Zeitung Heute : Transatlantischer Unterleibs-Eingriff

Der Tagesspiegel

Von Wolfgang Hassenstein

Ein wenig unheimlich sieht es schon aus: Im rasierten Bauch, der sich zwischen blauen OP-Tüchern hervorwölbt, stecken mehrere Metallröhren – wie Speere im Rücken eines spanischen Stiers. Zwei der „Trokare" sind an Roboterarmen befestigt, die wie von Geisterhand das Operationsbesteck in der Bauchhöhle des Patienten bewegen. Einen Dritten führt ein assistierender Chirurg per Hand - er saugt das Blut ab. Und an der Spitze des vierten Trokars sitzt das für einen endoskopischen Eingriff entscheidende Gerät: eine Kamera. Auch sie wird von einem Roboter geführt, und zwar – das ist das Besondere – aus 8200 Kilometern Entfernung. Erstmals assistierte gestern bei einem chirurgischen Eingriff in der Berliner Charité ein per Video zugeschalteter US-Kollege – es war die Deutschland-Premiere von „Socrates".

Das telemedizinische System erlaubte es dem Urologen Michael Fabrizio am Krankenhaus Santara Health in Norfolk, Virginia, interaktiv an einer Operation eines Berliner Patienten teilzunehmen. Während der Charité-Chirurg Ingolf Türk direkt neben dem OP-Tisch in einer Art Cockpit saß und mithilfe des Roboters „Zeus" operierte, bewegte Fabrizio per Mausklick die Kamera. Zudem zeichnete er mit einem digitalen Magnetstift auf dem Monitorbild Linien, zum Beispiel um die genaue Position von Schnitten vorzuschlagen – ein entscheidender Vorteil, denn mit Worten lassen sich präzise Ortsangaben nur schwer übermitteln. Das System soll die Möglichkeiten des „Telementoring" erweitern: Spezialisten, die eine neue Operationstechnik entwickelten, können Kollegen am anderen Ende der Welt in die Feinheiten ihrer Methode einweisen.

So ist die Urologie der Charité bei minimalinvasiven, also endoskopischen Operationen von Prostatakrebs-Patienten führend. Die konventionelle Entfernung des Organs, das nahe der Harnblase die Harnröhre umschließt, führt häufig zu unerwünschten Nebenwirkungen: Weil bei der herkömmlichen Operationstechnik zu viele Nerven durchtrennt werden, leiden die Patienten in der Folge der Operation häufig unter Inkontinenz und Impotenz. Die endoskopische, genauer laparaskopische Operationsmethode schont dagegen den Patienten und soll die unerwünschten Folgen von Prostataentfernungen verringern helfen – das jedenfalls ist das Ziel des Teams von Ingolf Türk. Je „dichter“ Harnblase und Harnröhre wieder zusammengenäht werden, je weniger Nerven durchtrennt werden, desto geringer die Folgen. Doch die Operation ist sehr schwierig. Bisher wird die „Prostatektomie“ nur an drei deutschen Kliniken laparoskopisch durchgeführt. Beim gestrigen Eingriff wurden einem 66-jährigen Prostatakrebs-Patienten allerdings nur die Lymphknoten in der Leiste entfernt.

Wenn es nach den Vorstellungen der US-Firma „Computer Motions" ginge, wären bald Uni-Kliniken in aller Welt über das Telementoring-System „Socrates" miteinander verbunden. Es kostet etwa 100 000 Euro, relativ erschwinglich sind auch die Betriebskosten, weil die Verbindung über ISDN-Leitungen läuft. Echte Fern-Operationen, bei denen ein Chirurg quer über den Atlantik den Operationsroboter „Zeus“ steuerte, haben zwar schon stattgefunden. Sie sind aber extrem teuer und aufwendig, weil die dabei nötige Übertragung riesiger Datenmengen nur über Glasfaserleitungen möglich ist.

Während „Socrates“ bis zur Marktreife entwickelt ist, befindet sich der etwa eine Million Euro teure Roboter „Zeus“ noch in der Entwicklungsphase. Türk ist zwar von den Vorteilen der neuen Technik überzeugt, hält den Roboter aber noch für verbesserungswürdig: „Der Bewegungsradius ist eingeschränkt, und man hat keinerlei Gefühl in den Roboterarmen, man spürt keinen Widerstand. Aber an der Lösung dieser Probleme wird schon gearbeitet.“

„Zeus“ und „Socrates“ sind derzeit zusammen unterwegs – auf einer Art Roadshow. Ihr Gastspiel in Berlin endete mit der gestrigen Konferenz-Operation. Sie verlief erfolgreich, und am Ende stand ein transatlantischer Tipp: „Don’t forget to close the patient“, sagte Fabrizio – dann wurde die Verbindung beendet.

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