Toter Junge in Berlin : Senator Czaja plädiert für Impfpflicht bei Masern

Nach Tod eines Kleinkindes prüft die Charité, ob Masern die Todesursache waren. Seit Oktober gab es 574 Masern-Fälle in Berlin. Die Opposition warnt vor einem Zwang zum Impfen.

Masern-Virus. Bis 2015 sollten Masern in Deutschland eigentlich ausgerottet sein. Davon ist die Bundesrepublik derzeit weit entfernt.
Masern-Virus. Bis 2015 sollten Masern in Deutschland eigentlich ausgerottet sein. Davon ist die Bundesrepublik derzeit weit...Hans Gelderblom, Science Photo Library

Nach dem Tod eines Kleinkindes in Berlin wird heftig um eine Impfpflicht gestritten. Berlins Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU) teilte am Montag mit, dass am vergangenen Mittwoch ein anderthalbjähriger Junge aus Berlin-Reinickendorf an Masern verstorben sei. Das Kind sei vielfach geimpft gewesen – außer gegen Masern. „Das ist eine schwere Erkrankung“, sagte Czaja. „Ich bin für eine Impfpflicht.“ Die Berliner Ärztekammer, der alle zugelassenen Mediziner der Stadt angehören müssen, forderte eine Pflicht für alle Kinder, die Kita oder Schule besuchen.

Charité: Todesursache wird noch ermittelt

Der Junge hatte am 12. Februar Fieber, Husten und Ausschlag bekommen. Am 14. Februar kam er in die Charité, wo er am 18. Februar verstarb. Die Universitätsklinik informierte wie vorgeschrieben das Gesundheitsamt, das die Kita des Jungen überprüfte. Weil „Masern die tatsächliche Todesursache waren“, wie der Senat mitteilte, wurde dann das Landesamt für Gesundheit und Soziales und somit Czaja informiert. Die Charité erklärte hingegen, ob Masern die Todesursache gewesen seien, werde noch untersucht.

Bundesgesundheitsminister Gröhe: Impfpflicht kein Tabu

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) sagte, eine Pflicht sei kein Tabu, wenn alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft seien, die Impfbereitschaft zu erhöhen. Die Bundesregierung will zunächst im geplanten Präventionsgesetz festlegen, dass Eltern vor Eingewöhnung ihres Kindes in einer Kita eine ärztliche Impfberatung nachweisen müssen. Auch der Kinderschutzbund rät dringend zur Masernimpfung. In der Opposition wird dagegen vor einer Impfpflicht gewarnt.

90 Prozent der Berliner Schulkinder schon jetzt zweimal geimpft

Der Gesundheitsexperte der Berliner Grünen, Heiko Thomas, forderte „Aufklärung statt Zwang“ und verwies darauf, dass ohnehin schon 90 Prozent der Berliner Schulkinder zweimal – also besonders sicher – geimpft seien. Auch Wolfgang Albers (Linke), selbst Arzt und Vorsitzender des Gesundheitsausschusses im Berliner Abgeordnetenhaus, sagte: Eine Pflicht zum Impfen gehe nicht, eine verpflichtende Beratung allerdings schon. Eine Behandlung gegen den Willen der Betroffenen sei rechtlich und praktisch schwer umsetzbar. Bestünde eine Pflicht, müssten Beamte sie im Notfall mit Gewalt durchsetzen, das hieße womöglich, Unwilligen unter Zwang eine Spritze zu setzen.

Berliner Ärztekammer fordert Bevölkerungsschutz

Senator Czaja gestand noch am Montag ein, dass sich eine Impfpflicht „bei den derzeitigen politischen Verhältnissen nicht durchsetzen“ lasse. Er fordere auch jeden Erwachsenen auf, seinen Impfstatus zu überprüfen. Die meisten Impflücken gebe es unter den nach 1970 Geborenen. Der Präsident der Berliner Ärztekammer, Günther Jonitz, sagte: In Anbetracht des größten Masernausbruchs seit 2001 sei eine Impfpflicht kein Eingriff in Persönlichkeitsrechte, sondern diene insbesondere dem Schutz der Kinder. „Der Gesetzgeber sollte seine Aufgabe des Bevölkerungsschutzes ernst nehmen und mutig entsprechende Maßnahmen einleiten“, sagte Jonitz.
Seit Oktober werden gerade in Berlin viele Infektionen festgestellt. Bis Montag wurden 574 Masern-Fälle in der Stadt gemeldet. Eine Schule in Lichtenrade blieb am Montag vorsorglich geschlossen.

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