen. So nennt Rückert zwar Täter und Opfer, aber keine Schuldigen - hier gibt es ein Gestrüpp aus Verstrickung und Befangenheit.

Die zahlreichen Fallbeispiele, durchsetzt mit thrillerhaften Schockmomenten, versuchen gar nicht erst, die journalistische Lehrzeit zu verbergen, die Sabine Rückert bei der Bild-Zeitung absolvierte. Nahezu erholsam erscheinen jene Passagen, in denen sich die studierte Publizistin, Theologin und Werbepsychologin mit Fachdiskussionen auseinandersetzt, mit Argumenten von Soziologen, Medizinern, Kriminologen. Da präsentiert sich ihr Text als ebenso gründlich recherchierte wie verkaufsträchtige Kombination aus Thriller und Analyse.

Es wäre vermessen, das Buch als klug konzipierten Thriller hinzustellen. Das ist es zwar auch, aber eben nicht nur. Rückerts investigativer Journalismus weist auf gesellschaftlichen und juristischen Handlungsbedarf hin. Denn das Problem ungesühnter Morde und Misshandlungen trifft zumeist Frauen, Alte, Kinder und sozial Schwache - Menschen, die bereits als Lebende kaum je eine Lobby haben. Immerhin gelangt mit Rückerts Recherche ein Fachthema in die öffentliche Arena, und möglicherweise werden politische Handlungen folgen. Zumindest die "Dunkelfeldforschung" selbst ist jetzt kein dunkles Feld mehr.

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