Zeitung Heute : Toter Säugling im Müllschlucker gefunden

Der Tagesspiegel

Von Holger Wild und Werner Schmidt

Einen grausigen Fund machte der Hausmeister eines Lichtenberger Plattenbaus am Mittwochvormittag im Hausmüll: Gegen 10 Uhr stieß er bei der Leerung des Müllcontainers auf die Leiche eines Säuglings. Das tote Mädchen war irgendwo im Haus in den Müllschlucker geworfen worden. Über die Todesumstände und -ursache sowie mögliche Verdächtige konnte die Polizei am Nachmittag noch keine Auskunft geben.

Rhinstraße: Plattenbauten finden sich neben Autohändlern und Gewerbegebieten. Die Nummer 125 ist elf Stockwerke hoch mit renovierter, grauer Fassade. Der Eingang liegt zu einer Seitenstraße, durch die nur selten jemand läuft und gestern auch niemand nach den Gründen für die Polizeiabsperrung fragte. Das Haus war früher ein Wohnheim für Vietnamesen, heute stehen auf den Klingelschildern auch polnische und deutsche Namen. Links neben dem Betonwindfang des Eingangs führt die Tür zum Müllraum. Dort, in einem Müllcontainer unter dem Müllschlucker-Schacht, fand der Hausmeister gegen zehn Uhr morgens den toten Säugling. Das Mädchen war „körperlich voll entwickelt“, sagte ein Polizeisprecher, es war also keine Fehlgeburt.

Wie alt es aber war, müsse die Obduktion klären, sagte ein Polizeisprecher. Auch wie das Kind zu Tode gekommen ist – oder ob es vielleicht schon tot geboren wurde –, konnte die Polizei nicht mit Gewissheit sagen. Die Ermittler gingen aber nach erstem Augenschein davon aus, dass das Kind bei der Geburt lebte. Eine Spur zur Mutter fehlte gestern aber noch.

Die Spurensicherung untersuchte die Müllschluckerklappen nach Spuren, um herauszufinden, in welchem Stockwerk sich der Täter des Kindes entledigt hat. Auch wurden die Bewohner des Hauses befragt. Über die Ergebnisse schwieg die Polizei allerdings aus „ermittlungstaktischen Gründen“. Dabei ist bisher sogar noch unklar, ob derjenige, der den Säugling in den Müllschlucker warf, auch tatsächlich in dem Plattenbau wohnt.

Über das Ergebnis der gerichtsmedizinischen Untersuchung hüllte sich die Kriminalpolizei am Donnerstagabend dann aber in Schweigen. Die Justizpressestelle werde sich heute zu dem Fall äußern, sagte ein Beamter der Lagezentrale der Polizei.

Zuletzt wurde in Berlin im Oktober 1999 ein toter Säugling gefunden – in Kreuzberg, und ebenfalls in einem Müllcontainer. Im Februar 1998 hatte in Marzahn eine 15-Jährige heimlich in der Wohnung ihrer Eltern entbunden und das Kind aus dem 10. Stock geworfen. Im August 1999 erschlug eine 16-jährige Berlinerin ihr Neugeborenes und verbrannte die Leiche bei Ahrensfelde. Im Juli 2001 erstickte eine 18-Jährige aus Hohenschönhausen ihr Kind unmittelbar nach der Geburt in Thüringen in einem Plastiksack und versteckte diesen zwei Tage in einem Schrank, bis sie die Tat gestand.

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