Zeitung Heute : Transit Deutschland

Verkehrspolitisch rücken Niederländer und Deutsche immer enger zusammen, um dem Kollaps zu begegnen

Rolf Brockschmidt

Als Karla Peijs von ihrer letzten Dienstreise aus China zurück in die Niederlande kam, fühlte sich die Ministerin für Verkehr, Wasserwirtschaft und öffentliche Arbeiten in ihrer Verkehrsplanung bestätigt. Der Containerhafen von Shanghai hatte sie mächtig beeindruckt. Denn dort entsteht um den Hafen herum eine gewaltige Produktionsstruktur, um die Container auch zu füllen. „Wir haben dann um Weihnachten herum beschlossen, die zweite Erweiterung des Hafens von Rotterdam vor der Küste zu genehmigen“, erzählt sie und fügt hinzu: „Die Ergebnisse meiner Chinareise haben uns für diese Entscheidung zusätzlich sensibilisert“. Denn die erste „Maasebene“ wird bereits jetzt von den größten Containerschiffen der Welt aus China angesteuert, die pro Schiff 8000 Container anliefern. Die Güter, die in zunehmender Menge aus China nach Europa gelangen, müssen in Richtung Osten weiter transportiert werden.

Karla Peijs schätzt, dass sich der Güterverkehr insgesamt in Europa bis 2020 verdoppeln und der Personenverkehr um 40 Prozent zunehmen wird. Neben dem ohnehin schon sehr starken Nord-Süd-Verkehr wird durch die EU-Osterweiterung auch der Ost-West-Verkehr rasch wachsen und an Bedeutung gewinnen. Die jetzige Infrastruktur in den Niederlanden, aber auch in Deutschland, ist diesem Ansturm nicht gewachsen. „Diese künftigen Verkehrsströme bringen unsere beiden Länder noch mehr zusammen“, sagt die Ministerin. Der Hafen von Rotterdam wird ohnehin schon scherzhaft als wichtigster deutscher Hafen bezeichnet, und Deutschland gewinnt als Transitland für Rotterdam zunehmend an Bedeutung.

Ziel der niederländisch-deutschen Zusammenarbeit, die am 6. Oktober vergangenen Jahres durch eine gemeinsame Erklärung der beiden Verkehrsminister unterstrichen wurde, ist es, auf kurze Entfernung das Flugzeug überflüssig zu machen, die Straße zu entlasten und vor allem die Bahn auszubauen. Durch den Bau von Hochgeschwindigkeitsrouten sind die Niederlande gerade dabei, ihren Rückstand aufzuholen. „Wir würden auch gerne die Zuiderzeelinie nach Hamburg als Magnetbahn sehen, da ermutigen uns auch die deutschen Bundesländer, aber das ist noch Zukunftsmusik“, meint die Ministerin.

Ein wichtiges Element ist die so genannte Betuweroute, eine reine Güterzugstrecke, die vom Rotterdamer Hafen bis nach Duisburg führen wird. Die Niederlande haben in dieses Projekt bis jetzt 4,8 Milliarden Euro investiert. 2010 soll über diese Strecke ausschließlich der Güterverkehr nach Deutschland rollen, um von dort aus nach Hamburg und Mailand über so genannte Korridore weiter verteilt zu werden. Die wachsende Anzahl von Containern aus China spielt dabei eine wichtige Rolle. „Die müssen weiter transportiert werden und dafür hat uns Minister Stolpe bis zum Jahr 2010 ein drittes Gleis bis Duisburg zugesagt. Diese Absprache ist für unsere beiden Länder von außergewöhnlicher Bedeutung.“ Sonst stünden nämlich die Lastwagen mit den Containern von Rotterdam bis zur Grenze im Stau.

Eine ideale Lösung wären freie Korridore im Bahnverkehr Richtung Warschau und Moskau, nach Prag und nach Mailand. „Wir wollen die Liberalisierung der Eisenbahn im Sinne von Überschreitung nationaler Grenzen“, sagt Ministerin Karla Peijs.

Freie Bahn

150 Jahre lang waren die europäischen Eisenbahngesellschaften darauf bedacht, möglichst national zu denken und bei den Gleisen mitunter eine andere Spurweite zu wählen als der Nachbar, um den Transport von Invasionstruppen zu erschweren. „Nun müssen wir die Bahn europäisch machen“, sagt die Ministerin und nennt dabei unter anderem die gegenseitige Zulassung von Lokomotiven und Lokführern, die Harmonisierung der technischen Systeme, vereinfachte Zollverfahren, gemeinsame Kommunikationstechnik. „Wir wollen mit den Korridoren nach Hamburg, Mailand und Warschau beginnen, um diese Dinge schneller zu regeln. Die Polen sind ganz begeistert von der Idee und denken schon an einen großen Umschlagplatz für Russland und Weißrussland.“ Und wenn es im Rheintal ein wenig eng wird? „Wir finden für alles eine Lösung“, sagte die Ministerin.

Auch in der Binnenschifffahrt steckt nach Ansicht von Karla Peijs noch Potenzial. Um bis zum Schwarzen Meer zu fahren, müssten allerdings noch einige Wasserwege in Deutschland ausgebaut werden, was auf Widerstand bei den deutschen Grünen stößt. „Unserer Ansicht nach ist die Furcht der Grünen unbegründet. Wir haben schließlich auch einige Erfahrung bei Wasserstraßen“, bemerkt die Ministerin.

Seeverkehr entlasten

Eine gemeinsame Zukunft sieht sie auch in der Entwicklung des Kurzstrecken-Seeverkehrs. So könnten entlang der Küste von Rotterdam bis hinauf nach St. Petersburg so genannte „Hubs“, Umschlagplätze, entstehen, die die regionale Wirtschaft ankurbeln würden. Nach Ansicht der Ministerin müssten für den Kurzstrecken-Seeverkehr die gleichen Bedingungen gelten wie für einen Lkw-Transport, der durch Europa fährt. Denn es sei nicht einzusehen, „warum das Auto nur einen Satz Papiere, das Schiff aber immer noch einen ganzen Stapel für den gleichen Transport benötigt“, meint sie und ergänzt: „Wenn wir dann noch online gehen, ergeben sich ganz neue Perspektiven.“

Bei der Entwicklung dieser Zukunftspläne ist die Ministerin ganz in ihrem Element. Hört man ihr zu, sieht man schon plastisch das neue Europa vor Augen. Sie glaubt an diese Dynamik, die sich in Europa entwickeln wird. „Wir müssen die ,Motorways of the Sea’ anlegen und für Häfen und Wasserstraßen gleiche Sicherheitsstandards einführen“, schlägt sie vor. Und sie denkt an die Hanse und „dass es bereits im Mittelalter einen regen Handel zwischen Nordwesteuropa und dem Baltikum gab. Warum soll das nicht wieder kommen?“

Eine gemeinsame Arbeitsgruppe „Optimierung des Güterverkehrs“ wurde im vergangenen Herbst eingesetzt, um die Ziele der gemeinsamen Erklärung umzusetzen.

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