Zeitung Heute : Trau, schau, wem

NAME

Von Robert Birnbaum

War was? „Ich freue mich sehr, Ihnen heute die Bundestagsabgeordnete Katherina Reiche als Mitglied meines Kompetenzteams für die Bundestagswahl 2002 vorstellen zu können.“ Edmund Stoiber liest vom Blatt. Angela Merkel mustert die Hundertschaft Journalisten im Saal der Bundespressekonferenz. Die CDU-Chefin versucht ernst zu schauen, aber es stiehlt sich doch ein triumphales Lächeln in ihr Gesicht. Sie kennt den nächsten Satz des Kanzlerkandidaten. Sie hat einiges dafür getan, dass der Satz an diesem Mittwoch ausgesprochen wird, vor allem seine drei letzten Worte. „Frau Reiche wird zuständig sein für die Frauenpolitik, für die Jugendpolitik und“ – der Kandidat hebt leicht, aber wirklich nur ganz leicht die Stimme – „ für die Familienpolitik.“

Das sind drei bemerkenswerte Worte: Denn war nicht bisher die Rede davon, dass diese Katherina Reiche, 28 Jahre, Mutter eines Kindes, mit dem zweiten hochschwanger, nicht verheiratet, Befürworterin der freizügigen Verwendung von embryonalen Stammzellen in der Forschung und auch sonst so ungefähr das Gegenteil von allem, was in der Union als mainstream gilt –, dass also diese Katherina Reiche nicht das Aushängeschild für Stoibers Familienpolitik sein soll? Oder höchstens ein bisschen, als Spezialistin, umständehalber, für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf? War nicht die Rede davon, dass die katholische Kirche massiv interveniert, dass die CSU energisch protestiert hat, dass die Frauen-Politikerinnen Sturm gelaufen sind? War da nicht was?

Tja, sagt der Kandidat, das versteht er gar nicht. In der Presse gelesen habe er davon. Nur: „Mit mir hat niemand darüber gesprochen.“ Frau Reiche versteht es auch nicht, weil mit ihr auch keiner gesprochen hat. Muss man es also als präventive Schutzmaßnahme deuten, wenn Stoiber jeden innerhalb und außerhalb der Union, „der meint, persönliche Kritik an Frau Reiche anbringen zu müssen“, dringlich auffordert, sich bitte direkt an den Kandidaten zu wenden? Weil nämlich die heutige Entscheidung „eine Grundsatzentscheidung des Kanzlerkandidaten“ sei? Muss man Stoiber ferner glauben, dass diese Entscheidung seit Wochen feststand?

Die „Problematik“ Reiche

Man glaubt es besser nicht. Es stimmt nämlich nicht. Richtig ist vielmehr, dass beim Frankfurter CDU-Parteitag vor zwei Wochen einer aus der Parteispitze kopfschüttelnd über die absurde Situation sinnierte, dass die CDU der armen Frau Reiche sozusagen das Heiraten verbieten müsse, jedenfalls im Moment, weil es sonst aussehe wie eine Eheschließung aus Karrieregründen. Tatsache ist ferner, dass CDU-Spitzenleute sich lebhaft der bedenklichen Miene erinnern, mit der sie von einem Kirchenfunktionär auf die „Problematik“ Reiche angesprochen wurden.

Auch der Rest der Traditionsbataillone – von der obersten der Unionsfrauen, Maria Böhmer, über die frühere JU-Chefin Hildegard Müller bis zur CSU, vertreten durch den Landtagsfraktionschef Alois Glück – ist durch glaubwürdige Quellen identifiziert. „Der Druck auf Stoiber ist enorm“, hat noch am Montag einer aus der engsten Unionsführung versichert. Die halbamtliche Sprachregelung in Berlin wie in München lautete zu dem Zeitpunkt: Glatt ein Wunder sei es, dass der Kandidat seine Kandidatin Reiche nicht fallen lasse sondern an ihr festhalte.

