Zeitung Heute : Traditionsfastnachten machen Programmchefs närrisch

Günter Schenk

Helau gegen Alaaf, Mainz gegen Köln. Im Duell der Narren hatten die Mainzer bislang die Nase vorn. Letztes Jahr zum Beispiel sahen 9,15 Millionen Zuschauer den TV-Klassiker "Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht". 8,99 Millionen waren beim "Karneval in Köln" dabei, der traditionellen Sitzung aus dem Gürzenich. So dicht waren die Kölner den Mainzern noch nie auf die Pelle gerückt. Dieses Jahr wollen die Rheinländer die Rheinhessen gar auf die Plätze verweisen. Mit Rückendeckung des Heimatsenders WDR, der am Fastnachtsfreitag in seinem dritten Programm gegen die Übertragung aus dem Mainzer Schloss eine Party mit den "Bläck Fööss" setzt, kölschen Volks-Karneval gegen Mainzer Traditionsfastnacht.

Ausgerechnet in Mainz ist dieses Rezept schon Anfang Februar aufgegangen, wo fast fünftausend Narren die besten Kölner Karnevalsmusiker auf einem Konzert in der Rheingoldhalle feierten. "Kölle goes Mainz" war eine Mega-Party, ein Ereignis auch fürs Fernsehen, das das Karnevals-Konzert mitschnitt. Für die politische Mainzer Fastnacht dagegen, registrieren lokale Beobachter voller Sorgen, bleibt immer weniger Platz. So reduzierten die großen Sendeanstalten, die im Vorjahr mit gleich drei abendfüllenden Übertragungen aus Mainz aufwarteten, ihr närrisches Mainz-Menü auf die traditionelle Fernsehsitzung "Mainz bleibt Mainz", die dieses Jahr im Angebot des ZDF ist (3. März).

Karneval für jüngere Zuschauer

Marktanteile zwischen neun und 18 Prozent waren dem Privatsender Sat 1 im Vorjahr nicht ausreichend genug, noch einmal mit den Narren aus Mainz zusammenzuarbeiten. Auch beim ZDF verzichtete man auf eine zweite Fernseh-Sitzung. Dabei waren die Quoten gar nicht so schlecht. Immerhin hatte die Sat 1-Sendung "Helau aus Mainz" letztes Jahr 4,46 Millionen Zuschauer. Fast ebenso viel Betrachter registrierte das ZDF, das mit "Raketen frei zur Narretei" 4,26 Millionen Zuschauer angesprochen hatte.

Doch die Fernsehanstalten störte, dass die Sendungen aus Mainz fast nur Senioren ansprachen. So erreichten beide Sendungen nicht einmal 800 000 Zuschauer in der für die Werbewirtschaft relevanten Gruppe der unter 50-jährigen. Ganz anders RTL, das mit seiner Sendung "Kölle Alaaf" im Vorjahr mehr als zwei Millionen Zuschauer in der werberelevanten Zielgruppe erreichte. Mit einer Sendung, in der die Musik über das Wort dominierte.

Dieses Jahr setzen auch die öffentlich-rechtlichen Anstalten auf dieses Rezept. So hob das ZDF gestern mit "Karnevalissimo" eine neue närrische Sendung aus der Taufe, die stilbildend sein könnte. Kölns Karnevals-Größen vom "Botterblömche" bis zu den "Höhnern" sorgten für den Rahmen der Fastnachts-Schau, die auf närrische Rituale verzichtete. Einen Sitzungspräsidenten gab es keinen, auch keinen Elferrat. Selbst für das Dreigestirn, das zum Kölner Karneval gehört wie der Motor zum Auto, war in dem neuen TV-Format kein Platz. Stattdessen blödelten Fernseh-Stars wie Cordula Stratman und Guido Cantz durch die närrische Show, die aus Termingründen schon im November aufgezeichnet wurde. Klar, dass bei solchem Vorlauf für aktuelle Politik kein Platz ist. Um so mehr für Klamauk und Ulk.

Absage an traditionelle Formen

Erstmals auch arbeiteten die Fernsehmacher nicht mit dem Festkomitee Kölner Karneval zusammen, das den rheinischen Frohsinn bislang fast schon monopolistisch verwaltet hatte und für die von ihm organisierten Fernseh-Sitzungen zwischen drei- und vierhunderttausend Mark Honorar kassierte. Rolf Dietmar Schuster heißt der Mann, der sich die neue Kölner Karnevals-Schau mit ausgedacht hat, aus Rache am Festkomitee wie die Kölner munkeln. Das nämlich soll Schuster, der bislang dem Medienausschuss des Festkomitees vorstand, ein Honorar für die Organisation früherer Fernsehsitzungen verweigert haben.

Den neuen Trend in der Fernsehfastnacht, die Absage an traditionelle Formen, sollen auch RTL-Zuschauer zu spüren bekommen, wo rasende Ulk-Reporter die traditionelle Prunksitzung der Prinzengarde aufmischen wollen. Theo West und Ralph Morgenstern sollen "Kölle Allaf" zum närrischen Event machen. Comedy-Stars an der Seite von Narren, eine neue Allianz. Aus der Fastnacht der Laien, wie sie die Mainzer auf ihre Fahnen geschrieben haben, scheint ein Karneval der Profis zu werden. Mit Schlagern vom Fließband und Pointen aus den Computern der Gag-Fabriken. Männer wie Guido Cantz oder Bernd Stelter sind die neuen Fernsehfastnachter, die sich auf der närrischen Bühne ebenso zu Hause fühlen wie in den Blödel-Shows des Fernsehens.

Die Neuorientierung der Massenmedien zielt vor allem auf den Fernsehzuschauer von morgen, die Zielgruppe der 14-49-jährigen, die unter globalem Unterhaltungs-Dauerbeschuss immer schwerer zu erreichen sind. Gewinner im Quotenkampf um das närrische Publikum von morgen aber könnten die Dritten Programme von heute sein. Ihnen haben die Übertragungen von Sitzungen und Umzügen in den letzten Jahren Spitzen-Quoten eingebracht. So gute sogar, dass sie mit Hilfe der Narren an Marktanteilen deutlich zulegen konnte.

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