Trauerarbeit : Geteiltes Leid

Wer Menschen unterstützt, die einen Angehörigen verloren haben, braucht manchmal selbst Hilfe.

Wenn Menschen einen Angehörigen verloren haben, reagieren sie sehr unterschiedlich. Manche brauchen vermehrt Zuwendung, andere kapseln sich ab. Für Freunde ist das nicht immer einfach.
Wenn Menschen einen Angehörigen verloren haben, reagieren sie sehr unterschiedlich. Manche brauchen vermehrt Zuwendung, andere...Foto: Imago

Karin Wetzko ist ratlos. Die 69-jährige Berlinerin kennt ihre Freundin Julia schon seit der Schulzeit. Patent, zupackend, lebensbejahend sei sie immer gewesen. Doch vor einem Jahr änderte sich alles. Julias Mann starb bei einem Unfall. „Danach war sie wie erstarrt. In den ersten Tagen habe ich oft bei ihr gesessen. Aber ich habe sie kaum erreicht. Meine Anwesenheit schien ihr sogar lästig zu sein“, berichtet Karin Wetzko.
Jahr für Jahr sterben in Deutschland mehr als 800000 Menschen.

Der Tod raubt den Angehörigen einen geliebten Menschen: Mutter oder Vater, Bruder oder Schwester, das Kind, den Mann, die Frau oder einen langjährigen Freund. Ein Einschnitt, der das Leben vieler Menschen in ein Vorher und Nachher teilt. Eine riesige Lücke tut sich auf. Der Alltag gerät aus den Fugen, die Zukunft scheint ein schwarzes Loch. Die Hinterbliebenen werden überwältigt von Trauer, Sehnsucht oder Angst – und bleiben oft allein mit ihrem Leid. Freunde oder Freundinnen versuchen ihnen zu helfen. Das aber ist kein leichter Weg.

„Freunde dürfen dem trauernden Menschen sagen, dass sie sich überfordert fühlen“, sagt die Bonner Trauerbegleiterin Chris Paul. Sie hätten auch das Recht, sich selbst zurückzuziehen, wenn sie sich dem Unglück des anderen auf Dauer nicht gewachsen fühlen. „Gehen Freunde oder Angehörige längere Zeit über ihre eigenen Grenzen hinaus, um den Trauernden zu unterstützen, könnte dies die Beziehung auf Dauer belasten“, berichtet die professionelle Trauerbegleiterin. Spricht der Trauernde Gedanken aus wie „Ich habe keine Kraft mehr zum Weiterleben“, sollten Freunde sich nicht allein verantwortlich fühlen, rät Chris Paul. „Am besten ziehen sie in diesem Fall professionellen Rat hinzu, beispielsweise, indem sie den Hausarzt anrufen. Er kann den Trauernden im Zweifelsfall in ein Krankenhaus einweisen.“

Geduld ist gefragt

Karin Wetzko, die früher als Lehrerin arbeitete, bot ihrer Freundin und früheren Kollegin immer wieder ihre Hilfe an. Sie stellte ihr Blumen vor die Tür, schrieb E-Mails, rief an. Doch Julia igelte sich immer mehr in ihre Wohnung ein. Manchmal legte sie auch einfach mitten im Gespräch auf.

Dieses Verhalten ist typisch für viele Trauernde. Geduld ist gefragt. Denn Trauerarbeit kann Monate oder Jahre dauern, sagen Experten. Irgendwann werden die emotionalen Einbrüche seltener, doch viele Situationen des Alltags erinnern die Hinterbliebenen weiter an ihren Verlust. Sie sind immer wieder schmerzlich mit der Erkenntnis konfrontiert, dass der schmerzlich vermisste Mensch nie wiederkommen wird.

„Ich war manchmal beinahe wütend auf Julia und schämte mich anschließend für meine fehlende Selbstlosigkeit“, erzählt Karin Wetzko. Nach außen gab ihre Freundin zwar die Gelassene und Tapfere. Aber wenn sie bei einem Besuch ihre geröteten Augen sah, wusste sie, dass ihre Freundin wieder die halbe Nacht geweint hatte. „Das war auch für mich eine schwierige Zeit. Eine ständige Gratwanderung. Ich wollte helfen, aber ich wollte mich auch nicht aufdrängen.“

Es geht um ein Gespür für Nähe und Distanz

Oft dauert es sehr lange, bis Trauernde die Welt und sich selbst wieder neu entdecken. Manchmal werden die Helfer früherer Phasen sogar als Hindernis wahrgenommen. Die Trauernden suchen dann nach anderen Freunden für ein neues Leben. Karin Wetzko erzählt von Julias Mutter, die ein häufiges Gesprächsthema war: Die Mutter hatte Julia aus lauter Sorge wie ein unmündiges Kind behandelt, gab ohne Rücksprache die Traueranzeige auf und tauchte ständig mit dem Ersatzschlüssel in Julias Wohnung auf. „Sie hat sich sogar für längere Zeit krank gemeldet, um für ihre Tochter da zu sein. Es gab schlimme Streitereien, weil meine Freundin diese Distanzlosigkeit einfach nicht ertragen hat.“

Karin Wetzko musste viel Geduld aufbringen. Aber sie hat ihre Freundin nicht im Stich gelassen. „Ich glaube, es geht vor allem um ein Gespür für die Nähe, die man bieten kann und die Distanz, die notwendig ist. Es hat auch keinen Sinn, immer über den Verstorbenen zu reden.“ Geholfen hätten vor allem gemeinsame Aktivitäten. Durch Fahrradtouren, gemeinsames Kochen oder Kinobesuche hat Julia wieder Freude im Leben gefunden. Nicht immer, sagt Karin Wetzko. „Aber Schritt für Schritt hat sich Julias Leben normalisiert.“ (mit dpa)

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