Zeitung Heute : Totgesagte bomben länger

Der Tagesspiegel

Von Ulrike Scheffer

Osama bin Ladens Terrorkommandos machen wieder von sich reden. Der missglückte Anschlag auf den afghanischen Verteidigungsminister Fahim Anfang der Woche soll auf ihr Konto gehen. Das jedenfalls behauptet ein Mann, der am Mittwoch im Büro einer arabischen Zeitung in Pakistan anrief. Der Anrufer drohte mit weiteren Attentaten, auf afghanische Politiker, die Internationale Schutztruppe und andere Ausländer. Auch die Männer, die verdächtigt werden, einen Stützpunkt der Schutztruppe mit Raketen beschossen zu haben, sollen nach Angaben des Kabuler Innenministeriums mit Al Qaida in Verbindung stehen. Wenn beides stimmt, wäre dies ein Warnsignal.

Wenn sich Al Qaida und mit ihr möglicherweise auch die Taliban neu formiert haben und ihnen sogar Anschläge in der vermeintlich sichersten Stadt Afghanistans, Kabul, gelingen, ist der ohnehin fragile Neuanfang in Afghanistan in höchster Gefahr. Es wäre auch eine Bankrotterklärung der USA, weil sie trotz massiver Angriffe das Terrornetzwerk nicht zerschlagen konnten. Die Vorstellung, dass Osama bin Laden an irgendeinem Ort der Welt unbehelligt neue Terrorakte plant, während sich die US-Truppen in Afghanistan an Al-Qaida- und Taliban-Verbänden die Zähne ausbeißen, muss für George W. Bush unerträglich sein.

Doch noch fehlen stichhaltige Belege für die Auferstehung der Al Qaida. Der Bekenner-Anruf kann von einem Wichtigtuer stammen. Selbst wenn er authentisch sein sollte, besteht die Möglichkeit, dass sich die Bin-Laden-Leute mit den Anschlägen anderer rühmen, um über ihre tatsächliche Schwäche hinwegzutäuschen.

Solange nichts bewiesen ist, sollten die jüngsten Geschehnisse nicht vorschnell auf das Al-Qaida-Konto verbucht werden. Damit würde der Blick auf andere Ursachen der Spannungen in Afghanistan versperrt. Lokale Provinzfürsten, altgediente Warlords und auch Teile der paschtunischen Bevölkerung, die sich in der neuen – aus ihrer Sicht von der ehemaligen Nordallianz dominierten – Regierung unterrepräsentiert fühlen, erkennen die Autorität Kabuls nur bedingt an. Einige rüsten schon für einen neuen Bürgerkrieg. Auch der wieder zunehmende Opiumhandel mit seinen militant-mafiösen Strukturen gefährdet den Frieden. Selbst die Karsai-Regierung versucht möglicherweise, Kontrahenten mit schmutzigen Tricks auszuschalten. So sind die Umstände der Verhaftung von Anhängern des untergetauchten Kriegsherrn Hekmatyar bisher nicht abschließend geklärt. Planten sie tatsächlich einen Umsturz oder kamen sie nach Kabul, um über Frieden zu verhandeln und tappten dabei in eine Falle? Al Qaida ist noch immer ein Problem in Afghanistan – aber nur eines von vielen.

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