Zeitung Heute : Träume vom Fliegen

„Vielleicht ist es eine Flucht vor dem Krieg“: Die Not im Irak brachte ungeheure künstlerische Kreativität hervor

Andrea Nüsse[Bagdad]

Das Haus hat wohl bessere Zeiten gesehen. Der Putz blättert ab, der winzige Vorgarten ist ungepflegt, die Klinke an der Tür zum Wohnzimmer bleibt dem Besucher in der Hand stecken. Auf dem Treppenabsatz im ersten Stock steigt man über drei riesige Mehlsäcke – die staatliche Lebensmittelration für die zehnköpfige Familie, die Anfang Oktober gleich für zwei Monate im Voraus verteilt wurde. Endlich stößt Haidar Wady eine kleine Tür zu seinem Reich auf: In dieser ehemaligen Abstellkammer schafft der 26-jährige irakische Bildhauer, der bei seinen Eltern lebt, seine Skulpturen.

Ein winziger Tisch ist mit dunklen Wachsresten übersät, hier modelliert Haidar die Vorlagen für seine Bronzestatuen. Aus einem altmodischen Rekorder erklingt die tiefe, raue Stimme des Chansonniers Jacques Brel. Und eine kleine Statue erzählt von der Schwere des Seins und dem Traum von der Leichtigkeit. Eine Frauenfigur mit plumpen Füßen, die fest auf der Erde verankert sind, versucht sich mit ihrem graziler werdenden Oberkörper in die Luft emporzuheben, wobei ihr zwei noch verhalten zusammengefaltete Flügel helfen sollen.

„Wir alle träumen doch davon, uns von den Zwängen des Daseins auf der Erde zu befreien“, sagt Haidar. Er gleicht mit seinen schwarzen gewellten Haaren, die ihm bis an die Schulter reichen, und den feinen, gestreckten Gesichtszügen dem Abbild eines Jünglings aus dem Königreich der Akkaden, die um 2400 vor Christus hier herrschten.

Der uralte menschliche Traum vom Fliegen mag umso mehr für die Menschen im Irak gelten, die nach zwei Kriegen seit zwölf Jahren unter den schwersten Sanktionen leidet, die jemals gegen ein Land verhängt wurden. Das Embargo lässt noch immer Kinder an verschmutztem Wasser und Mangel an Medikamenten sterben. Es hat den modernen Wohlfahrtsstaat Irak auf den Stand eines Entwicklungslandes zurückgeworfen. Doch gleichzeitig brachte das Leid eine ungeheure künstlerische Kreativität hervor.

Porträts und Frauenakte

Bildhauerei und Malerei sind seit 1991 explodiert, die ersten privaten Galerien wurden eröffnet, etwa 25 gibt es davon heute in Bagdad. „Vielleicht ist es eine Flucht vor Krieg und Krisen“, sagt Haidar, als er erklärt, warum sich immer mehr junge Menschen der Kunst zuwenden. Etwa 3000 Irakis studieren heute an der Hochschule der Künste in Bagdad, vor 15 Jahren waren es 300. Haidar Wady selbst hat vor zwei Jahren als Autodidakt mit der Bildhauerei begonnen – im Mai hatte er seine erste Einzelausstellung im französischen Kulturzentrum in Bagdad. Die Bronze für seine Statuen findet er überall, sie muss nicht importiert werden. Er schmilzt alte Lampenschirme ein oder die Verschlüsse von Gasflaschen.

