Zeitung Heute : Träum dich gesund

Ein Forschungsprojekt erkundet den Heilschlaf, dem in der Antike erstaunliche Wirkungen zugeschrieben wurden

Dorothea Hollnagel

Was gibt es Schöneres, als im Schlaf geheilt zu werden? Man schläft mit Schmerzen ein, träumt von einem wunderbaren Arzt und wacht am Morgen gesund und schmerzfrei wieder auf. So unwahrscheinlich es auch klingen mag – schon in der Antike, in einer Welt ohne Narkose und wirkungsvolle Schmerzmittel, kannten die Menschen den Heilschlaf und praktizierten ihn an besonderen Orten.

Ein solcher Ort war seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. das Asklepius-Heiligtum in Epidaurus, eine Anlage mit mehreren Gebäuden, darunter einer großen Schlafhalle für den Heilschlaf. Mehrere Tempel, ein Gästehaus, ein eigenes Theater, Brunnen und Wasseranlagen befanden sich auf dem Gelände, das von Grenzsteinen als heiliges Gebiet markiert war. Tage-, manchmal wochenlang hielten sich die Kranken hier auf, fernab vom Alltag, vollzogen Opfer und Gebete und stimmten sich in jeder Hinsicht auf den Schlaf im Heilraum ein, den man schließlich geläutert und erwartungsvoll betrat, um hier im Schlummer eine Traumvision des Heilgottes zu erleben. Die heilenden Träume wollten die Heilsuchenden aber keinesfalls dem bloßen Zufall überlassen, dazu waren schon Eintrittsgeld und Aufenthalt zu teuer. Doch wie Einfluss nehmen auf etwas, das offenbar unwillkürlich ist?

Diese und andere Fragen beschäftigen das Forschungsprojekt „Heil und Heilung“, das sich unter der Leitung von Christoph Markschies der Erforschung des antiken Heilschlafs widmet. Theologen, Archäologen, Philologen, aber auch Mediziner arbeiten hier zusammen, denn aus der Beschäftigung mit dem alten Heilschlaf lässt sich eine Menge lernen: So weist der Glaube an die Traumheilung auf einen ursprünglich engeren und selbstverständlicheren Kontakt zwischen Seele und Körper, den die moderne Wissenschaft erst wieder neu entdeckt.

Grundvoraussetzung für den Erfolg des Heilschlafs war der Glaube an den heilenden Gott. Hinzu kommen die äußere und innere Reinigung von allem Ballast (durch Waschungen, Gebete und Rituale) und die mentale Beschäftigung mit dem Heiltraum. Letztere erfolgte durch das Gespräch mit anderen Kranken oder mit Geheilten, die von ihren Träumen berichteten. Dies taten sie nicht nur mündlich, sie hinterließen ihre Heilungsberichte auch auf hölzernen Täfelchen, oft ergänzt durch Votivgaben, die den geheilten Körperteil darstellten oder den heilenden Gott und seine Helfer. Ein solcher Helfer ist die Asklepiusschlange, die noch heute als Symbol der Heilung Apotheken und Arzneipackungen ziert.

Die Berichte auf den Votivtafeln wurden gesammelt und auf steinerne Stelen gemeißelt, die man auf dem Gelände in Epidaurus aufstellte. Hier haben sie sich erhalten und wurden Ende des 19. Jahrhunderts ausgegraben. Wissenschaftler wissen heute nicht zuletzt durch die Auswertung dieser Berichte, welche Krankheiten zur damaligen Zeit bekannt waren und mit welchen Methoden sie behandelt wurden. Dem Heilgott Asklepius selbst begegnete zum Beispiel Timon, der war „unter dem Auge von einer Lanze verwundet. Dieser sah, als er im Heilraum schlief ein Gesicht: Es schien ihm, der Gott zerreibe ein Kraut und gieße ihm davon in sein Auge. Und er wurde gesund.“

