Toulouse : Amoklauf und Terrorismus werden eins

Wieder schießt ein radikalisierter Einzeltäter um sich, wieder sind Kinder unter den Opfern. Die Morde des Islamisten Mohamed Merah stehen für eine neue Form des Terrors. Und Europa tut sich schwer damit, die Phänomene zu begreifen.

Der mutmaßliche Toulouse-Attentäter Mohamed Merah auf einem bereits bekannten Video. Neue Aufnahmen sollen seine Taten zeigen.Weitere Bilder anzeigen
Foto: dapd
26.03.2012 12:54Der mutmaßliche Toulouse-Attentäter Mohamed Merah auf einem bereits bekannten Video. Neue Aufnahmen sollen seine Taten zeigen.

Es ist entsetzlich. Wieder läuft ein Fanatiker Amok, diesmal sind in Frankreich drei Soldaten, ein Rabbiner und drei jüdische Kinder die Opfer. Der mutmaßliche Mörder, Mohamed M., inszeniert auch einen Showdown, bei dem Polizisten verletzt werden. Man hält die Hände vors Gesicht und fragt sich: Geht das immer so weiter? Wer läuft als Nächster los und schießt um sich?

Offenbar zum dritten Mal innerhalb eines Jahres hat jetzt eine Art Ein-Mann-Terrorgruppe in Europa gewütet. Was in Toulouse und Montauban passiert ist, ähnelt dem Verbrechen, das der Norweger Anders Breivik im vergangenen Juli verübt hat – sowie dem in Deutschland beschämend wenig betrauerten Attentat des Kosovaren Arid Uka, der im März 2011 am Frankfurter Flughafen zwei US- Soldaten erschoss und zwei weitere schwer verletzte. Drei radikalisierte Ego- Shooter haben großes Leid verursacht.

Zu dieser Sorte radikalisierter Gewaltverbrecher, die ihren Nachbarn nicht weiter auffallen und nur schwer zu stoppen sind, muss man ebenso die Thüringer Terrorgruppe zählen, die mordend durch Deutschland zog – und jede öffentliche Selbstbezichtigung unterließ. Auch die zwei libanesischen Kofferbomber, die 2006 in Köln Sprengsätze in Regionalzügen deponierten, handelten in eigenem Auftrag. Die Sicherheitsbehörden hatten keine Chance, den Beinahe-Anschlag der beiden Nobodys zu verhindern. Ähnlich war es im Fall des weitgehend unauffälligen, über das Internet radikalisierten Arid Uka. Es ist auch fraglich, ob die norwegische Polizei in der Lage war, den abgeschottet lebenden Breivik frühzeitig aus dem Verkehr zu ziehen. Und zu befürchten ist, dass sich durch solche Taten weitere Extremisten und andere Irre animiert fühlen, auch als Killer größtmöglichen Schrecken zu verbreiten. Eine neue Ära des Terrors?

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Es erscheint beinahe zweitrangig, welche Motive die Täter nennen. Amoklauf und Terrorismus werden eins. Utøya und Frankfurt und Toulouse erinnern an Winnenden und Erfurt. Die Gewalt wirkt entgrenzt. In Toulouse hat sie, vom Täter nicht nur in Kauf genommen, sondern in eiskalter Absicht, wieder Kinder getroffen – angeblich, um den Tod palästinensischer Kinder zu rächen. Als wenn das ein legitimer Grund sein könnte. Breivik hatte auf Utøya sogar 69 Jugendliche hingerichtet. Terroristen scheren sich zwar selten um das Alter ihrer Opfer, doch eine mit eigener Hand verübte Hinrichtung von Kindern und Jugendlichen zeugt von exzessiver Grausamkeit.

Man kann das krankhaft nennen, wie es Psychologen im Fall Breivik taten. Doch es ändert nichts an der Gefahr. Die zivilisierte Welt wird zunehmend auch durch Terrortäter herausgefordert, die alleine oder in Kleingruppen agieren und von größeren Organisationen wie Al Qaida nur inspiriert werden. Mohamed M. und vielleicht Mitglieder der Familie scheinen in dieses Schema zu passen, auch wenn die islamistische Gruppe „Forsane Alizza“ eine Rolle spielen sollte.

Ein beklemmendes Szenario: Die hochgerüsteten Polizeien und Nachrichtendienste Westeuropas können aufwendig geplante Anschläge von Al Qaida meist vereiteln, doch den Angriffen fanatisierter Einzeltäter oder Kleingruppen ist schwerer vorzubeugen. Diese Schwäche registrieren Extremisten genau. Und Al Qaida gewinnt, weil sich jemand wie M. zur Organisation bekennt. Als werbe ein freier Mitarbeiter für die Terrorfirma.

Die westlichen Staaten tun sich schwer, die Phänomene zu begreifen. Davon zeugt die Desorientierung bei Politik und Medien gleich nach den Taten. Breiviks Anschläge wurden zunächst Al Qaida zugeordnet, nach den Schüssen in Montauban und Toulouse erschien ein rechtsextremer Hintergrund naheliegend. Außerdem hat sich die EU- Außenbeauftragte Catherine Ashton gewaltig blamiert, als sie die Morde von Toulouse mit den israelischen Militärschlägen gegen Gaza gleichsetzte, das von der Terrororganisation Hamas beherrscht wird.

Ermutigend ist am Fall Toulouse eigentlich nur, dass die Polizei rasch auf die Spur des Täters kam, auch dank einer gespeicherten IP-Adresse. Aber zu erwarten ist dann auch, dass die nächsten Ein- Mann-Terrorgruppen schlauer sind.

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