Zeitung Heute : Training in der Murmelgruppe

Die Nikolaus-August-Otto-Schule in Steglitz nimmt Schüler nur unter Bedingungen auf: Ihre Eltern müssen ein Erziehungstraining absolvieren. Das Klassenziel heißt: Kinder verstehen lernen

Dorothee Schmidt

Sechs Väter und 14 Mütter sind überfordert. „Wir bilden einen Innen- und einen Außenkreis und jeder setzt sich so hin, dass er ein Gegenüber aus dem anderen Kreis hat.“ Großes Durcheinander. Vier Mütter nehmen ihre Stühle und stellen sie in eine Reihe. Vier andere stellen ihre Stühle mit dem Rücken daran. Die anderen diskutieren erst einmal, wie man am besten einen Innen- und Außenkreis bildet. „Diese Situation findet im Klassenzimmer original so statt“, sagt die Frau in Rot-Orange, eine dynamische Mittfünfzigerin. Strickpullover, weite Ringelhose, Brille, Spange im kurzen, lockigen Haar. Leidenschaftlich und optimistisch, würden Farbforscher sagen. Das passt zu Lehrerin Eva Schmoll. Die Eltern gehen bei ihr in die Schule, damit ihre Kinder nach den Sommerferien auf diese Schule gehen dürfen, auf die Nikolaus-August-Otto-Oberschule in Steglitz.

Einen der begehrten Plätze in den drei siebten Klassen gibt es nur, wenn Vater und Mutter vorher beim Elterntraining mitgemacht haben. Es gab 75 Bewerber für die 48 Plätze. Eva Schmoll sagt, man habe sich für die Kinder entschieden, die Ermutigung, Hilfe und Aufmerksamkeit am nötigsten brauchten. Deren Eltern treffen sich zehn Mal für zweieinhalb Stunden in Raum 309. An der Tafel stehen Diskussionsregeln: „Wir bleiben beim Thema“, „Wir beteiligen uns an der Diskussion“ und: „Wir lassen andere zu Wort kommen“. Wer mehr als drei Mal fehlt, gefährdet den Platz seines Kindes an der Schule.

Es hat einige Minuten gedauert, bis aus der Stuhlreihe ein Kreis geworden ist und jeder ein Gegenüber hat. Dann sagt Eva Schmoll: „Sie sind schneller als ihre Kinder.“ Sie sagt, dass im Unterricht der Kinder der Außenkreis drei Plätze nach rechts rücken würde, damit sich nicht immer die Freundinnen gegenübersitzen. Die Stimmung ist gelöst. Zum sechsten Mal treffen sich die Eltern zum Training, um neue Erziehungsregeln zu lernen. Ihren Namen und den des Kindes haben sie auf Zettel geschrieben, die mit Wäscheklammern an der Kleidung befestigt sind. Einige haben Schnellordner mit, in denen sie die bunten Blätter sammeln, die Eva Schmoll verteilt. Britta von Loesch hat sich für die Nikolaus-August-Otto-Oberschule entschieden, „weil die Lehrer sich dafür interessieren, was mit den Kindern los ist“. Am Anfang sei der Kurs für sie nur Pflicht gewesen, inzwischen findet sie ihn interessant. „Wir sprachen hier über Pflichten und bisher hatte mein Sohn Nikolas keine – jetzt hat er welche.“ Der Sohn von Beate Facciola finde es „ziemlich ätzend“, dass Mutter und Stiefvater beim Elternkurs mitmachen. „Ich verändere meinen Erziehungsstil durch den Kurs, bin ruhiger in Konflikten und verbiete ihm Dinge nicht so schnell“, sagt sie. Das mag ihr pubertierender Sohn nicht. „Er sieht mich gerne auf Hundertachtzig.“ „Ich mache es für mein Kind“, sagt Marion Siebert und wünscht sich, dass solche Kurse an viel mehr Schulen angeboten würden, vor allem in den Problembezirken. Was sie lernt, kann sie nicht sofort umsetzen. „Aber ich achte mehr darauf, was ich sage.“ Claudia und Dietmar Hoffmann kommen aus Neukölln zum Elternkurs nach Steglitz. „In Neukölln-Nord würden wir so eine Schule nicht finden“, sagt Claudia Hoffmann. Ihr Sohn Moritz geht hier in die neunte Klasse. Nun wird der jüngere, Amos, eingeschult. Beide Söhne sind Legastheniker. „Es ist ein großer Bonus, dass Amos keine Angst hat, was auf ihn zukommt.“

