Zeitung Heute : Träume in Schwarz

Über Leichen gehen: Solche Rollen spielt die Schauspielerin Nina Hoss jetzt häufiger. Als Medea am Deutschen Theater und als Yella auf der Berlinale. Die Zeit des blonden Engels ist vorbei

Christina Tilmann

Sprechen wir doch über ihre Haare. Dunkel gefärbt sind sie oft in letzter Zeit. In „Medea“, ihrer derzeitigen Paraderolle am Deutschen Theater Berlin, für die sie gerade den Eysoldt-Ring, den renommiertesten deutschen Theaterpreis, bekommen hat. Auch in „Yella“, dem Film von Christian Petzold, der heute im Wettbewerb läuft und Nina Hoss zum deutschen Star der Berlinale machen wird.

Die Kühle, Schöne, Ätherische, der Engel mit dem silbrigblondlockigen Haar – spielt sie anders, wenn sie dunkel gefärbt ist? „Anders nicht unbedingt, ich schaue ja nicht dauernd in den Spiegel und vergesse daher beim Dreh, was für eine Farbe meine Haare haben. Aber wenn ich den Film dann nachher sehe, merke ich schon, dass ich anders rüberkomme. Bodenständiger, geerdeter – es fehlt der Glorienschein, sozusagen.“ Die Farbwechselidee hatte sie selbst: Sie habe auch mal andere Rollen spielen wollen, sagt Nina Hoss, nicht immer nur den blonden Engel. Und habe deshalb, zum Spaß, ganz viele verschiedene Fotos von sich gemacht und sie Regisseur Christian Petzold gezeigt. Der war begeistert: „Bleib so, das passt.“

Yella also, die Titelrolle in Petzolds Film. Junge Frau verlässt Mann, Vater und bankrotte Firma in Wittenberge und macht sich mit dem Zug auf nach Hannover. Neuer Job, neues Leben. Bodenständig ist sie, in der Tat: hat schon für die Firma in Wittenberge die Bilanzen gemacht, da kennt sie sich aus, rechnen kann sie und berechnen auch. Und gerät in die Welt des Venture-Kapitals, wo ganze Firmen verkauft und auseinandergenommen werden. Eine kalte, gläserne Welt, eine Männerwelt: Zocker unter sich. Frauen sind da nur als Flirt an der Hotelbar vorgesehen.

Doch Yella ist kein Flirt. Vielleicht wäre sie einer gewesen, wenn sie blond gewesen wäre. Als klassische Anmache beginnt es zwar, abends in der Hotelbar in Hannover, aber schnell stellt der Mann (Devid Striesow) überrascht fest: „Sie können ja wirklich Bilanzen lesen.“ Die Macht, die man mit Geld gewinnt, das ist für Nina Hoss der Reiz der Yella: „Geld verschieben, kalkulieren, wie viel Anteil man am Ende herausbekommt, all das fasziniert diese Yella. So etwas ist sonst immer nur Männern überlassen. Und dass Yella in diese Welt eintaucht, das fand ich neu, das hat mich gereizt.“

„Yella“ ist nicht der erste Film, den Nina Hoss mit Christian Petzold dreht, in jenem Niemandsland zwischen Hannover, Wolfsburg und Wittenberge, wo die Menschen wegziehen, wenn sie noch jung genug dazu sind. In der TV-Produktion „Toter Mann“ 2002 ging der Weg in die andere Richtung, ostwärts über die Elbe. Nina Hoss, damals noch blond und blass und herzzerreißend zerbrechlich, war Leyla, eine Verlorene, Verzweifelte, die den Tod ihrer Schwester rächen will – und sich verliebt, doch Liebe darf nicht sein. In „Wolfsburg“, 2003, war sie Laura, die verzweifelte Mutter, deren Sohn bei einem Autounfall ums Leben kam, nun sucht sie den flüchtigen Fahrer – und verliebt sich in ihn. Todesengel, beide Rollen, wie auch Yella einer ist. Immer wieder spielen Szenen bei Petzold an der Elbe, am Wasser, am Meer, an Orten, die auch Nina Hoss liebt: „Die Wellen, die Bewegung, das nicht Fassbare, das fasziniert mich. Wasser kann überall durchlaufen, es ist ein weiches Element. Und trotzdem gibt es die Tiefe, da kann ein Wagen im Wasser verschwinden.“ Ein Wagen, der ins Wasser fällt – damit beginnt auch Petzolds Film.

Spätestens nach diesem Auftritt wird man die Schauspielerin nicht mehr vergessen, die 1996 mit Bernd Eichingers Fernsehfilm „Das Mädchen Rosemarie“ auffiel, an der Ernst-Busch-Hochschule in Berlin Schauspielkunst studierte und seitdem erfolgreich zwischen Theater und Film hin- und herwechselt, mit stetig wachsendem Erfolg. „Es verändert sich so viel, gerade in letzter Zeit – die Rollen werden anspruchsvoller.“ Schon mit den noch etwas kleineren Rollen hat sie sich an die Spitze katapultiert: die Gräfin Orsina in Michael Thalheimers Erfolgsinszenierung „Emilia Galotti“ 2002 am Deutschen Theater zum Beispiel, das ist eigentlich nur eine große Szene, aber eine, die man nicht vergisst. Die Helena, in Thalheimers „Faust 2“ am selben Haus: ein Unglückswesen, ihre Schönheit ein Fluch. Unglaublich, was Nina Hoss da an Bitterkeit herausschreit, an Frust gegenüber der Männerwelt, die immer nur auf Beine und Haare blickt – spricht da auch eigene Erfahrung? Und dass Nina Hoss 2005 bei den Salzburger Festspielen die Buhlschaft im „Jedermann“ spielt, die Verführung schlechthin: Ist das ein Widerspruch oder nur Bestätigung?