Haidars Freund ist Maler, er heißt Issam Al Azzawi, und als er ihn besucht und wieder auf das Thema kommt, sagt der: „In einer ruhigen Umgebung, wo die Vögel leise singen und der Bach sanft dahin rauscht, kann ich keine Kunst machen. Aber wir haben so viele aufwühlende Ereignisse, Krieg und Sanktionen, auf die wir reagieren müssen. Wir können nicht stumm zusehen.“

Ein anderer Maler, Kasim Al Septi, 49 Jahre alt, eröffnete 1994 eine der ersten privaten Kunstgalerien in Bagdad. Er sitzt in einem Gartencafé und sagt, dass die jungen Künstler heute mehr als früher einen Zugang zu ihren „Wurzeln“, ihrer eigenen Kultur suchten. „Damit wollen sie der Welt trotzen, die sie zurückweist und isoliert“, sagt er. Und der Irak kann auf eine lange Kulturtradition zurückschauen. Die oft als „Wiege der Zivilisation“ bezeichnete Region hat nicht nur eine der ersten Hochkulturen und eines der sieben Weltwunder, die hängenden Gärten Babylons, hervorgebracht. Poesie und Musik Bagdads waren weltberühmt. Auch im 20.Jahrhundert, bis in die 70er Jahre, war die Stadt ein kulturelles Zentrum, ihre Maler und Musiker international bekannt, die Universitäten und Kunsthochschulen zogen die besten Studenten der arabischen Welt an.

Im Gegensatz zu anderen islamischen Ländern gibt es im Irak Porträts und Frauenakte zu sehen. Der Islam verbietet es eigentlich, Menschen abzubilden. Von politischer Propaganda keine Spur – zumindest in den privaten Galerien. Hier dominiert moderne abstrakte Malerei mit Elementen mesopotamischer Kultur. Es gibt allerdings auch keinen versteckten Widerstand. Das mag daran liegen, dass das Regime die Kunst früher großzügig unterstützt hat. Zudem sehen viele Künstler die weltpolitischen Ereignisse nicht als Reaktion auf einen gefährlichen Diktator und dessen Massenvernichtungswaffen, sondern als Angriff des Westens auf ihre Kultur, ihre Unabhängigkeit und ihr Öl.

Kunstliebende Waffeninspekteure

„Im Februar plane ich eine riesige Veranstaltung“, erzählt Kasim Al Septi, der Turnschuhe und ein Hawaiihemd trägt und eigentlich immer strahlt. „Damit wollen wir die 100. Ausstellungseröffnung in meiner Galerie seit Verhängung der Sanktionen feiern.“ Das sind 10 Ausstellungen im Jahr in seinen zwei Räumen, die gleich hinter der Hochschule der Künste liegt. Darauf ist Kasim Al Septi mächtig stolz. Der Leiter des UN-Büros für Entwicklungsprogramme Francis Dubois, Franzose und Kunstliebhaber, der Tee trinkend neben seinem Freund Kasim im Gartencafe sitzt, sagt: „Bei den Vernissagen kann man hier kaum treten, so voll ist es.“

Doch auch wenn die permanente Krise die irakischen Künstler inspiriert – das Warten auf den Krieg macht sie eher krank als kreativ. Kasim Al Septi, die Frohnatur, leidet unter Nervosität und Kopfschmerzen. Nachts muss er immer seine Frau beruhigen, die beim Knallen jeder Autotür aufwacht und denkt, die Bombardements gingen los, erzählt er. Er selbst habe auch keine Energie mehr. „Eine Ausstellung in Tunis in zwei Monaten habe ich abgesagt, ich kann jetzt nicht ins Ausland fahren und meine Familie hier allein lassen.“ Auch eine Ausstellung irakischer Künstlerinnen in seiner Galerie im November hat er abgesagt. „Was soll ich Geld in Prospekte investieren, die Medien zusammentrommeln und alles vorbereiten, wenn in einem Monat vielleicht Bomben fallen?“

Er erzählt noch, dass sogar die ehemaligen Waffeninspekteure Geschmack fanden an der zeitgenössischen irakischen Kunst: Angeblich haben sie sich massenweise mit Gemälden in Bagdad eingedeckt und sie zu weit höheren Preisen in Bahrain und anderen arabischen Ländern weiterverkauft. Und eine amerikanische Journalistin soll einmal zu Kasim Al Septi gesagt haben, dass US-Präsident Bill Clinton den Irak sicher nie bombardiert hätte, wenn er jemals eine Ausstellung irakischer zeitgenössischer Malerei gesehen hätte.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben