Tradition aus England : „Plötzlich war es Mode“

Die Vorfahren von Helen Barbour erfanden die dunkelgrüne Wachsjacke. Die heutige Chefin staunt über den Erfolg des einstigen Fischeroutfits.

Foto: promo
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Helen Barbour

ist seit 1997 stellvertretende Vorsitzende der J Barbour & Sons Ltd. Sie führt das Unternehmen in fünfter Generation und wird es eines Tages von ihrer Mutter übernehmen.

Mittwochabend in der Alten Schönhauser Straße. Eine Traube junger Leute feiert auf dem Bürgersteig den neuen Barbour Store. Es gibt ihn zwar schon seit Mai, doch jetzt, zur Fashion Week, passt die Eröffnungsparty einfach besser. Irgendwo zwischen den Gästen steht Helen Barbour. Die Britin führt das Familienunternehmen in fünfter Generation und sie weiß: Vor ein paar Jahren wäre diese Szene unmöglich gewesen.

Frau Barbour, Ihre Marke ist auf einmal ziemlich hipp. Was ist passiert?

Ehrlich gesagt: Ich bin darüber selbst ganz erstaunt. Das Unternehmen wurde 1894 in England gegründet und trug lange den Slogan „The best british clothing for the worst british weather“ – Die beste britische Kleidung für das schlechteste britische Wetter. Wir haben hauptsächlich wasserdichte Funktionsjacken für Bauern, Fischer und Jäger hergestellt. Der Umbruch kam vor fünf Jahren, als die britische Popsängerin Lily Allen in einer unserer Jacken auf dem Glastonbury Festival auftrat und die jungen Leute dachten: „Cool, so eine möchten wir auch!“

So einfach war das?

Es ist tatsächlich irgendwie von allein passiert. Wir haben die Jacken nicht an Prominente verschickt und gesagt: „Bitte tragt Barbour“.

Barbour hatte lange ein spießiges Image.

Das hat uns große Sorgen gemacht: „Normale“ Leute wollten unsere Jacken nicht mehr tragen. Als in den 1990er Jahren auch noch neue High-Tech-Materialien auf den Markt kamen und man Alternativen zu unseren früher noch sehr öligen Jacken kaufen konnte, hatten wir ein Problem.

Haben Sie damals überlegt, das Unternehmen zu verkaufen?

Nein, das wäre falsch gewesen. Meine Mutter hat Barbour vor 40 Jahren übernommen und zu dem gemacht, was es heute ist: Ein kleines Unternehmen, das enorm gewachsen ist. Ich führe es nun in fünfter Generation und trage eine große Verantwortung.

Wieso haben Sie die Marke nicht schon viel früher modischer gemacht?

Es wäre gefährlich für das Unternehmen gewesen, denn in der Mode muss man sich jede Saison neu erfinden und dafür hatten wir nicht die richtigen Leute. Als Barbour seinen Weg in die Mode schließlich von allein gefunden hat, haben wir ein paar sehr gute Designer eingestellt. Letztendlich sind wir froh, dass es so gekommen ist.

Das Markenzeichen der Marke sind nach wie vor die dunkelgrünen Wachsjacken. Ist die heute anders als früher?

Wir haben ein paar neue Modelle entworfen: mal kürzer, mal länger, mal mit einem Gürtel. Und vor allem verwenden wir jetzt ein Material, dass weniger ölig ist und nicht so stark riecht. Früher auf dem Land, zwischen Kühen und Schafen, war das egal. Aber heute in der Stadt? Ich erinnere mich, dass ich mal eine Jacke in meinem Kofferraum liegen gelassen habe und anschließend das ganze Auto danach stank. An unseren Grundwerten hat sich allerdings nichts geändert. Die Jacken werden seit 1894 in South Shields hergestellt und sind wasserfest, praktisch, langlebig.

Ist es vielleicht auch das, was den Leuten an Barbour heute so gut gefällt: Die guten alten Werte?

Ganz bestimmt. Seit der Finanzkrise geben die Kunden ihr Geld lieber für Dinge aus, die eine Weile halten. Außerdem ist Barbour eine alteingesessene englische Marke. Die Leute freuen sich, wenn sie durch das Tragen unserer Kleidung ein Teil dieser Tradition werden können. Daraus ist auch unsere Heritage-Linie entstanden: Wir haben Klassiker aus dem Archiv neu aufgelegt.

Im Mai haben Sie damit einen Laden in Berlin-Mitte eröffnet. Wieso gerade hier?

In der Gegend bewegen sich viele trendbewusste, junge Leute. Das ist genau die Zielgruppe dieser Linie.

Sie sind mit der Marke aufgewachsen. Leben Sie den typischen „Barbour-Lifestyle“?

Oh ja! Ich wohne zwar nicht auf dem Land, aber ich trage fast ausschließlich Barbour-Kleidung und gehe schießen. Das ist für mich sehr wichtig, denn seit einem Jahr leite ich die Jagdsport-Linie und muss nachvollziehen können, was der Kunde sich wünscht.

Und was wünscht er sich?

Jacken mit großen, stabilen Taschen zum Beispiel, damit möglichst viele Patronen hineinpassen und er sein Gewehr schnell nachladen kann.

Sie selbst schießen ausschließlich auf Vögel und haben da diese Tradition…

...normalerweise werden alle erlegten Tiere gegessen. Den ersten Vogel, den ich von jeder Art schieße, lasse ich aber ausstopfen und benenne ihn nach einer für mich an diesem Tag wichtigen Person. Mein allererster Vogel zum Beispiel heißt Simon, wie mein damaliger Ausbilder. Gerade warten Claire und Andrew in meiner Kühltruhe: Zwei Fasane, die ich vor Kurzem erlegt habe.

Wie wird es mit Barbour weitergehen?

Ich glaube, der Modehype um die Marke wird eines Tages wieder abebben. Es muss nur die falsche Person in einer Barbour-Jacke gesehen werden und schon ist es vorbei. Für uns ist es deswegen wichtig, die Wurzeln der Marke zu stärken und in Zukunft den Bereich der Funktionskleidung auszubauen.

Das Gespräch führte Lisa Strunz.

DER ERFINDER

John Barbour eröffnete im Jahr 1894 in der englischen Hafenstadt South Shields

einen Laden für Öljacken. Sein Sohn Malcom erfand die typische Barbourjacke.

DIE WEGBEGLEITER

Schon den vierziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts trugen englische Ladies Barbourjacken und -mäntel, wenn sie sich auf Landpartie begaben. Hier auf einer Werbeabbildung.

ALTES NEU

Diese Jacke sieht zwar aus wie ein altes Erbstück,ist aber aus der neuen Hertiage- Kollektion.

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