• Transparent und lichtdurchflutet Über Jahrzehnte hinweg führte das Preußische Herrenhaus ein Mauerblümchen-Dasein.

Zeitung Heute : Transparent und lichtdurchflutet Über Jahrzehnte hinweg führte das Preußische Herrenhaus ein Mauerblümchen-Dasein.

Für den Bundesrat hat der Architekt Peter Schweger den Bau saniert – und ihm ein gänzlich neues Erscheinungsbild gegeben

Bernhard Schulz

Der Bundesrat wirkt zwar nicht im Verborgenen, doch stets sind seine Sitzungen von der Aura der im abgeschiedenen Sitzungszimmer vereinbarten Kompromisse umweht. Dazu passt das Domizil, das sich der Bundesrat in Berlin nach anfänglich hinhaltendem Zögern erwählt hat, aufs Beste. Schon die einstige Bezeichnung als Preußisches Herrenhaus ruft jene Atmosphäre von Uhrenkette und Zigarrenrauch wach, die zur Diskretion früherer Zeiten hinzu gehört.

Davon kann heute, im Zeitalter des gleißenden Scheinwerferlichts von Fernsehaufnahmen, natürlich keine Rede mehr sein. Überhaupt ist der Bundesrat in Berlin weit präsenter, als er es in Bonn je war – und nicht allein, weil die „Zweite Kammer“ bei nahezu jeder Entscheidung mitredet. Es ist gleichermaßen die Architektur. Denn dem im Krieg ramponierten und von der DDR notdürftig geflickten, lieblos teilgenutzten Gebäude hat der Architekt der Totalsanierung, Peter Schweger, ein gänzlich neues, im Inneren der früheren Düsternis diametral entgegengesetztes Erscheinungsbild gegeben.

Gerade das Licht spielt eine außerordentliche Rolle im Entwurf des Hamburger Architekten, der zuvor mit dem Haus der drei Arbeitgeberverbände am Mühlendamm ein markantes Zeichen in die Berliner Stadtlandschaft gesetzt hat. Den Um- und Neubaumaßnahmen Schwegers gelingt die schwierige Balance zwischen den Erfordernissen eines heutigen Arbeitsparlaments und der monumentalen Erscheinung der historischen Bausubstanz, die es nach den Verhunzungen aus der DDR-Zeit so weit wie möglich zu erhalten galt. Nur, was war denn im Inneren schon erhalten?

Der Plenarsaal als Herz des Gebäudes war vollständig entkernt, hier konnte Schweger lediglich an die einstige Struktur erinnern. Das mächtige Eingangsfoyer und die dahinter im ersten Hauptgeschoss angeordnete Wandelhalle geben noch eine Ahnung von der ursprünglichen, reich ornamentierten Erscheinung des Gebäudes. Zwar ist die Abfolge der Säle – Foyer, Halle, Plenarsaal – nun wieder als Raumerlebnis und als wohl inszenierte Steigerung zu erfahren, jedoch nicht mehr ihre einstige Pracht.

Zurückhaltend teilt der Schriftzug „Bundesrat“ im Giebelfeld der Fassade die neue Bestimmung des Gebäudes mit. Die wilhelminische Pracht beschränkt sich ganz überwiegend auf diese Schauseite des Hauses. Selbst die hinter der Eingangshalle liegende, weitgehend unbeschädigt gebliebene Wandelhalle mit ihrem dreifachen Kuppelgewölbe ließ sich nur mehr vereinfacht wiedergewinnen.

Das Preußische Herrenhaus war, seiner Entstehungszeit entsprechend, eingeweiht wurde die mächtige Dreiflügelanlage 1904, vornehm dunkel. Immerhin besaß der Plenarsaal eine hölzern gerahmte Lichtdecke. Doch das Spiel von Licht und Schatten wurde ansonsten von der reichen Dekoration, von den architektonischen und skulpturalen Elementen, von Putz und Stuck bewirkt.

Schweger hingegen setzt Licht als raumbestimmendes Element ein, nicht nur im Plenarsaal, der vom Tageslicht geradezu durchflutet wird, sondern auch in den Sitzungssälen in Gestalt von kunstvoll-komplizierten Beleuchtungs- und Reflektionskörpern. In der Eingangshalle wird dieser Wandel am prägnantesten, wenn er die einstige Kassettendecke in Form seiner Beleuchtungsdecke zitiert.

