Zeitung Heute : Trauern

Robert Ide

Wie ein Ost-Berliner die Stadt erleben kann

Ich stand auf einem Hügel und beobachtete den Sonnenuntergang, da kam ein älteres Ehepaar und stellte sich dazu. „Wir schauen gerne der Sonne zu“, sagte die Frau. „Das ist schöner als Fernsehen“, sagte der Mann. Dann schwiegen sie. Als die Sonne untergegangen war, gingen sie wieder nach Hause.

An diesem kühlen Sommerabend in Reykjavik habe ich mich in Island verliebt. Das ist jetzt zwölf Jahre her. Immer, wenn es in Berlin ähnlich kalt ist wie im hohen Norden, versuche ich meine Sehnsucht zu stillen nach dem Land, in dem die Sonne so selten scheint. Bei der Berlinale schaue ich mir Filme an, in denen es um drei Dinge geht: Menschen, die kein Wort zu viel sagen, Landschaften mit unbekannten Farben und Elfen. Jedes Jahr im Februar wird ein Film gezeigt, der das alles zeigt und sonst nichts – ein Film aus Island. Natürlich nicht im Wettbewerb, sondern im „Panorama“. Das ist die Rubrik für Heimatfilm-Liebhaber.

Mit meiner Liebe bin ich leider nicht mehr allein. Vor drei Tagen versuchte ich, im Internet Karten zu bekommen – vergeblich. Ich lief zu einer Vorverkaufsstelle und habe mich in eine lange Schlange eingereiht – umsonst. „Strákarnir okkar“, ein Film über den schwulen Star eines isländischen Fußballteams, ist ausverkauft. Eigentlich weiß ich, was ich verpasse. Menschen, die kein Wort zu viel sagen, Landschaften mit unbekannten Farben, Elfen. Am Ende gibt es eine Diskussion, in der junge Schauspielerinnen mit roten Wangen von Geistern erzählen, die ihnen am Tage begegnen, und Regisseure sich mit den Worten vorstellen: „Soll ich Ihnen etwas über die isländische Filmindustrie erzählen?“ Pause. „Ich bin die isländische Filmindustrie.“

Auf all das werde ich nun ein Jahr warten müssen. Heute abend werde ich traurig auf den Hügel im Volkspark am Friedrichshain steigen und mir einen Sonnenuntergang anschauen.

„Stákarnir okkar“ kommt heute um 22.45 Uhr im CineStar 3. Zum letzten Mal. Vor ausverkauftem Haus.

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