Zeitung Heute : Trauer, Arbeit, Hoffnung

Am Tage wird fleißig aufgebaut, am Abend kommt der Schrecken zurück: Phuket nach dem Tsunami

Moritz Kleine-Brockhoff[Phuket]

„50 Prozent Rabatt“ steht auf einem breiten Tuch, das zwischen Palmenstämmen im Seewind flattert. Das Hotel Kamala-Cocohut hat gerade wieder aufgemacht. Daniel Meury hatte einen schönen Nachmittag. Gutes Essen mit Freunden im Rockfish-Restaurant, am Hang über Phukets türkiser Kamala-Bucht. „Mir ist es erst später aufgefallen: zum ersten Mal seit dem 26.Dezember saßen wir stundenlang beisammen, ohne über den Tsunami zu sprechen. Es war wunderbar“, sagt der Hotelmanager aus der Schweiz. Auf Thailands Urlaubsinsel Phuket hatte es den Kamala-Strand am härtesten getroffen. Sieben Wochen nach der Flut sind Autowracks und Trümmer weggeräumt. Jetzt zersägen in der Mittagssonne schwitzende Männer mit freiem Oberkörper Holzplanken, hämmern Nägel, schippen frischen Zement oder tunken breite Pinsel in Farbtöpfe.

Daniel Meury arbeitet drei Buchten weiter nördlich, er leitet das Hotel Chedi. Vor feinem Sandstrand klebt im Steilhang zwischen Palmen ein mächtiger Bau aus Stein und Holz, umgeben von Bungalows mit Bastdächern. Zwei Wellen waren gekommen, eine kleine, dann eine größere. Nach der kleinen rannte Meury runter zum Strand und scheuchte die Gäste nach oben. Der Manager, seine Angestellten und seine Gäste leben, nur drei von ihnen wurden leicht verletzt. Die Hotelgebäude blieben stehen. Mittlerweile sind Strand und Wasser wieder sauber. Im Januar kamen kaum Gäste, dann ein paar und über das Chinesische Neujahr waren fast zwei Drittel der Zimmer belegt. „Die Gäste kommen wieder, ein gutes Zeichen. Nur sie garantieren den Menschen hier Arbeit“, sagt Meury.

Ein Uhr mittags, 34 Grad im Schatten, das Ehepaar Stadler köpft die ersten Bierflaschen. Braun gebrannt liegen die beiden Schweizer auf Liegen am Patong-Strand, dem einzigen auf Phuket, der an Ballermann erinnert. Normalerweise ziehen sich die Liegestühle hier in vier Reihen über drei Kilometer. Jetzt gibt es nur eine Reihe, aber die ist voll. „Wir kommen seit 30 Jahren, und Tsunami hin oder her, wir kommen noch 30 Jahre“, sagt Frau Stadler.

In Patong waren hinter der Strandstraße alle Häuser der ersten und zweiten Reihe verwüstet. Jetzt wird um die Wette renoviert. Vor dem Holiday Inn steht noch ein grüner Bauzaun, Starbucks strahlt in frischer Farbe und hat schon offen. In der Ocean Plaza steht im Souterrain ein Holzgerüst, die Decke zum Erdgeschoss musste neu gegossen werden. „Bei normaler Belegung ist es hier bestimmt lauter als jetzt mit dem bisschen Baustellenkrach“, sagt aus seinem Liegestuhl heraus Axel Peters aus Leopoldshöhe bei Bielefeld. Im Baitong Seafood Restaurant ist von 16 bis 17 Uhr Tsunami-Gedenkzeit: Da sind die Cocktails billiger. „Die Show muss weitergehen“, heißt es auf einem Plakat der alteingesessenen Disco Banana.

Eineinhalb Autostunden nach Norden, über die Sarasin-Brücke, die Phuket mit dem Festland verbindet – unter einer Anhöhe liegt der lange Strand von Khao Lak. Sein Sand reichte früher bis zur ersten Baumreihe. Dahinter, wo auch Hotels und Bungalows standen, war viel Grün am Boden, Gras und Sträucher. Nun stehen alle Baumstämme im Sand, die Flut trug ihn landeinwärts. Und sie riss alles weg, was nicht besonders solide gebaut war. Auf Phuket starben etwa 300 Menschen. In Khao Lak und Umgebung kamen Tausende um, auf 35 Küstenkilometern ist fast alles weggefegt. Hier muss ganz von vorne angefangen werden. Die Thais arbeiten unglaublich schnell. Fast alle Trümmer sind bereits fortgeschafft, Planierraupen haben zwischen Hauptstraße und Meer ein hellen, kahlen Streifen geglättet.

Im Dorf Nam Khem steht eine junge Frau auf einer Betonplatte. Mehr ist von ihrem Elternhaus nicht übrig geblieben. Die Platte liegt zwischen Sand, Kokosnüssen, Palmenplättern und trockenen Baumstümpfen, die aus der Erde gerissen worden waren. „Mein Vater und meine Mutter sind tot. Das habe ich mittlerweile akzeptiert, auch wenn ihre Leichen nicht gefunden wurden.“ Supa Kruttamat heißt die Frau, die keine Minute stillhalten kann und rasend schnell spricht. Sie arbeitet in einem Hotel auf Phuket und hat dort auch eine Wohnung. Ihre Freunde nennen sie nur Sano. Sie wundern sich, dass Sano so stark ist, dass sie, wie so viele Thais, kaum Schmerz zeigt. Mit viel Energie hilft Sano Überlebenden, denen es noch schlechter geht als ihr selbst. 20000 Obdachlose leben in Flüchtlingslagern, Sano verteilt Hilfsgüter. Aber immer wieder kommt sie auch zurück zu der einsamen Betonplatte. So, als wolle sie nachschauen, ob alles wahr ist und nicht doch nur ein schlimmer Traum. „Ich bin nicht so stark, wie alle glauben, ich beschäftige mich nur. Wenn ich nach einem langen Tag im Katastrophengebiet allein im Auto zurück nach Phuket fahre, muss ich oft anhalten. Wegen der Tränen sehe ich die Straße nicht mehr.“

