Zeitung Heute : Trabi fahren

Wie ein Berliner, West, die Stadt erleben kann

Lars Törne

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Dreizehneinhalb Jahre habe ich auf diesen Moment gewartet. Ich sitze auf dem Fahrersitz eines gelben Trabant-Cabrio, lasse den Motor knattern, lege die Vier-Gang-Revolverschaltung in die richtige Position – und los geht’s mit 26 PS quer durch die Stadt. Einen Trabi fahren wollte ich, seitdem die Wagen im November 1989 in den Westen getuckert waren. Aber als ich die ersten Ostler gut genug kannte, dass sie mir ihr Auto leihen würden, fuhren die schon längst Westwagen. Dass ich jetzt doch noch in den Genuss kam, verdanke ich einem findigen Jungunternehmer aus Dresden. Rico Heinzig heißt er und seit ein paar Monaten bietet er eine „Trabi-Safari“ quer durch Berlin an.

Start ist am Gendarmenmarkt. Nachdem ich die sperrige Revolverschaltung erfolgreich in den ersten und dann mit Knirschen in den zweiten Gang geprügelt habe, geht’s auf die Leipziger Straße. Unsere Safari-Karawane besteht heute nur aus zwei Wagen, an anderen Tagen sind es bis zu zwölf. Hinter uns knattert Familie Wolf aus Thüringen. Vater Jürgen fährt privat längst Audi, aber beim Besuch in der Hauptstadt wollten sie sich noch mal an die alten Zeiten erinnern, hatte er vor dem Start erzählt.

So zuckeln wir Richtung Potsdamer Platz, jede Bodenwelle überträgt sich direkt auf unser Auto. Auf der Rückbank sitzt einer von Rico Heinzigs Reiseführern. Per Funk ist er mit dem anderen Wagen verbunden und erzählt Anekdoten über die Sehenswürdigkeiten, an denen wir vorbeischaukeln.

An jeder Ampel lasse ich den Motor aufheulen, damit unser Zweitakter nicht absäuft. Das unverwechselbare Aroma des legendären Öl-Benzin-Gemischs steigt uns in die Nase, Erinnerungen an DDR-Reisen werden wach. Als wir langsam an der Siegessäule vorbeiknattern, zeigen Touristen mit dem Finger auf uns und machen Fotos, andere winken, als seien wir die ersten Trabantfahrer, die es in den Westen geschafft hätten. So ähnlich müssen sich die Trabi-Piloten damals im November ’89 gefühlt haben.

Ich suche die Tankanzeige. Gibt’s nicht, sagt unser Begleiter. Wenn der Tank leer ist, wird der Reservetank geöffnet, dann weiß man, wie viele Liter noch übrig sind. Geniale Idee. Wie auch der Blinker, der beim Druck nach vorne zur Hupe wird. Vor dem Reichstag muss ich mich schwer ins Lenkrad legen, um die Kurve zu kriegen. So war das also damals ohne Servolenkung. Eine dauernde Herausforderung ist auch die Revolverschaltung. Der Rückwärtsgang lässt sich nur mit Gewalt einlegen. Vielleicht ist dies ja der Hintergrund des Honecker-Ausspruchs: „Vorwärts immer, rückwärts nimmer“.

Während wir über den Alexanderplatz knattern, steht unser Blinker auf Dauerbetrieb, weil ich ständig vergesse, ihn nach Benutzung wieder auszuschalten. Nach eineinhalb Stunden zuckelt unsere kleine Karawane zum Gendarmenmarkt zurück. Beim Aussteigen fühle ich mich ein wenig wie damals, als ich als Student eine klapprige „Ente“ fuhr: froh über jede Fahrt, die man heile hinter sich gebracht hat, aber irgendwie wächst einem das Auto mit seinen Macken doch ans Herz.

Anmeldungen für die „Trabi-Safari“: Tel. 27592273 o. (0351) 8990066, Internet: www.trabi-safari.de . Ab 20 Euro/Person. Verschiedene Touren möglich.

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