Zeitung Heute : Tour de Farce

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Der Ton wird schärfer. „Der dumme Junge mit den roten Bäckchen soll lieber mal still sein und sich auf eine Ostseeinsel verkriechen, auf der er die nächsten 30 Jahre nicht auffällt“, wettert der Dopingexperte Werner Franke. Gemeint ist Jan Ullrich, der via „Bild“-Zeitung Franke persönlich angegriffen hatte: „Der Mann hört sich selber gerne reden und wollte mal wieder ins Fernsehen. So einen Blödsinn habe ich schon lange nicht mehr gehört.“

Die Affäre Ullrich schwelt weiter, und neu ist erst einmal nur, dass Ullrich jemandem direkt antwortet, der Vorwürfe gegen ihn erhebt. Was war eigentlich passiert? Werner Franke hat die Möglichkeit bekommen, in die Ermittlungen der spanischen Behörden Einsicht zu nehmen, die mit der „Operation Bergpass“ den Dopingskandal vor der Tour de France aufgedeckt haben. Dort hat er etwas gefunden, was schon seit Mitte Juli bekannt ist: Dass Jan Ullrich 35 000 Euro in einem Jahr an den Drahtzieher des Dopingrings, Eufemiano Fuentes, gezahlt haben soll. Ivan Basso soll sogar 40 000 Euro ausgegeben haben, Ullrichs Teamkollege Oscar Sevilla 28 000 Euro. „So viel Dreck habe ich lange nicht gesehen“, hatte Franke daraufhin gesagt, der positiv getestete Tour-deFrance-Sieger Floyd Landis und Ullrich seien „Geschichte“.

Sicher ist, dass es die Zahlungen gegeben hat, und dass ein systematischer Dopingring existiert hat oder immer noch existiert, wie neue Spuren, die auch nach Deutschland führen, vermuten lassen. Dopingexperte Franke hat getan, was auch die spanischen Behörden tun: Er geht fest davon aus, dass sich hinter den Codenamen „JAN“ und „Hijo Rudicio“ („Rudis Sohn“, gemeint sein könnte Ullrichs Mentor Rudy Pevenage) Jan Ullrich verbirgt.

Der renommierte Zellbiologe Werner Franke beendet kaum ein Gespräch, ohne die Worte „Dopingsumpf“ und „die sind alle voll bis obenhin“ benutzt zu haben. Seine persönliche Auseinandersetzung mit Ullrich hat aber keine neuen Fakten geschaffen. Nach wie vor ist nicht bewiesen, dass Ullrich „JAN“ oder „Hijo Rudicio“ ist, auch wenn aufgrund dieser und anderer Indizien kaum noch jemand an Ullrichs Unschuld glaubt.

Rein rechtlich dürfte es wegen der schwierigen Gesetzeslage bei Dopingvergehen sowohl in Spanien als auch in Deutschland schwierig werden, Ullrich konkret Doping nachzuweisen. Den dafür notwendigen positiven Test gibt es nicht. Entscheidend für Ullrichs berufliche Zukunft ist, dass sich alle großen Radteams unter dem Druck der Skandale darauf verständigt haben, ähnlich wie die spanischen Behörden und Werner Franke vorzugehen – auch nur unter Verdacht stehende Profis, die nicht wegen Dopings von einem Sportgericht verurteilt sind, werden nicht mehr beschäftigt. Und der Verdacht gegen Ullrich ist auch ohne justiziable Beweise schwer wiegend.

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