Zeitung Heute : Transporter: Der Bulli prägte die Szene

Ingo Dahlern

Nennt man das Stichwort Transporter, dann denkt fast jeder ganz automatisch an den VW-Transporter. Kein Wunder, prägt er doch seit mehr als 50 Jahren das Bild einer ganz neuen Art von kleinem Lastwagen, die im letzten Jahr ein halbes Jahrhundert alt geworden ist. Mit dem Beginn der Serienproduktion des VW-Transporters am 8. März 1950 fiel in Wolfsburg der Startschuss für eine Karriere, die mindestens so spannend verlaufen sollte wie die des Käfers, dessen Technik unterm Blech des neuartigen Kastenwagens steckte, der bald schon auf den Spitznamen Bulli hören sollte. Mit ihm bekam das Transportgewerbe in der kleinen Klasse ein ganz neues Gesicht. Denn erstmals sah ein Transporter nicht mehr aus wie ein verkleinerter Lastwagen.

Mit dem Bulli kam ein ganz neues Konzept ins Spiel, dessen erster Entwurf bereits 1947 vom holländischen VW-Importeur Ben Pon skizziert worden war. Doch erst unter dem VW-Generaldirektor Nordhoff bekam die Transporter-Entwicklung die ihr gebührende Aufmerksamkeit, konnte Konstrukteur Alfred Haesner die Idee von Ben Pon umsetzen. Allerdings ließen die ersten Modelle die Entwickler erschrecken. Denn mit einem Luftwiderstandsbeiwert von 0,75 stand der "Kasten auf Rädern" wie ein Holzklotz im Wind. Als man die Front rundete, sank der Wert auf 0,43 - und damit eine für einen Transporter durchaus akzeptable Größe. Probleme bereitete die Konstruktion des Chassis. Denn ein modifiziertes Käfer-Chassis erwies sich als zu schwach für 750 Kilo Nutzlast. Die Lösung brachte ein Leiterrahmen, mit dem die selbsttragende Karosserie des Transporters verbunden wurde.

Der mit einem 1,1-LIter-Boxer mit 18 kW (24 PS) ausgerüstete erste Transporter war alles andere als ein Kraftpaket. Aber mehr als seine bescheidenene Fahrleistungen zählte seine Vielseitigkeit. Er sei, so Konstrukteur Haesner: "Gedacht für Stadt und Land, für Nah und Fern, für Autobahn und Feldwege, für Güter- und Personenbeförderung, für Handel und Gewerbe," und sei "verwendbar für alle Geschäftszweige, Eiltransporte und Speditionszwecke, zum Beispiel als Kleinomnibus, als Sonderfahrzeug, als Postwagen, als Krankenwagen, als fliegende Station." Große Worte - aber schon bald zeigte sich, dass Haesner eher unter- als übertrieben hatte. Der VW-Transporter sollte das Transportwesen revolutionieren, wie kein Auto zuvor. Binnen weniger Jahre wurde aus dem Kasten und den Kombis eine ganze Modellfamilie, schufen Aufbauhersteller für jeden nur denkbaren Einsatzzweck passende Sonderaufbauten, entwickelte sich der Bulli zum wahren Multitalent, von dem schon vier Jahre später bereits 30 verschiedene Modelle vom Bus über den Kastenwagen bis zur Pritsche zur Wahl standen. Und angesichts der immer größeren Nachfrage entschloss man sich bei VW, in Hannover ein eigenes "Transporterwerk" zu bauen, in dem im März 1956 die Produktion begann. Schon früh rief die neue Nutzfahrzeug-Klasse viele Nachahmer auf den Plan. Schon bald brachten auch Tempo, Ford, DKW und Gutbrod und im Kleinformat auch Lloyd ähnlich konzipierte Transporter auf den Markt, der in der Eintonner-Klasse schnell von VW beherrscht wurde.

Bis heute hat er sich eine Spitzenposition bewahrt, gehört in seiner inzwischen vierten Generation und längst vom luftgekühlten Heckmotorauto mit angetriebenen Hinterrädern zum modernen Fronttriebler mit wassergekühlten Frontmotor weiterentwickelt zu den die Eintonner-Klasse prägenden Konstruktionen. Seine Modellvielfalt reicht vom Kastenwagen mit normalem und auch hohem Dach über Kombis bis hin zu Pritschen mit Einzel- und Doppelkabine, Kippern, Versionen mit kurzem und langem Radstand, Fronttrieblern und Allradlern.

Natürlich ließ der Erfolg des Transporter die Konkurrenz nicht schlafen. So konnten sich bei den 0,8-Tonnern der Fiat Scudo sowie seine Schwestermodelle Citroën Jumpy und Peugeot Expert einen Teil vom Kuchen abschneiden. Auch die Konkurrenten aus Fernost, die Toyota, Mitsubishi, Mazda sowie Hyundai und Kia auf die Räder gestellt haben, tauchen im Straßenbild immer öfter auf. Und breit wie nie zuvor ist inzwischen das Angebot in der Klasse bis 3,5 Tonnen. Die Szene beherrschen hier das Trio Fiat Ducato, Peugeot Boxer und Citroën Jumper, die vierte Generation des Ford Transit, die überarbeiteten Versionen des Sprinter von Mercedes-Benz mit moderenen CDI-Motoren. Besonders erfolgreich ist die neue Generation des Iveco Daily. Und mit dem mit dem Sprinter verwandten VW LT sowie der neuen Trafic-Familie von Renault, die im Opel-Gewand auch als Vivaro mitmischt, gibt es es heute ein ungewohnt breites Angebot von Transportern.

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