Der Schlange hingegen begegnete „Agamede von Keos. Diese schlief wegen Kindersegens im Heilraum und träumte. Es schien ihr im Traum, eine Schlange liege auf ihrem Bauch. Und von da an bekam sie fünf Kinder.“ Manche Patienten hatten harmlose Leiden mit durchaus witziger Traumbehandlung: „Kleinatas aus Theben mit den Läusen: Dieser kam, weil er am ganzen Körper von einer riesigen Menge Läuse befallen war und sah beim Heilschlaf ein Gesicht: Ihm schien, dass der Gott ihn entkleide und nackt hinstelle und ihm die Läuse mit einem Besen vom Körper abfege. Als es Tag war, kam er geheilt aus dem Heilraum heraus.“

Erstaunlicherweise hat das Christentum den ursprünglich heidnischen Brauch des Heilschlafs in die eigene Religion integriert. Erstaunlich ist das deshalb, weil dem Schlaf in der Bibel zwar eine prophetische Gabe zukommt – wie etwa in den Träumen des Mose –, er aber nicht der Heilung dient und noch weniger als ein Mittel erscheint, mit heilenden Märtyrerreliquien Kontakt aufzunehmen. Genau das aber wird in frühchristlichen Kirchen praktiziert: Die Leute strömen in Scharen in die Kirchen, zünden Kerzen an, beten und fasten und schlafen in der Nähe der Märtyrergräber, die sich meist unter dem Hauptaltar befanden.

Im frühchristlichen Brauchtum war der Heilkult vermutlich deshalb so verbreitet, weil die Menschen auf eine für sie lebenswichtige religiöse Handlung nicht verzichten wollten und sie aus dem Tempel in die Kirche „mitnahmen“. Seit dem 6. Jahrhundert rankt sich eine meist griechischsprachige Legendenbildung um die Heilwunder, die nicht zuletzt den theologischen Hintergrund für das ohnehin Praktizierte liefern sollte. Sie diente zugleich dem Ruhm des jeweils verehrten Heiligen, der Propaganda und Abgrenzung gegenüber Ärzten und anderen heilenden Stätten und natürlich der mentalen Einstimmung der Kranken auf die „richtigen“ Träume. Im Vergleich zu den schlichten Wunderberichten aus dem Asklepius-Heiligtum treten hier die Autoren, die das zumeist mündliche Material zu Wunderlegenden vereinten, viel individueller auf.

Mahnung und Unterhaltungswert halten sich aber auch hier weitgehend die Waage: „Ein junger Mann namens Platon schloss die Wette ab, dass er den Stein von der Waage eines Holzhändlers hochheben werde. Nachdem die Belohnung festgesetzt war, lockerte er den Stein, und als er ihn mit Gewalt auf seine Schulter legte, wurde sein ganzes Inneres in einen Bruch gedrückt. Einige rieten ihm: ‚Liefere dich nicht einem Arzt aus, sondern geh zum heiligen Artemios, er wird dich heilen.’ Sie brachten ihn auf einer Trage in die Kirche, denn er schwebte in Lebensgefahr. Nachdem er einige Tage dort geschlafen hat, sieht er den heiligen Artemios, wie er im Traum zu ihm spricht: ‚Warum bist du so wettfreudig? Sieh, sowohl deiner Seele als auch deinem Körper hast du Schaden zugefügt.’ Platon versprach, nie wieder Wetten abzuschließen, und als er dies gesagt hatte, trat ihm der Heilige in den Bauch. Der Wettfreund erwachte und war sowohl vom Schmerz als auch von der Krankheit befreit. Nachdem er dafür Gott und dem Märtyrer gedankt hatte, ging er voll Freude zu den Seinen zurück.“

Wer solche Geschichten hören und den Heilschlaf ausprobieren möchte, kann am 9. Juni 2007 bei der Langen Nacht der Wissenschaften im Hauptgebäude der Humboldt-Universität auf einer Heilschlaf-Matte liegen und den spätantiken Berichten von Wunderheilungen lauschen.

Informationen im Internet:

www.heil-und-heilung.de

www.sfb-antike.de

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