Zeitung Heute : Tränen zum Wochenende

Der Tagesspiegel

Von Ulrike Simon

Zuerst kam der Schock. Dann Fassungslosigkeit, Hilflosigkeit. Kurz zuvor, am späten Mittwochnachmittag, hatte der Verleger der versammelten Mannschaft der Hamburger Wochenzeitung „Die Woche“ mitgeteilt, dass die Zeitung eingestellt ist. Acht Jahre und drei Wochen nach ihrer Gründung. Es gab nicht viele Fragen dazu. Jeder wusste, dass die Zeitung Verluste macht und dass es so nicht weitergehen kann. Aber einstellen? Doch nicht jetzt! Gerade war die „Woche“ überarbeitet worden. Hieß es nicht noch vor wenigen Tagen, die Verhandlungen mit der WAZ-Gruppe seien weit gediehen, bald gebe es eine Lösung für das Blatt? Am Dienstag war Redaktionsschluss für die neue Ausgabe, die am gestrigen Donnerstag erschien. Keiner ahnte, dass das die letzte sein sollte. Es war Mittwoch, der Tag, an dem es in der Redaktion etwas ruhiger zugeht. Heute wollten alle das neue Layout feiern. Außerdem hatte Sabine Rosenbladt, die neue Chefredakteurin, noch nicht ihren Einstand gegeben. Und jetzt das. Als die Versammlung um halb sechs vorbei war, verkroch sich jeder erst einmal in sein Büro, atmete tief durch, telefonierte mit seinen engsten Vertrauten. Dann kamen die Tränen, aber man war ja nicht allein. Alles in allem 105 Leute, vom fest angestellten Redakteur bis zur studentischen Aushilfe, sind von der Nachricht betroffen. Vereinzelt, erzählen Redakteure, seien ein paar aus ihrem Büro geschlichen, versammelten sich im Flur. Andere kamen nach. Einer kam mit einer Flasche Wein, weitere folgten, Musik wurde aufgelegt, am Ende war die Stimmung nicht einmal so schlecht. Die letzten gingen weit nach Mitternacht nach Hause. Noch kann keiner so richtig begreifen, was passiert ist. Das wird noch ein paar Tage dauern. Bis dahin heißt es zu funktionieren. Ein Sozialplan muss aufgestellt werden, juristischer Rat eingeholt, die Ansprüche aus den unterschiedlichen Vertragsverhältnissen geklärt und herausgefunden werden, wie viel Geld überhaupt da ist, um Abfindungen zu zahlen. „Die Woche“ wird abgewickelt.

Auch Manfred Bissinger, der Herausgeber und Gründer der „Woche“, hatte erst am Mittwochvormittag von Verleger Thomas Ganske erfahren, dass die Zeitung eingestellt ist. Bissinger hatte nicht damit gerechnet. Ebensowenig wie der Geschäftsführer, Kurt Breme, der dachte, er werde zum Verleger gerufen, um über Werbemaßnahmen für die „Woche“ zu reden. Bissinger machte, was Journalisten oft machen, wenn sie etwas umtreibt. Er schrieb eine persönliche Erklärung. Zwei Seiten lang. Dann informierte er die Chefredakteurin, ging zurück ins Büro. „Ich habe einfach eine Stunde lang aus dem Fenster geguckt und übers Leben nachgedacht“, sagt er. „Die Woche“ ist sein Lebenswerk. Er hat nicht nur neun Jahre Zeit in das Blatt investiert, sondern auch viel Liebe und „Herzblut“. Um fünf ging er zur Betriebsversammlung, um die Mitarbeiter zu informieren. Gefasst habe er gewirkt, sagen die, die dabei waren. „Danach bin ich nach Hause gegangen und hab’ mich ins Bett gelegt“, sagte Bissinger am Donnerstag, dem Tag danach. Schon hat er wieder seinen Humor gefunden. Diesen für Journalisten typischen Galgenhumor: „Seit meinem 17. Lebensjahr bin ich Journalist. In diesem Jahr werde ich 62. Noch nie habe ich es geschafft, am selben Tag auf Seite eins von ,Bild’ und ,FAZ’ zu stehen.“