Der Teil von Nam Khem, in dem Sanos Eltern lebten und starben, ist komplett zerstört, und immer noch nahezu menschenleer. Wenn ein Windstoß vom Meer kommt, rauschen die Blätter der Palmen, sonst ist es still. Wie Fremde stehen ein paar Betongerippe auf dem kahlen Boden, der übrig blieb, nachdem Leichen und Schutt weggebracht waren. Hier gibt es kein Dach mehr, unter das die Überlebenden zurückkehren könnten. Doch das soll sich bald ändern. Ein Dutzend Soldaten vermessen rechteckige Flächen und legen Holzplanken in den Sand. „Nächsten Monat stehen hier Häuser und die Menschen können zurückkommen“, sagt ein Soldat selbstbewusst. Bislang haben Thailands Regierung, das Königshaus, Soldaten, Mönche, Firmen und Privatpersonen so gut geholfen, wie man helfen kann. „Wir schaffen das alleine“, hatte Thailands Ministerpräsident Thaksin Shinawatra gesagt und finanzielle Auslandshilfe abgelehnt. Neue Häuser, neue Schulen, neue Boote für die Fischer, günstige Kredite für alle, die neu anfangen müssen – der Staat hat viel versprochen und es sieht bisher so aus, als werde Wort gehalten.

Wo vor dem Tsunami die Schule von Bang Sak war, steht nur noch der Flaggenmast. Als das Wasser kam, rannten Schüler und Lehrer. Vier Kinder sind tot. 400 Meter weiter und wegen der Angst vor dem Meer ein wenig höher, hat Schuldirektor Prasit Satapornjaturawit große Pläne. „Mein König hat hier für uns Land erworben und will eine neue Schule bauen.“ Wenn Thailands König Bhumibol Adulyadej etwas in Auftrag gibt, geschieht es. Schnell. Ohne Wenn und Aber. „Nach der Katastrophe schickte mein König die Armee“, erzählt Direktor Prasit, „Soldaten stellten in Windeseile erst einmal eine Übergangsschule hin.“ Da ist sie, einfach aber gut: drei Zementfundamente, 40 mal 15 Meter, Wellblechdächer auf kräftigen Holzgestellen, Wände aus Spanplatten, sauber weiß gestrichen. Wasser und Strom, Stühle mit breiten Schreiblehnen, Lehrbücher, Tafeln und Kreide – alles Notwendige ist vorhanden. 124 Kinder lernen hier wieder, in der Mittagspause gibt es gut und viel zu essen. Kathy Davies ist vorbeigekommen, eine Britin, die seit Jahren die Hälfte ihrer Zeit in Thailand verbringt. „Ich musste etwas tun“, sagt sie knapp. Seit Wochen ist Davies unterwegs, fragt, wo was fehlt oder gewünscht ist. Dann besorgt und bringt sie es. Heute schenkt sie der Schule Computer. Und den Kindern gibt Davies Fußbälle, Modellautos mit kleinen Elektromotoren oder Puppen. Wenn sie ihren Namen hören, holen die Kleinen ihre Geschenke ernst und schüchtern bei der Britin ab. Später, wenn sie glauben, dass keiner guckt, strahlen sie.

Hunderte Ausländer, die auf Phuket leben oder häufig zu Besuch kommen, helfen. Sie haben in Europa Sammelaktionen gestartet und oft kam ein fünfstelliger Eurobetrag zusammen, wie etwa der Österreicher Sepp Hatzl, der schneller Fischerboote kauft und verschenkt als die Regierung. Die Tsunami-Flüchtlingslager sind so komfortabel, wie Flüchtlingslager sein können – es sind Reihenhäuser, die so gebaut sind wie die Übergangsschule, einfach, aber gut. In Wohnzimmern mit Strom und fließendem Wasser stapeln sich Lebensmittel, Seife, Shampoo und Säcke mit Kleidung. Matratzen liegen auf Linoleumböden, manche Familien haben Kühlschränke, Fernseher und eine Antenne auf dem Dach. „Wir sind so dankbar für all das“, sagt ein Mann. Sein Sohn, fünf Jahre ist er alt, hält in der linken Hand einen Plastikbecher mit Cola, in der rechten eine Tüte Chips. Er scheint zu überlegen, wie er jetzt an die Chips kommt.

An der Hauptstraße von Khao Lak hat jemand von einem weißen Schild mit Pfeil in Richtung Strand die Buchstaben „Sofitel“ weggekratzt. In keinem anderen Hotel starben so viele Menschen wie im Sofitel, wahrscheinlich mehr als 200 Touristen und 100 thailändische Angestellte. Hier hat niemand aufgeräumt. In den Trümmern liegt eine Flasche Orangensaft, ein Tauchanzug , eine Computerdiskette, ein Fernseher. „Mason + Jay + David“ steht auf einem kleinen Holzkreuz, das im Sand steckt. Am Strand rauscht leise das dunkelblaue Meer. So friedlich, als könne es nie jemandem weh tun.

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