Zeitung Heute : Trauerarbeit

„Ich liebe dich!“

In diesen Worten steckt Poesie. Die Kraft, die von ihnen ausgeht, ist magisch und Angst einflößend. Gerade die erste Liebe ist aufregend. Neue, ungeahnte Gefühle durchströmen den Körper, verklären den Blick, wenden alles zum Guten. Jede Minute möchte man mit dem geliebten Menschen verbringen, würde alles opfern, alles geben. Das Schlechte wird verdrängt, der Glaube wächst. Wieso das so ist? Leidenschaft! Und Mangel an Erfahrung.

Und wer weiß Bescheid? Wer ahnt, dass das Glück nicht immer währen kann, dass Gefühle sich verlieren, Paare sich trennen und Schmerz dazu gehört? Eltern. Menschen, die auch mal mit anderen zusammen und dann wieder allein waren und nun ihrem Kind zusehen müssen, wie es sich zu abhängig macht, Fehler begeht. Ganz natürlich, das Kind bewahren zu wollen vor dem Unglück und den Tränen, die sie selbst damals durchlitten haben.

Ich breche nach einer Trennung zusammen, werde hysterisch, liege im Bett, starre apathisch vor mich hin. Endlose Telefonate mit Freunden sind nötig, Fotos müssen verbrannt, es muss stundenlang geheult werden, um das zu schaffen, was meine Eltern nicht für möglich halten: Ich komme darüber hinweg!

„Ja, Mama, ich weiß, dass ich ihn nicht geheiratet hätte!“ „Ja, Papa, auch andere Mütter haben schöne Söhne!“ „Ja! Kann sein, dass ich zu jung bin!“ Trotzdem trauere ich. Es tut weh, plötzlich alleine dazustehen, mich unverstanden und ungeliebt zu fühlen.

Warum kann ich nicht mal einen Tag lang zu Hause bleiben, mich ausweinen und die ganze Schokolade aufessen? Mit Strenge oder altklugen Sprüchen helft ihr mir in diesen Momenten nicht weiter. Ich muss meine eigenen Erfahrungen machen.

Aber warum teilt ihr nicht eure Geschichten mit mir, erzählt, wie es damals bei euch war und nehmt mich in den Arm? Das wär doch mal was.

Und merkt euch: Ich werde wieder lächeln. Und irgendwann werde ich auch wieder zu euch kommen, mit einem stolzen Gesicht: „Mama, Papa? Ich möchte euch jemanden vorstellen.“

CAROLINE STELZER, 16 JAHRE

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