Tragische Liebesgeschichte : Alexander und Natalia, ein Trauerspiel

Er ist arbeitslos, sie Prostituierte. Sie lernen sich kennen und finden etwas Halt aneinander – bis es zu einem fatalen Unfall beim Sex kommt.

Uta Eisenhardt
Illustration: Birgit Lang für den Tagesspiegel

Noch über ihren Tod hinaus waren die Zeichen von Alexanders Liebe, die Zeichen seines wilden Begehrens, deutlich zu sehen: Die Gerichtsmediziner fanden einen Knutschfleck an Natalias Hals. Wahrscheinlich hatte Alexander sie dort liebkost, am Donnerstag, als sie sich freuten, wieder einige Stunden miteinander zu verbringen. Am Freitagmorgen, dem 22. September 2011, starb Natalia. Sie wurde erwürgt – von Alexander.

Für den 32-jährigen Mann ist das ein Unglück, das letzte, das ihm bislang widerfuhr, wie er fast ein halbes Jahr später vor Gericht erzählt. Vor fünf Jahren scheiterte die Beziehung zur Mutter seiner Tochter, die er seitdem nicht mehr sehen darf. Die nächste Frau ließ sich von ihm scheiden, weil er sich zu intensiv um seine krebskranke Mutter kümmerte. Fünf Jahre pflegte er diese, bis sie in seinen Armen starb. Zwei Jahre später folgte ihr der Großvater. Momentan kümmert sich Alexander um seinen todkranken Vater. „Alexanders Leben ist auf der Strecke geblieben“, so sagt es sein bester Freund, als er im Zeugenstand befragt wird.

Mit leerem Blick hockt Alexander auf seinem Stuhl im Landgericht Stade, ein schlanker Mann mit Brille, dessen schwarze Haare langsam, aber sicher ausfallen. Ruhig, Satz für Satz, erzählt er von sich und Natalia. Gleich zu Anfang fragt ihn der Richter, ob sie ineinander verliebt waren. „Das kann ich nur von mir sagen“, antwortet Alexander. „Ja, ich war in Natalia verliebt.“

Alexander ist gebürtiger Kasache. Im März 2011 lernte er die zwölf Jahre ältere Natalia kennen, die Russin arbeitete als Prostituierte in seinem Wohnort Uelzen, er war ihr Freier. Drei, vier Mal war das, was sie miteinander verband, eine Dienstleistung. Dann musste er nicht mehr bezahlen und durfte in ihrer kleinen Wohnung übernachten. Es war nicht nur die russische Muttersprache, die ihn und Natalia zusammenführte – beide hatten erst unlängst ihre Mütter verloren und trauerten ihnen noch nach. Natalia wurde zum Lichtblick im Leben von Alexander.

Sie redeten viel miteinander, bestätigt Natalias beste Freundin Tatjana vor Gericht. Sie hasst Alexander für das, was er getan hat. Dennoch bestätigt sie, dass Natalia von ihm als lieben, netten Mann sprach, der sie verstehen würde und in den sie sich verliebt habe. Natalias portugiesischer Ehemann sei auch „ein Lieber“ gewesen – „aber nicht so gesund“, sagt die Freundin. Er war herzkrank und litt an hohem Blutdruck. Über eine Scheidung habe die Verstorbene nie nachgedacht, sie hoffte auf die portugiesische Staatsbürgerschaft. Ihre Tätigkeit als Prostituierte hielt sie vor ihrem Ehemann geheim und erzählte ihm, dass sie als Friseuse in Deutschland arbeite. Kam sie für ein paar Tage, meldete sie sich bei Alexander. Er sei dann dorthin gereist, wo sie gerade eine Wohnung angemietet hatte – nach Hamburg, Gifhorn oder Stade.

Als sie sich ein halbes Jahr lang kannten, so erinnert sich Alexander vor Gericht, erzählte ihm Natalia das erste Mal vom Würgen als Teil des Liebesspiels. Er solle sie so lange am Hals packen, ihre Luftröhre zudrücken, bis ihr schwindelig werde. An diesem Punkt müsse man mit der Sauerstoffreduktion aufhören und mit dem Sex beginnen. „Es wäre ein Gefühl des Schwebens“, so beschrieb sie es ihrem Liebhaber und bat ihn, sie zu würgen.