Frau sein in einer Männerwelt, einer fremden Welt: das ist ein Grundmotiv ihrer Rollen. Medea ist so eine, die Königstochter aus Kolchis, die dem geliebten Jason nach Griechenland gefolgt ist – in Barbara Freys Inszenierung am Deutschen Theater könnte sie eine Asylantin oder Opfer eines Frauenhandels sein, eine Frau, die dem Mann aus Liebe gefolgt ist, und er hat sie vielleicht nur aus Berechnung genommen. Nina Hoss entwickelt als Medea eine bühnensprengende Präsenz, eine Urgewalt: Diese Frau, die Mörderin, Kindsmörderin, Gefühlsbarbarin, ist vor allem eine große Liebende – nicht umsonst sind die letzten Abschiedsszenen mit Jason die eindrücklichsten, der verzweifelte Versuch, ihn noch einmal zurückzugewinnen: Man begreift, welche Verführungskraft diese Frau besitzt. Und welche Zerstörungskraft in dieser Liebe.

Grausam ist auch die Filmfigur Yella, auch sie aus Liebe. Kaltblütig drängt sie einen Unternehmer (Burghart Klaußner) zum Verkauf und treibt ihn gleichzeitig in den Ruin, weil sie das Geld für einen Neuanfang braucht. Sitzt mit ihm auf der Terrasse seines Bungalows mit Blick auf den Park, im Hintergrund spielt die Tochter Flöte, die Ehefrau blickt misstrauisch-eifersüchtig, und Yella sieht sich um, misst die ganze Pracht mit den Augen aus: „Sie können ja noch das Haus verkaufen.“ Dass dieser Dr. Gunthen das nicht aushält, das war vielleicht nicht gewollt – aber doch billigend in Kauf genommen.

„Natürlich hat diese Grausamkeit am Ende etwas Unangenehmes, aber ich konnte das irgendwie begreifen“, räumt Nina Hoss ein. „Du sitzt da, in einem fantastischen Haus, und bist so kurz davor, deinen Traum zu verwirklichen, hast einen Mann gefunden, der dich liebt und dir gleichzeitig Freiheiten lässt, und um diesen Traum zu retten, gehst du zu weit.“ Und doch ist der Traum ein ganz konservativer Traum: einen Mann haben, Familie haben, ein schönes Haus und den Jaguar vor der Tür. Medea träumt diesen Traum, auch Yella träumt ihn. Und ist dafür bereit, über Leichen zu gehen. „Ein bisschen zumindest“, sagt Nina Hoss. Wie ein Kind sei diese Yella in dem Moment und probiere einfach mal aus, wie weit man gehen kann, so naiv und grausam, wie Kinder sein können: „Aber sie hat das Spiel nicht verstanden.“

Wo nimmt man das her? Wo nimmt jemand auch so eine Grausamkeit her? Nina Hoss sitzt im Restaurant im Hyatt, drumherum tobt der Berlinale-Trubel, dass man kaum sein eigenes Wort versteht, aber sie ist ganz still, ganz konzentriert. „Darüber habe ich lange nachgedacht“, sagt sie. Das sagt sie oft, und man glaubt es ihr sofort. Glaubt ihr, dass sie ihre Rollen minutiös vorbereitet, dass sie sich Musikstücke sucht, die mit ihren Rollen etwas zu tun haben, Fotos, Kunstwerke, Filme, die bei ihr bestimmte Emotionen auslösen. Puzzleteile, die sich zum Bild fügen. „Ich sammele ganz viel Material“, sagt sie dann. „Und lade mich für die Figur auf.“ Oft sind es Schauspielerinnen-Vorbilder, auf die sie zurückgreift. Die sie bewundert, die ihr in einzelnen Momenten helfen, auch wenn das Spiel dann intuitiv, aus dem Bauch kommt. Isabelle Huppert ist so eine, Fanny Ardant, und vor allem: Ingrid Bergman. Auch Romy Schneider.

Ingrid Bergman – sofort verständlich, wenn man an „Stromboli“ denkt, den ersten Film mit ihrem späteren Mann Roberto Rossellini. Die Frau, die in die fremde Dorfwelt der Liparischen Inseln kommt, die Amerikanerin in Süditalien, die selbstständig Denkende in der italienischen Macho-Gesellschaft, die sich plötzlich in einer Ehe wiederfindet, die sie einengt und unfrei macht: Das könnte auch Medea sein, die Barbarin im scheinbar so kultivierten Griechenland, das sich als so grausam, so unkultiviert erweist. Oder eben Yella, die aus einer ebenso engen Ehe ausbricht, die Flucht antritt, zwar nicht über den Vulkan, aber zumindest über die Elbe.

Vor allem aber erinnert Nina Hoss an Romy Schneider. Den Mut, mit dem Romy Schneider sich habe in die Seele blicken lassen, das bewundere sie an ihr, hat Nina Hoss gesagt – und geht als Medea ähnlich weit. Exzessiv, glamourös, großzügig, so etwas hat man lange nicht mehr gesehen, weder im deutschen Film noch auf der Bühne. Die zwei Stunden auf der Bühne seien wie eine ganze Oper zu singen, unglaublich anspruchsvoll, unglaublich anstrengend sei das, berichtet sie, dafür sei sie mit ihren 31 Jahren eigentlich noch viel zu jung. Doch keine Angst: Die Königin aus Kolchis ist nicht die letzte unter den Königinnen, die diese Schauspielkönigin spielen wird.

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