Die heutige Tageslichtfülle, vermittelt durch eine saalweite Glasdecke, ist ganz und gar zeitgemäß; einst befand sich hier, sehr viel dichter über den Köpfen der Notabeln, eine farbige Bleiverglasung. Auch die Türöffnungen zu den umliegenden Fluren sind vergrößert worden, um den Plenarsaal als Mittelpunkt aller Aktivitäten zu betonen. Voller Hochachtung spricht Schweger von dem wilhelminischen Ursprungsbau mit seinem „außerordentlich klaren Grundriss“. Den zumindest konnte er nach der Befreiung von den DDR-typischen Büroeinbauten zurückgewinnen.

So kündigt sich im Gebäude schrittweise der Übergang zur Neuschöpfung Schwegers an. Mit der repräsentativen Treppe zur Wandelhalle kündigt sich bereits der Mittelpunkt des Hauses an, der Plenarsaal. Ihn fand der Architekt als bloße, bis auf die Ziegelmauern entkernte Raumhülle vor. Die ursprüngliche Trennung von konstruktivem Gerüst und darüber gelegter, dekorativer Schicht wurde dergestalt sinnfällig. Schweger hat eine neue Schicht auf das Mauerwerk gelegt, um – wie er sagt – „die haptische Qualität der Räume wiederherzustellen“. Im Plenarsaal fand dazu helle Birke als Wandverkleidung (und Schallschlucker) Verwendung, in Fluren und Sälen finden sich geschliffener Putz, in den Dienstzimmern Möbeleinbauten.

Der Plenarsaal hingegen ist ganz und gar „demokratische“ Helligkeit. Die Zwischendecke mit ihren Lichtprismen gibt den Blick in die stählerne Konstruktion der Dachpyramide frei, die von mit Fotozellen bedrucktem Glas gedeckt wird. Schmale Tribünen für Presse und Besucher säumen im Obergeschoss die drei Seiten des zwei Geschosse einnehmenden, im Vierfünftelkreis bestuhlten Plenarsaales. Auch sie sind gläsern verkleidet und lösen sich dadurch optisch beinahe auf.

Überhaupt soll der Blick so weit wie möglich schweifen können. Wo Schweger Ansätze zu Öffnungen entdeckte, hat er sie als Türen oder wandhohe Fenster durchbrochen. Die Rhetorik der vermeintlich „demokratischen“ Transparenz, die schon Günter Behnisch 1992 bei seinem vom Lauf der Geschichte überholten Neubau des Bonner Bundestagsplenarsaales durchbuchstabiert hatte, fand auch in dem seiner Natur nach stilleren Bundesrat einen Abnehmer.

Die Eingangshalle konnte noch am stärksten ihr ursprüngliches Aussehen bewahren. Zu DDR-Zeiten wurde sie nicht genutzt. Sie blieb von jenen Einbauten verschont, die bereits die dahinter liegende Wandelhalle zur Kantine verschandelten. Die aufwändige Neorenaissancefassade verbarg sich mehr und mehr hinter Spontanbewuchs. Schließlich lag das Herrenhaus am äußersten Ende Ost-Berlins unmittelbar vor der Mauer in abgeschirmtem Sperrgebiet. Die Fassade tritt, mustergültig restauriert, nun wieder in ihrer ganzen Pracht zu Tage.

Bei der Fertigstellung des Bundesrat-Domizils gab es die zu erwartende Frage, wie denn der Bundesrat mit einem historisch „belasteten“ Gebäude zurecht komme. Der seinerzeit amtierende Bundesratspräsident, Kurt Biedenkopf, gab darauf eine souveräne Antwort: Er nannte es „eine hervorragende Entscheidung, Traditionsbauten zu reaktivieren“. Zumal, setzte er hinzu, „in einer vom Krieg schrecklich gebeutelten Stadt“.

In dieser Perspektive war es umso richtiger, dass der Bundesrat das Angebot eines Neubaus in der Nähe des Kanzleramtes ausgeschlagen und für die Vornehmheit eines wilhelminischen Palais votiert hat. Dieser letzte Umzug einer der herausragenden Bundeseinrichtungen ist in städtebaulicher und architektonischer Hinsicht einer der gelungensten.

Die wilhelminische Pracht ist in Ansätzen noch immer erkennbar, zum Beispiel an der Fassad e . Doch selbst die hinter der Eingangshalle liegende Wandelhalle mit ihrem dreifachen Kuppelgewölbe ließ sich nur vereinfacht wiedergewinnen.

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