Alexander war schockiert. „Ich bin in einer konservativen Familie aufgewachsen. Ich verstehe nicht, was der Sinn dieser Sache ist.“ Noch nie im Leben hatte er davon gehört, dass durch die gedrosselte Sauerstoffzufuhr blockierende Gefühle gehemmt werden, dass man „high“ werde und die sexuelle Erregung steige. „Wir machen das nicht“, wies Alexander seine Geliebte ab.

Natalia erwiderte, er solle nicht so ängstlich sein. „Das ist nicht gefährlich! Probier das doch wenigstens mal!“ Das waren ihre Worte. Dann zeigte sie ihm, wie er sie anfassen sollte – mit der ganzen Hand, von vorn, gegen den Hals gepresst. Schnell habe er seine Hand wieder zurückgezogen.

Drei Wochen später besuchte er sie wieder. Gegen zehn Uhr setzte er sich in Uelzen in den Zug, zwei Stunden später kam er in Stade an. Er war das erste Mal in dieser Stadt, knapp 50 Kilometer westlich von Hamburg. Natalia hatte einen Salat gemacht, mit Sellerie und Fleisch. Dazu gab es Kekse und Tee. Alexander trank Doppelkorn, den hatte er sich extra mitgebracht. Seit sein Großvater vor ein paar Wochen gestorben war, trank er manchmal eine halbe Flasche Schnaps pro Tag, manches Mal leerte er sie bis zum Grund. Das Trinken half gegen den Kummer.

Jetzt aber war er bei Natalia, sie aßen, schauten fern und unterhielten sich. Dann hatten sie Sex. Sie schliefen zusammen auf dem großen Bett ein. Am nächsten Morgen duschten sie, stiegen wieder ins Bett, und Natalia fragte ihn, ob er es sich nun zutrauen würde – das Würgen. „Ich wollte ihr entgegenkommen und sie nicht enttäuschen“, sagt Alexander.

Sie habe auf dem Rücken gelegen, die Arme parallel zum Köper. Er habe auf ihrem Bauch gesessen, nicht mit dem vollen Gewicht. Wieder zeigte sie ihm, wie er drücken sollte. Er würde aufhören, wenn sie ihm ein Signal gab. Nur welches, das hätten sie nicht besprochen. Er griff von vorn an ihren Hals. „Auf einmal zog sie die Arme nach oben.“ Er habe sofort losgelassen, sich von ihrem Körper erhoben, während sie verkündete: „Wir machen das jetzt anders!“ Sie drehte sich auf den Bauch, ihre Arme lagen neben ihrem Kopf. Er saß auf ihrem Rücken, sein Kopf ruhte in ihrem Nacken. Mit dem Ellenbogen stützte er sein Gewicht ab, wieder griff seine Hand nach ihrem Hals und drückte zu.

Wie lange, mit welcher Kraft? Er weiß es nicht mehr, als er vor Gericht befragt wird. „Wahrscheinlich zu stark, sonst wäre sie nicht umgekommen.“ Er weiß nur, dass er mit geschlossenen Augen auf ihrem Rücken lag, in Gedanken schon bei dem Sex, den sie gleich haben würden. „Es war die Lieblingsstellung von uns beiden“, sagt Alexander im Verhör aus. Auf einmal habe er gefühlt, wie ihr Körper ganz weich wurde. Der Körper begann zu zucken, ganz besonders die Beine und die Finger. Alexander schlug die Augen auf und löste seinen Griff um ihren Hals. „Natalia, Natalia“, habe er gerufen. „Es kam nichts.“

Panisch packte er sie an den Schultern und drehte sie auf den Rücken. Ihr Gesicht war blau, der Mund geöffnet, die Lider halb geschlossen. Genauso hätten seine Mutter und sein Großvater ausgesehen, als sie gestorben waren. Bei Natalias Anblick sei ihm klar gewesen: „Du hast sie getötet!“ Dennoch habe er versucht, sie zu beatmen, und das sinnlose Unterfangen rasch wieder aufgegeben. Er wollte nun nach Hause fahren, zu seinem Vater, wollte ihm alles erzählen und „ihn noch einmal sehen“. Und dann würde er sich das Leben nehmen. „Vielleicht wird es gerechter“, so überlegte er, „wenn ich mich jetzt einfach erhänge.“

