Zeitung Heute : Träumen

Wie ein Berliner, Ost, die Stadt erleben kann

Robert Ide

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

In der Hand die Zeitung und ein frisches Croissant, in der anderen einen Pappbecher mit Milchkaffee, leicht gezuckert, mit viel Schaum. So laufe ich an der Straße am Volkspark Friedrichshain entlang, schaue hinüber zu den Bäumen, höre den Morgengesängen der Vögel zu und spüre die Wärme der Sonne, die mit orangenem Licht auf mein Gesicht… „Mama!“, schreit plötzlich ein Kind in die Ruhe hinein. Es sitzt direkt vor mir, in einem Kinderwagen, den ich fast umgerannt hätte. Die Zeitung fällt mir aus der Hand. Die Mutter des Kindes lächelt mich milde an: „Heute träumen alle in der Stadt.“

Ja, ich träume. Eigentlich bin ich schon nicht mehr hier. Ich habe Urlaub gebucht, dort, wo man richtig träumen kann – auf der Insel Hiddensee. Da sind die Strände verlassen, und alles ist langsam und leise. Das schmale Hinterland ist ein Naturschutzgebiet. Vögel sind zu hören, viel klarer als im Friedrichshain, und natürlich das Meer. Straßen gibt es nicht, nur eine Fähre von der Insel Rügen hinüber, auf der man auf Holzbänken sitzen kann und zum Anfang seines Urlaubs eine Flasche Beck’s öffnet und den Lärm der Stadt vergisst und die Kinderwagen, die über die Wege fahren, über die man läuft.

Auf Hiddensee sind auch die Menschen langsam und leise, und das ist das Schönste an dieser kleinen verlassenen Insel. Der Mann, bei dem ich vor einigen Jahren einmal war – er hatte mich im obersten Stockwerk seines kleinen Hauses schlafen lassen –, hat den ganzen Tag geträumt. Er besitzt ein Grundstück, das nicht mit einem festen Zaun abgegrenzt ist, sondern irgendwann in eine Weide übergeht, auf der zwei Pferde in der Sonne grasen. Und er steht immer spät auf, der Mann. Danach setzt er sich vor sein Haus, trinkt Kaffee und denkt darüber nach, was er wohl machen wird mit diesem Tag. Wenn er sich das überlegt hat – und das dauert eine schöne lange Zeit –, geht er in seinen kleinen Holzschuppen, holt eine Sense heraus, deren Spitze schon etwas angerostet ist. Er stellt sich auf seinen Rasen und mäht ihn ab, dabei summt er manchmal vor sich hin, manchmal nicht.

Irgendwann, eine schöne kurze Zeit ist vergangen, setzt sich der Mann hin und trinkt wieder einen Kaffee. Der Rasen ist noch nicht fertig gemäht, aber das macht ihm nichts aus. Wenn man ihn fragt, wann er weitermachen will mit seiner Arbeit, dann antwortet er einfach: „Den Rest mache ich morgen.“

Abends arbeitet der Mann in einer kleinen Kneipe. Dort treffen sich die Leute aus dem Dorf, das keine Zäune hat. Dann serviert der Mann frischen Fisch aus der Ostsee, und frisches Bier. Wenn jemand für den Geschmack des leisen, langsamen Mannes aber zu viel Bier trinken möchte , dann geht er in die Küche und kommt mit einem Glas voll klebriger orangefarbener Flüssigkeit zurück. Es ist Sanddornsaft, geerntet von einem Gesträuch, das an den Dünen steht. „Davon träumt man besser“, sagt der Mann zu seinem Gast. Und dann setzt er sich mit an den Tisch und schweigt zufrieden.

So vergehen die Tage auf Hiddensee. So vergehen jetzt auch meine Tage. Bis ich – nach einer schönen kurzen Zeit – wieder Sehnsucht bekomme nach der lauten, schnellen Stadt.

Insel-Information Hiddensee: Tel. 038 300/ 64 226.

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