Für Redaktion und Verlag ist klar, wer schuld ist am Scheitern der Rettungsversuche. „Erich Schumann (der Geschäftsführer des Kaufinteressenten WAZ-Gruppe) hat das alles auf schreckliche Weise kaputt gemacht“, sagt Bissinger und drückt damit die Meinung eines Großteils von Redaktion und Verlag aus. Ein weiterer Schuldiger, sagt Bissinger, sei Hans Leyendecker von der „Süddeutschen Zeitung“, der sich von Erich Schumann habe „instrumentalisieren“ lassen: Schumann habe Inhalte der Verhandlungen mit Verleger Ganske Leyendecker „in den Block diktiert“. Der habe alles geschrieben und damit das Geschäft kaputt gemacht. „Der bedeutende Rechercheur“ habe nicht mal nachgefragt. Gemeint ist der Artikel in der „SZ“ vom 1. März, in dem Leyendecker über die Gespräche desselben Tages berichtete. Leyendecker weist den Vorwurf zurück. Er habe mit dem Interessenten, der WAZ, gesprochen, warum hätte er bei Ganske nachfragen sollen?

Thomas Ganske ist mehr als enttäuscht über die Art, in der die WAZ- Gruppe mit ihm umgegangen ist. Man kann Ganske vorwerfen, dass er einige Jahre zu spät dazu bereit war, die Mehrheit an seiner „Woche“ abzugeben – an einen Verlag, der im Gegensatz zu ihm etwas versteht vom Zeitungmachen. Jetzt war er bereit dazu. Es ging einfach nicht mehr, zwei Millionen Mark pro Monat zu verlieren – diese Summe nannte Ganske am Mittwoch in der Versammlung –, während sein Zeitschriftenverlag auch nicht mehr so viel Geld verdient, um die Verluste aufzufangen. Da kam Schumanns Anfrage vom Oktober 2001, ob man kooperieren könne, gerade recht. Ganske bot den kleinen Finger, die Mehrheit an der „Woche“. Die WAZ wollte Ganske den Arm ausreißen, gleich den ganzen Jahreszeiten-Verlag übernehmen.

Thomas Ganske will darüber nicht sprechen. Es wird noch lange dauern, bis die Wunde verheilt. Ganske ist ein Homme de lettre. Er liebt die Kunst, nicht das Kaufmännische, das Verlagsgeschäft, das er von seinem Vater geerbt hat. Dennoch ist er ein „Verleger aus Leidenschaft“, sagt Manfred Bissinger. Einer, der gute Bücher machen will, wie sie in seinen Verlagen Hoffmann & Campe oder Gräfe und Unzer erscheinen. Und Qualitätszeitschriften wie „Merian“ oder „Architektur & Wohnen“. Einer, der sich mit der Zeitschrift „Tempo“ vorwagte und damit scheiterte. Und einer, der 1993 versuchte, eine kompakte, vierfarbige, meinungsfreudige Wochenzeitung zu machen. Und damit jetzt auch scheiterte. Er wollte mehr machen als andere Verleger, die lieber aufs Geld und die Marktforschung schauen als auf publizistische Inhalte. Wegen dieser verlegerischen Geduld mochten ihn die Journalisten, die bei der „Woche“ arbeiteten. Kein Wunder, dass Ganske und der WAZ-Geschäftsführer Schumann nicht miteinander auskamen.

Bissingers Freund, der Schweizer Verleger Michael Ringier, sagte gestern: „Die Einstellung der ,Woche’ ist natürlich ein Verlust, aber Verleger können nicht Sponsoren der Meinungspluralität sein. Es reicht nicht, dass alle das Ende einer Zeitung bedauern, sie muss auch gelesen werden, und es müssen Anzeigen geschaltet werden.“ Vielleicht hatte sich Ganske einfach zu sehr von Illusionen treiben lassen.

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