Bevor er Natalias Wohnung verließ, riss er einen Streifen Stoff aus ihrem rosafarbenen T-Shirt, legte ihn auf ihren Scheitel und band ihn am Kinn zusammen. Er habe es gemacht, wie er es bei den Notärzten beobachtet hatte, die den Leichnam seiner Mutter und seines Großvaters so behandelt hatten. Alexander bettete den Kopf seiner Geliebten auf ein Kissen, faltete ihre Hände zusammen und zog die Bettdecke über ihren Körper bis unter ihr Kinn. Als die Tote Stunden später von der Polizei gefunden wurde, sah es aus, als ob sie in dem aufgeräumten Apartment friedlich schliefe.

Alexander war zu der Zeit schon wieder in Uelzen. Er hatte Natalias Wohnung wie immer verlassen: Er rauchte eine Zigarette, nahm seinen Rucksack mit dem Schnaps und ließ die Wohnungstür ins Schloss fallen. Auf der Zugfahrt nach Uelzen trank er eine Menge Schnaps, ihn verließ der Mut, die Geschichte seinem Vater zu erzählen. Stattdessen beschloss er, zu seinem besten Freund zu fahren und sich von ihm zu verabschieden. Der überredete Alexander, sich zu stellen.

Auf der Wache hörte sich die Polizei die Geschichte an, die der alkoholisierte Mann erzählte. Als die Stader Kollegen bestätigten, dass die Tote im angegebenen Apartment kein Hirngespinst war, steckten die Polizisten Alexander in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft erhob Anklage wegen Totschlags: Er hätte mit seinen Beinen Natalias Arme an ihrem Körper festgeklemmt. „Mit aller Kraft gelang es ihr, sich auf den Bauch zu drehen“, schrieb der Anklageverfasser. Alexander habe so lange gewürgt, bis Natalia keine Lebenszeichen mehr von sich gegeben hätte.

Zwei Monate verbrachte er im Gefängnis, obwohl er seinen todkranken Vater pflegen wollte. Sein Anwalt beantragte eine Haftprüfung. Kurz vor Weihnachten durfte Alexander das Gefängnis verlassen, weil sich mittlerweile auch die Rechtsmediziner zu dem Fall geäußert hatten. Sie stützten die Version des Angeklagten, schon allein deshalb, weil es an der Leiche keinerlei Kampf- oder Abwehrverletzungen gab. Nicht einmal Würgemale fand man – „weil sie sich nicht gewehrt hat“, sagt der Rechtsmediziner. Seiner Meinung nach habe sich das Paar in eine hoch riskante Situation begeben. „Er hatte keine Erfahrung, wusste nicht, was beim Würgen passiert und hat dem Opfer nicht in die Augen gesehen.“ Obendrein war Alexander sexuell erregt und mehr auf sich konzentriert als auf seine Geliebte, die ihm zwar ein Zeichen geben wollte, dies aber nur konnte, solange sie bei Bewusstsein war. Möglicherweise verlor sie dies aber schon wenige Sekunden nach Beginn des Würgens.

Als ihm das Gericht zum letzten Mal das Wort erteilt, Ende März 2012, nimmt Alexander seine Brille ab. Das Sprechen fällt ihm schwer, er kämpft gegen aufsteigende Tränen. „Ich hoffe und bete, dass die Angehörigen und Freunde von Natalia die Kraft finden werden, den Schmerz, den ich verursacht habe, zu überwinden. Ich wollte niemals, dass es zu einer Tragödie kommt.“ Dann wischt er sich die Tränen aus den Augen.

Zwei Jahre Haft zur Bewährung verhängen die Richter, die Beweisaufnahme hat sie von einem „unfallähnlichen Geschehen“ überzeugt. Es sei lediglich eine Körperverletzung mit Todesfolge zu ahnden, dazu in einem minderschweren Fall, weil das Opfer die Tat maßgeblich initiiert habe. Alexander muss nicht ins Gefängnis, was die Staatsanwältin eigentlich gefordert hatte. Doch richtig freuen kann er sich über die gute Nachricht nicht. Natalia wird er nie wiedersehen.

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