TRAGIKOMÖDIE „The Kids Are All Right“ : Der Trittbrettfahrer

Foto: UPI
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Eine ganz normale Familie im sonnigen kalifornischen Suburbia: Jules und Nic kabbeln sich, weil ihr halbwüchsiger Sohn Laser auf Abwege geraten könnte, wenn er zu viel mit einem zwielichtigen Freund rumhängt. Oder lebt er nur homosexuelle Neigungen aus? Seine ältere Schwester Joni steht kurz davor, das Elternhaus zu verlassen, um aufs College zu gehen. Jules ist beruflich gefrustet und fühlt sich von Nic nicht ernst genommen. Typische Kleinfamiliensorgen, mit einem feinen Unterschied: Jules und Nic sind ein lesbisches Paar. Beide haben vom selben – anonymen – Samenspender ein Kind ausgetragen. Nun machen die Geschwister heimlich ihren biologischen Vater ausfindig und beginnen, sich mit ihm zu treffen.

Paul ist als polygamer Biobauer nicht gerade der idealtypische Vatertyp, identifiziert sich aber rasch mit seiner Rolle und gewinnt mit seiner coolen Lässigkeit die Sympathie der Kinder. Die Mütter kommen dahinter und reagieren sehr unterschiedlich: Jules freut sich über den frischen Wind, während Nic das neue Familienanhängsel als Eindringling empfindet und mit ihrer Abneigung nicht hinter dem Berg hält. Als Paul der Möchtegern- Landschaftsgärtnerin Jules die Gestaltung seines verlotterten Villengrundstücks überantwortet und sich beide dabei näher als erwartet kommen, verkomplizieren sich die Dinge zusehends.

Schon bei ihrer wunderbaren Musikbiz-Milieustudie „Laurel Canyon“ bewies Regisseurin Lisa Cholodenko 2002 ein vorzügliches Gespür für Timing und Schauspielerführung. Bei „The Kids Are All Right“ reizt sie die Fähigkeiten ihres exzellenten Ensembles ideal aus: Annette Bening (Foto, links) und Julianne Moore (rechts) legen als streitendes und liebendes, fürsorgendes und fremdgehendes Paar eine doppeloscarreife Vorstellung hin. Mark Ruffalo gibt dem familiären Trittbrettfahrer die richtige Dosis aus Charme und Verantwortungslosigkeit, um ihm weder böse sein noch seine Rolle bei der Gefährdung gewachsener Bindungen verharmlosen zu können.

So entwickelt sich mit hinreißender Leichtigkeit und bissigem Wortwitz eine tragisch-komische Zuspitzung, bei der man für jede der Figuren Empathie entwickelt. Dass alles auf eine Verklärung der – wenn auch von der Norm abweichenden – Familie hinausläuft, ist zwar eine reichlich affirmative Pointe, schmälert das Vergnügen aber nicht im Geringsten. Unbedingt sehenswert. Jörg Wunder

USA 2010, 107 Min., R: Lisa Cholodenko,

D: Annette Bening, Julianne Moore, Mark Ruffalo, Mia Wasikowska, Josh Hutcherson

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