Im Stuhlkreis wiederholen die Eltern mit ihrem Gegenüber den Stoff der letzten Stunde. Warum zeigen Kinder Fehlverhalten? Was ist das Gute daran, Fehler zu machen? Eva Schmoll gibt den Eltern exakte Vorgaben: vier Minuten Gesprächszeit pro Frage. „Wer hat das Gefühl, eine tolle Antwort bekommen zu haben?“, fragt sie am Ende. Keiner meldet sich. Die Eltern sollen sich bewusst werden, wie schwierig es ist, Neues zu lernen, wie lange es dauert, bis Informationen umgesetzt werden. Denn das geht auch ihren Kindern so. Eva Schmoll will den Eltern zeigen, wie es ist, wenn Druck aufgebaut wird und auch bei der Wiederholung das Wissen noch nicht sitzt. „50 Prozent von ihnen haben in der ersten Stunde gesagt, ihre Kinder fühlten sich entmutigt.“ Sie wünscht sich, dass die Eltern lernen, wie es sich anfühlt, Schüler zu sein. So erfahren sie im Elternkurs nicht nur, wie sie durch aktives Zuhören, Ermutigungen und konsequentes Handeln ihre Erziehung verbessern können. „Ich wende dieselben Methoden an wie im Klassenzimmer. Wenn die Kinder später von Stuhlkreisen und Murmelgruppen erzählen, wissen die Eltern, was gemeint ist.“

Die Eltern bekommen eine Hausaufgabe mit auf den Weg, die beim nächsten Treffen besprochen wird. Letztes Mal stand das aktive Zuhören auf dem Lehrplan. Haben alle es in der Familie umsetzen können? Eva Schmoll gibt den Eltern fünf Minuten, um das im kleinen Kreis zu besprechen. „Bitte murmeln sie mit Leuten, mit denen sie lange nicht mehr gemurmelt haben.“ Erst dann treffen sich die Kursteilnehmer wieder im großen Halbkreis, um über die Erlebnisse der vergangenen Woche zu sprechen. Keiner der Eltern scheint die Murmelgruppe lächerlich zu finden. Alle nehmen ihre Stühle und gruppieren sich zu Viert zu kleinen Stuhlkreisen. Bis zum Ende der Unterrichtseinheit werden die Eltern auch eine Gruppe nach den Farben ihrer Übungszettel und eine andere, abgezählt von eins bis sieben, zusammengestellt haben.

„Ich habe versucht, aktiv zuzuhören, aber er hat mich sitzen lassen“, erzählt eine Mutter vom Versuch, mit ihrem Sohn zu reden. „Ich habe mir so schön professionell überlegt, was ich sage, und nach einem Satz ist er in sein Zimmer gegangen. Er hat mir keine Chance gelassen.“ Eva Schmoll fragt in die Runde: „Was sagen die Expertinnen und Experten?“ Eine Mutter antwortet: „Die Kinder merken, dass was anders geworden ist.“ Mama, wo kommst Du denn heute her, habe ihre Tochter sie schon nach einer Trainingsstunde gefragt, denn eigentlich sei sie eine ganz schlechte Zuhörerin. Auf einmal geht sie auf ihre Tochter ein. „Wenn Kinder sagen, Sie sind komisch, ist das völlig in Ordnung“, sagt Eva Schmoll. „Wenn sie reflektierter handeln, sind sie auf dem richtigen Weg.“

Das theoretisch Eingeübte in die Praxis umzusetzen, macht Mühe. Für Eva Schmoll sind Erziehungstipps wie das aktive Zuhören oder konsequente Handeln nur Angebote, keine Glaubensgrundsätze. „Sie entscheiden, was zu ihnen passt und was sie umsetzen wollen.“ Veränderungen im Handstreich erwartet sie nicht. „Es sind kleine Schritte.“ An der Wand kleben bunte Papp-Füße, die diese Lernschritte symbolisieren. Auf ihnen steht: Verständnis, Wertvorstellungen, Ermutigen, aktives Zuhören.

Auf dem neuesten Fuß, den Eva Schmoll vor der Stunde dorthin geklebt hat, steht: Ich-Aussagen. Die werden heute geübt. Die Eltern lernen, über sich und ihre Gefühle zu sprechen statt Vorwürfe zu machen. Statt „Du räumst ja nie auf“ sollen sie sagen: „Wenn Du nicht aufräumst, bin ich zornig, weil Du mich mit der Arbeit allein lässt.“ Bis zur nächsten Stunde werden die Eltern solche Ich-Aussagen üben. Eva Schmoll sagt: „Seien sie nicht entmutigt, wenn es nicht sofort klappt.“

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