Zeitung Heute : "Trabant Tegel": Völlig losgelöst

Dietrich Kluge

Wer sich bei "Big Brother" verknacken läßt, hat gute Aussichten auf eine Karrierebeschleunigung nach der "Haftzeit". Den Gewinner erwartet sogar ein warmer Geldregen. Im richtigen Knast zu leben, heißt zu den Verlieren zu gehören. Denn Berlin-Tegel ist nicht "Big Brother". Hier im größten Gefängnis Deutschlands dringt selten etwas nach außen. Briefeschreiben, Telefonieren oder ein Besuch - die einfachen Dinge geraten zur kleinen Sensation, wenn man im Knast lebt. Dann kam hier vor zwei Jahren eine ungewöhnliche Idee auf: "Planet Tegel" - mit dem Internet soll das Leben innerhalb der Gefängnismauern etwas transparenter werden.

Das Projekt "Planet Tegel" bietet dem Außenstehenden die Möglichkeit, etwas vom Alltag in der Haftanstalt zu erfahren. Jetzt hat der Gefangenen-Planet einen Begleiter bekommen: Das Internetmagazin "Trabant Tegel" kreist um das Leben der Gefangenen innerhalb der Gefängnismauern und bietet erstmals die Möglichkeit, mit den Insassen direkt in Kontakt zu treten. Einen unmittelbaren Eindruck vermitteln jetzt auch eigene Erzählungen und Berichte.

"Am Gefängnistor gibt man seine Würde ab - drinnen wartet man auf den Tod", resümiert da ein Insasse sein Leben zwischen "Lebendkontrolle" am Morgen und "Einschluss" am Abend. Auf der Website folgen Berichte über das immerwährende Gefühl, sich auf dem Planeten Tegel am Rande der Gesellschaft zu befinden und ein Leben zu führen, das sich von dem draußen so ganz unterscheidet.

"Eine halbe Stunde Seligkeit" ist da der Besuch der Freundin, eine bittere Enttäuschung, wenn sie "draußen" dann doch einen anderen hat. Das Telefon wird zur Wunschmaschine und direktestem Draht nach draußen. Offen wird über den Umgang mit Drogen im Knast gesprochen, auch über Sex und das Leben von Ausländern auf dem Planeten Tegel.

Nebenbeschäftigungen spielen eine wichtige Rolle, um dem Alltag zeitweise zu entfliehen. "Holodeck" nennt ein "Star-Trek" Fan seine 10 Quadratmeter große Zelle. Die persönliche Einrichtung und das Hobby sind wichtig, "weil ich hier eines Tages noch als Mensch hinausgehen will und werde." Roland Brus, Regisseur beim Gefangenen-Projekt "Aufbruch" und Mitarbeiter bei "Trabant Tegel": "Wir wollen nach draußen bringen, wie so ein Gefängnis funktioniert. Hier findet eine Auslese statt, die von der Gesellschaft akzeptiert wird. Ein Einblick hinter die Mauern könnte dieses Bild vielleicht differenzieren. Das Internet-Portal schafft hier Transparenz." Bei "Aufbruch" ist man sich aber auch bewusst, dass die Möglichkeiten der multimedialen Nutzungnoch sehr eingeschränkt sind. Trotzdem sei gerade der interaktive Anteil an der neuen Website "eine kleine Sensation".

E-Mails, die ein Nutzer auf dem "Trabanten" an die Gefangenen losschickt, können von diesen zwei Mal in der Woche abgerufen werden. Eine direkte Online-Verbindung gibt es allerdings noch nicht. Bei "Aufbruch" hofft man aber, in einiger Zeit noch erweiterte Formen des Informationsaustausches auf den Seiten bereitstellen zu können. Geplant ist auch, einen Chat mit den Gefangenen einzurichten. Die größte Schwierigkeit ist dabei bisher noch die rigide Haltung der Gefängnisleitung.

Die Gestaltung der Websites ist symbolisch an das Leben im Gefängnis angelehnt: Ein vorwiegend dunkler Hintergrund und eine nicht lineare Benutzerführung vermitteln den Eindruck, Teil einer recht straffen Bürokratie zu sein. Bekannte Element eines wirklichen Gefängnisbesuches kommen hinzu, wie der Vormeldeschein, der zum Einstieg auf die Seite ausgefüllt werden muss. Verzögerungen sind eingebaut. Nach einiger Zeit erinnert ein eingeblendetes Fenster an das baldige Ende des virtuellen Besuches. "Gleichzeitig mussten wir aber auch auf die Bedürfnisse des normalen Internet-Users eingehen", sagt Philipp Wassermann von der Design-Agentur "Garderobe 23", die die Seiten gestaltet hat. Die Web-Designer von "Garderobe 23" haben bei der Gestaltung der Homepage eng mit den Gefangenen zusammengearbeitet. "Für uns war das eine sehr spannende Erfahrung," fasst Philipp Wassermann seine Eindrücke zusammen.

Die Projekte "Planet Tegel" und "Trabant Tegel" stehen auch für eine neue Art, mit dem Phänomen des Strafvollzuges umzugehen. "Es ist uns sehr wichtig, einen Austausch zwischen der Welt der Gefangenen und der Welt da draußen zu schaffen, um das Gefangenenleben einer größeren Debatte zugänglich zu machen", sagt Roland Brus. Die Gefangenen besäßen mit ihrer Haftzeit ein Kapital, das sie der Gesellschaft nutzbar machen können. Angedacht wird in dieser Richtung daher, Ausbildungsmöglichkeiten im Computerbereich zu schaffen und so auch einen Beitrag zur Resozialisierung zu leisten.

Eine der ersten E-Mails, die von den Gefangenen des "Trabanten Tegel" losgeschickt worden ist, galt übrigens den Astronauten der ISS-Raumstation der NASA. Diese, so die Begründung der Insassen, befänden sich in ihrem Erdorbit eigentlich in einer ganz ähnlichen Lage wie die Insassen des Planeten Berlin-Tegel.

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