Die Sprachregelung war notwendig geworden, weil Stoiber und Merkel die junge Frau Reiche vor einer Woche beiseite genommen und ihr gesagt hatten: Jugend und Frauen ist okay. Familie geht nicht. Das macht der Horst Seehofer, der ist von der CSU und verheiratet und wird als Sozialminister sowieso das Familiengeld auszahlen, und drei Kinder hat er auch. Eine schöne Absprache. Leider stand sie drei Tage später in der Zeitung. Spätestens da begann die Gegenbewegung.

Und sie kam von zwei Seiten. Die eine Seite war die Regierungskoalition. „Tiefstes Mittelalter“, höhnte es von da, und dass Stoiber sich endlich als reaktionärer Wolf im Schafspelz enttarnt habe. Genau diese Gefahr erkannte aber auch die CDU-Spitze. Am Montag im Präsidium brachte Parteivize Jürgen Rüttgers in Erinnerung, was die CDU im Winter 1999 beschlossen hatte: „Familie ist, wo Eltern für Kinder und Kinder für Eltern Verantwortung übernehmen.“ Der Kernsatz im CDU-Familienprogramm war seinerzeit nicht recht beachtet worden, weil gerade Helmut Kohls Spendenskandal ruchbar geworden war. Er hat aber mittlerweile den Weg bis ins gemeinsame Regierungsprogramm von CDU und CSU gefunden. Nur in die Köpfe und ins Unbewusste mancher in den Schwesterparteien, zürnten Rüttgers, Volker Rühe und andere, sei er wohl noch nicht ganz vorgedrungen. Auch Merkel hat in der Runde eingeräumt, dass die Inkompetenz-Erklärung der Katherina Reiche keine gute Idee sei. Sie hat das, so darf man vermuten, nicht ungern eingeräumt. Denn nun konnte sie mit dem Auftrag ihrer Parteispitze zu Stoiber sagen: Das kann so nicht bleiben.

Nackter Neid

So war die Lage. „Das ist schlecht, richtig übel“, sorgt sich am Dienstag ein CDU-Mann aus dem eher konservativen Lager. Daran ändert wenig, dass die Ehelosigkeit der Frau Reiche von manchem nur vorgeschoben war. Und dass zum Beispiel nackter Neid mindestens eine ebenso große Rolle spielte oder, wie es alsbald hieß, „Stutenbissigkeit“. Nach außen drang einzig das Signal: Die Union „mitten im Leben“ – aber nur auf dem Papier.

Zu der Erkenntnis war mittlerweile aber auch Stoiber gekommen. In der Fraktion am Dienstagnachmittag sagt der Kandidat noch nichts. Dafür kann man im Reichstag die denkwürdige Szene beobachten, wie die junge Frau Reiche und die nicht ganz so junge Frau Böhmer ins Gespräch vertieft den Fraktionssaal verlassen, immer schön an den Kameras vorbei. Einen langen Gang gehen sie gemeinsam hinunter. Noch mehr Zeit für Kamerabilder. Wer aber genau hinschaut, sieht am Ende des Gangs ein bekanntes Gesicht um die Ecke lugen. Es gehört Michael Spreng. Stoibers Medien-Macher beäugt zufrieden das Schaulaufen.

„Ich begegne einem überholten Rollenverständnis und Vorurteilen“, sagt Katherina Reiche am Mittwoch im Pressesaal. Es ist der einzige Hinweis auf das, was war. Der Rest ist eine Demonstration jugendlichen Selbstbewusstseins. „Jeder ist sein eigener Experte in Sachen Familie“, sagt Reiche. Und was ihren Partner und sie angehe: „Für uns steht fest, dass wir heiraten wollen – aber das Wie und Wo und Wann überlassen Sie uns.“ Punkt. Das wäre richtig gut, wenn nicht doch was gewesen wäre. Es wäre noch besser, wenn Stoiber nicht so täte, als wäre nichts. In der Politik ist die Notlüge strafbar.

Aber gewirkt hat sie fürs Erste doch. Man sieht es an einer lakonischen Agenturmeldung: „Die für heute angekündigte Pressekonferenz der Parlamentarischen Geschäftsführerin der Grünen, Göring-Eckardt, zur Berufung von Katherina Reiche entfällt.“

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben