Zeitung Heute : Traditioneller Weinbau vor atemberaubender Kulisse

Thomas Veser

"Gewöhnlich ist er glatt und blass, ins Graue spielend oder ins Silberweisse, aber manchmal, wenn die Brise weht, dunkelt er und kräuselt sich und wird plötzlich wie ein grosser, blauer, frischumbrochener Acker." So beschrieb der Waadtländer Schriftsteller Charles-Ferdinand Ramuz den sichelförmigen Genfersee, an dessen Nordhängen burgundische Zisterziensermönche vor sieben Jahrhunderten den Weinanbau einführten. Kein Schweizer Weinbaugebiet besitzt eine längere Tradition als das nur 800 Hektar große Lavaux mit dem Dézaley, dem berühmtesten Rebberg der Waadt. Ihre schachbrettartig angelegten Weinberge und Dörfer, in deren Pinten und Winzerkeller man die lokalen Erzeugnisse degustieren kann, sind seit vergangenem Jahr durch einen 32 Kilometer langen "Parcours viticole" (Winzerweg) miteinander verbunden.

Vom perfekt erhaltenen Marktort Lutry aus führt der thematische Wanderweg entlang terrassenförmig am Hang angelegter Weingüter durch den Abschnitt La Côte ins Lavaux, hinunter nach Vevey und Montreux bis zum Schloß Chillon. Diese malerische Szenerie hatte Ramuz als Hintergrund für seine Erzählung "Aimé Pache, ein Waadtländer Maler" (1911) gewählt: "Sie leben an der Grenze zwischen Reben und Korn, sind vor allem Bauern, aber auch ein wenig Winzer", charakterisierte er den Menschenschlag, dessen Vertreter sich zum Verwechseln ähnlich sahen.

Stets ein Faß im Keller, besaßen die niemals in Hektik verfallenden Bonvivants "eine rote Gesichtsfarbe und Schnurrbärte, die so oft im Wein geschwenkt worden sind, daß sie sich verfärbt haben und grünlich geworden sind". Auf Jean-Luc Blondel, der im Dorf Cully mehr als ein Faß im Keller hat, trifft Ramuz` nicht immer schmeichelhafte Beschreibung des Vaudois gewiß nicht zu; der Jungwinzer ist Besitzer eines Weinguts im Dézaley, aus dem die teuersten Weißweine der Schweiz stammen. Wie seine Kollegen verkauft er fast zwei Drittel seiner Chasselas-Weine an Stammkunden meist in der deutschen Schweiz, den Rest trinken die Waadtländer selbst.

Auf dem höchsten Punkt der steilen, durch Mäuerchen gestützten Terrassen, die eine Höhe von 400 Meter über dem Meeresspiegel erreichen, bietet sich dem Besucher im Sommer ein atemberaubendes Panorama. Es erstreckt sich von den schneebekrönten Zacken der Dents du Midi über den Rhône-Einfluss in den See, den Riegel der majestätisch aufragenden Savoyer Alpen bis hin zur Jurakette bei Genf. Wie untrennbar sich die Bewohner der Waadt, im Mittelalter Teil des Herzogtums von Savoyen, dann bis zur Gründung des Kantons Léman 1798 Untertanengebiet der Berner Herren, mit ihrer Heimat verwurzelt fühlen, beschrieb Ramuz so: "Sie fühlen sich da wohl, am Platz, wo der liebe Gott sie hingestellt hat."

Montreux entwickelte sich im vorigen Jahrhundert zügig zu einem mondänen Kurort. Als das Bauland in Ufernähe verbraucht war, wurde selbst ein Teil der kostbaren Weinberge für die Anlage neuer Hotels geopfert. Damals beschrieb der französische Geograph Elysée Reclus in seiner "Nouvelle géographie universelle", wie sich die Riviéra unter dem Einfluss der reichen Gäste aus England, Rußland, den USA und Frankreich bereits verändert hatte: Dank ihrer kosmopolitischen Bevölkerung seien Montreux und Vevey nun zum Besitz der ganzen Menschheit geworden. Seither hat die Zahl prominenter Zeitgenossen, die sich oft für immer im Waadtland niederlassen, ständig zugenommen. Die Filmstars Audrey Hepburn und David Niven gehörten ebenso dazu wie der Schriftsteller Graham Greene, der Komponist Igor Strawinsky und Charly Chaplin, der auf dem Friedhof von Corsier seine letzte Ruhestätte fand. Auf den Spuren Prominenter ein Stück Zeitgeschichte lebendig werden zu lassen, hat sich Evelyne Lüthi zur Aufgabe gemacht. Als städtische Gemeindearchivarin erarbeitete sie in Montreux eine Reihe literarischer Wanderwege, etwa mit Bezug zu Johanna Spyri und auch Ernest Hemingway.

Mit Vorliebe erforscht die Historikerin waadtländische Charakterzüge anhand historischer Quellen. "Die Spontaneität", hielt der Waadtländer Schriftsteller Eugène Rambert im vorigen Jahrhundert fest, "ist im Charakter der Waadtländer nicht stark ausgeprägt." Daß dem wichtigsten landwirtschaftlichen Produkt der Waadt auch in der Charakterbildung eine tragende Rolle zukommt, war schon Pfarrer Alexandre Vinet nicht verborgen geblieben. Die Vaudois, so schrieb der Geistliche, seien nicht von der Überzeugung abzubringen, "daß man nur dann stark und zum Mann wird, wenn man ordentlich Wein trinkt".

Zumindest in Vevey würde dieser Einschätzung wohl auch heute niemand widersprechen: Dort findet alle 25 Jahre die eindrucksvollste Inszenierung dieser Weinkultur in Form der zweiwöchigen "Fête des Vignerons" auf dem Marktplatz statt. So auch in diesem Jahr. Veveys bacchantisches Winzerfestspiel besteht aus farbenprächtigen Umzügen mit barocken Kostümen, Konzerten und Gesangsdarbietungen. TIPS FÜR DEN GENFER SEE

Anreise: Gute Zugverbindungen zwischen Deutschland und der Schweiz. Autotransportzüge bis Basel oder über die Lötschberg-Route nach Brig möglich. Bei längerem Aufenthalt empfiehlt sich der Erwerb der Netzkarte "SwissPass" für alle Bahn- und Postautolinien der Schweiz zum Preis von 210 Schweizer Franken für vier Tage, 264 Franken für acht, 306 Franken für 15 Tage oder 420 Franken für einen Monat (alle Preise 2. Klasse).

Events: In Vevey wird alle 25 Jahre mit einem Riesenaufwand "La Fête des Vignerons" zelebriert. Das Fest findet in diesem Jahr vom 29. Juli bis 15. August statt. Montreux veranstaltet im Sommer ein traditionsreiches Jazz-Festival, und Nyons Paléo Festival nimmt einen festen Platz in der Rockszene ein. Interessant ist auch das Internationale Alpenfilmfestival in Les Diablerets im September. Ebenfalls im September wird die Weinlese mit Winzerfesten am Genfer See und im Wallis gefeiert.

Auskunft: Schweiz Tourismus, Kaiserstraße 23, 60311 Frankfurt am Main; Telefonnummer: 069 / 25 600 10

Verkehrsbüro Vevey, Telefonnummer: 00 41 /21 / 922 20 20, Telefaxnummer: 00 41 / 21 / 922 20 24. Email: tourism@vevey.ch ; Internet: http://www.veveytourism.ch

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar