TRAGIKOMÖDIE„La grande bellezza – Die große Schönheit“ : Die oberen Fünfhundert

Foto: DCM
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Da sitzt er also, auf der kühlen, beige schimmernden Marmorbank in einem der riesigen römischen Palazzi, die sich nur für ihn öffnen, weil er den Mann mit dem Schlüsselbund kennt: Jep Gambardella ist Party-Animal und Alltagsphilosoph, Salonlöwe und Gelegenheitssentimentalist, Society-Reporter und ewig verhinderter Romancier – und macht mal Pause. Pause von dem ganzen Rummel, der ihm die Tage füllt, und dem Rausch, mit dem er und das ihn umgebende Humanbiotop der oberen Fünfhundert sich die Nächte um die Ohren schlägt. Pause von dem Geschwätz, das ihn unablässig umbrandet und an dem er sich zur Not wortmächtig selber beteiligt; wenn er es denn nicht einfach platzen lässt wie die ganze Gesellschaftsblase mit einem zynischen Monolog, bei dem sich die Balken biegen und die eitlen Opfer alsbald so tränenblind wie unauffällig das Weite suchen.

Kommt einem irgendwie bekannt vor, der Typ, bekannt aus der Filmgeschichte, nur da war sie, um genau zu sein, 53 Jahre jünger – und Jeps jüngeres Alter Ego um beruhigende 30 Jahre weiter weg vom erwartbaren Tod. Wie der Vorgänger hieß? Marcello Ribini (als Figur auf der Leinwand) alias Marcello Mastroianni (als Schauspieler draußen im Leben), und erfunden hatte das alles der unsterbliche Federico Fellini. Nun ist „La dolce vita“, uraufgeführt 1960, in gewisser Weise wiederauferstanden – nur dass der elegante Flaneur jetzt Jep Gambardella heißt und von Toni Servillo gespielt wird. Von wem sonst, möchte man fragen, schließlich gab Servillo sein wunderbar wandelbares Furchengesicht bereits für vier Hauptrollen in Filmen Sorrentinos hin, den man durchaus seit „Il Divo“ und „This Must Be the Place“ als Wiedergänger Fellinis bezeichnen darf, aber jetzt erst recht.

Gambardella also feiert mit Saus und Braus seinen 65. Geburtstag auf einer römischen Dachterrasse, und das ist in den Cinemascope-Bildern von Luca Bigazzi schon mal großartig anzusehen. Dann treibt er 147 Filmminuten durch das grundfantastische Rom, und langweilig davon ist keine. Da geht es von verrückten Performances über zarte Gespräche mit einer Stripperin bis hin zu traumverlorenen Jugenderinnerungen, letztere aus traurigem Anlass. Aber wozu trauern, wenn das Leben vielleicht doch reicher ist als all diese Leute? So gesehen, könnte Jep Gambardella, der große Oberflächenabtaster, jetzt sogar wieder mit dem Romanschreiben beginnen. Superschön. Jan Schulz-Ojala

I/F 2013, 147 Min., R: Paolo Sorrentino, D: Toni Servillo, Sabrina Ferilli, Galatea Ranzi

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