Tour de France : Bis zum Umfallen

Nach der Sonntagsetappe kollidierte T-Mobile-Radprofi Patrik Sinkewitz mit einem 71-jährigen Zuschauer, weil er nicht im Teambus im Stau stehen wollte.

Sebastian Moll[Tignes]
Sinkewitz
Schwer verletzt: Patrik Sinkewitz und der Zuschauer nach dem Zusammenstoß. -Foto: AFP

Die Route Departmental 902 von Bourg St. Maurice nach Val d’Isere ist eine Traumstraße. Grünblaue Bergseen, weiße Gletscher und Bauerndörfer bilden die Kulisse rechts und links der Strecke. Wenn die Tour de France hierherkommt, verwandelt sich dieses Postkartenpanorama jedoch in ein infernalisches Panoptikum. Schon Stunden bevor die 180 Rennfahrer durchkommen, sind das Asphaltband und die Berghänge an seinem Rand schwarz vor Menschen. Hupende Lkws mit Zeitmess- und Fernsehübertragungstechnik versuchen sich durchzudrängeln, entnervte Reporter jagen Richtung Ziellinie, Hobbyradler schlängeln sich in Pulks zwischen dicht geparkten Campingwagen durch, und betrunkene Fans sitzen auf Klappstühlen am Rand und ergötzen sich johlend an dem Chaos.

Dass sich nur alle paar Jahre während der Tour-Wochen eine Tragödie ereignet, grenzt an ein Wunder. 2004 starb ein Kind unter den Rädern des Haribo-Wagens in der Werbekarawane, seitdem wurden schlimmstenfalls Blechschäden aktenkundig. Nach der Sonntagsetappe von Bourg en Bresse nach Tignes jedoch rollte der deutsche Radprofi Patrik Sinkewitz von der Ziellinie den Berg hinunter zu seinem Hotel, als ein 71 Jahre alter Zuschauer hinter einer Kurve über die Straße sprang. Sinkewitz prallte mit Tempo 70 auf den Mann, die beiden blieben blutend auf der Straße liegen.

Bis jetzt ist der Luxemburger Radsport-Freund im Krankenhaus von Grenoble noch nicht wieder aus dem Koma erwacht, sein Zustand wird als kritisch beschrieben. Sinkewitz kam hingegen mit einer Gehirnerschütterung und Fleischwunden rund um den Mund davon.

T-Mobile-Mannschaftschef Bob Stapleton sagt am Montagmorgen, selbstverständlich bedauere er zutiefst, was mit dem Fan passiert sei, und man werde sich um seine Familie kümmern. Doch bei aller Betroffenheit wisse man nicht so recht, wie das hätte vermieden werden können. „Es ist doch gerade das Schöne an der Tour de France, dass sie in einer wunderbaren Naturkulisse stattfindet und dass der Zugang nicht beschränkt ist.“

Etwas hätte man jedoch vielleicht tun können. Viele andere Mannschaften hatten ihre Busse zur Ziellinie fahren lassen. Die Fahrer stiegen nach dem Rennen ein und warteten brav, bis sich der Stau auf der D 902 aufgelöst hatte, um in ihr Hotel chauffiert zu werden. Doch Rolf Aldag, Ex-Rennfahrer und Sportlicher Leiter bei T-Mobile, verübelt es seinen Fahrern nicht, dass sie das Rad und damit den schnelleren Weg gewählt hatten. „Das dauert doch sonst drei Stunden.“

Beim Team T-Mobile sind die Gedanken am Montag vor allem bei den Fahrern, man fragt sich, wie sich der Schock des Unfalls wohl auf sie auswirken würde. Zumal am Sonntag auch noch der designierte Kapitän der Mannschaft, der Australier Michael Rogers, gestürzt war und sich das Schlüsselbein gebrochen hatte.

Wenn man Aldag und Stapleton am Montag glauben darf, ist diese erste Krise jedoch ein gelungener Test für die reformierte Mannschaft. Man habe sich im Team ständig über den Zustand von Sinkewitz ausgetauscht, habe sich gemeinsam gesorgt und gemeinsam gefreut, nachdem sich sein Zustand als weniger bedrohlich herausgestellt hatte, als befürchtet. Insofern sei das junge Team nun zwar personell geschwächt, moralisch jedoch gestärkt. Die restlichen sechs Mann sind gerüstet dafür, sich am Dienstag zwischen dichtgedrängten, alkoholisierten Fans, die sie angrölen und mit diversen Flüssigkeiten bespritzen, über den 2770 Meter hohen Iseran und den 2645 Meter hohen Galibier zu quälen und dabei bis zum Umfallen in der Hochsommerhitze um das Gelbe Trikot zu kämpfen. Das Leben geht weiter. Die Show auch.

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