Zeitung Heute : Traum, Tugend und Terror

Denis Scheck

Die Literatur habe ihm das ganze Schlamassel eingebrockt, heißt es in Philip Roths Roman "Mein Leben als Mann" über den jüdischen Schriftsteller Peter Tarnopol - also müsse ihm die Literatur auch wieder heraushelfen. Fast scheint es, als habe der mittlerweile 68jährige Roth seinen eigenen Ratschlag beherzigt und in einem Alter, wo andere Autoren sich mit bloßen Nachschriften, Ergänzungen und Variationen ihrer Lebensthemen begnügen, einen radikalen Neuanfang riskiert. Bis weit in die 80er Jahre drohte Roth sich mit Romanen wie "Gegenleben" und "Operation Shylock" im selbstgeschaffenen Spiegellabyrinth der Postmoderne zu verlaufen. Dann folgte "Sabbaths Theater", ein Amoklauf gegen die Moral alter und neuer Saubermänner: trotz großer Virtuosität einzelner Passagen leider auch dies alles andere als ein gelungener Roman. Zu undiszipliniert in der Form, bei aller kühl kalkulierten Obszönität merkwürdig lau, da der politische Horizont weitgehend ausgeblendet blieb und eine wirklich überzeugende Gesellschaftsanalyse unter den Prämissen des obsessiven Triebmenschen Sabbath gar nicht zu leisten war. Für Roth stellte dieses Buch hingegen einen notwendigen Exorzismus dar. Auf den vielen hundert Seiten um den "Hurenbock, Verführer, Sodomit, Frauenschänder, Zerstörer der Moral, Verderber der Jugend" Mickey Sabbath befreite er sich von all dem Ballast, der seine Romane jahrzehntelang beschwert und paradoxerweise gleichzeitig zu leichtgewichtig gemacht hatte.

Jetzt hat Philip Roth die letzten fünfzig Jahre amerikanischer Zeitgeschichte als Stoff gewählt und damit die Bilanz jener Epoche gezogen, die als "amerikanisches Jahrhundert" zu bezeichnen angesichts der weltweiten totalen Kapitulation vor dem American Way of Life noch eine Untertreibung wäre. Wer heute erfahren möchte, wo der Puls Amerikas schlägt, was dieses Land zusammenhält, das keine durch tribalistische Blutsbande - wie fiktiv diese in der Realität auch sein mögen - definierte Identität besitzt, sondern in einem kontinuierlichen Prozeß der Selbstvergewisserung eine solche Identität immer erst neu schaffen muss - der kann keine bessere Auskunftsquelle finden als die drei jüngsten Romane Philip Roths. Mit "Der menschliche Makel" liegt nun der abschließende Band von Philip Roths amerikanischer Trilogie in Dirk van Gunsterens verlässlicher, weil jedes große artistische Risko klug scheuenden Übersetzung auf Deutsch vor. Erst jetzt wird die ganze Kühnheit erkennbar, mit der Roth binnen vier Jahren ein Werk geschaffen hat, wie es in der Gegenwartsliteratur diesseits und jenseits des Atlantiks kein zweites gibt. Die Romane "Amerikanisches Idyll", "Mein Mann, der Kommunist" und "Der menschliche Makel" verbindet ihr gemeinsames Thema: die Triumphe und Niederlagen der amerikanischen Selbstfindungsprozesse der letzten 50 Jahre, oder wie es in "Der menschliche Makel" einmal heißt: "Das Drama hinter der amerikanischen Geschichte, das große Drama, das der Aufbruch und das Fortgehen ist - und die Energie und die Grausamkeit, die dieser verzückte Drang erfordert."

Dass Roth ausgerechnet mit seiner bekanntesten Figur, dem Schriftsteller Nathan Zuckerman, diese Erkundung neuen Terrains gelingt, kommt Münchhausens Künststück nahe, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Zuckerman ist Roths alter ego seit dem 1979 erschienenen Roman "Der Ghostwriter" und taucht auch in einer Reihe anderer Bücher vor der amerikanischen Trilogie auf. Von allen seinen Figuren ist Nathan Zuckerman die, die am meisten Züge ihres Schöpfers trägt: Philip Roth teilt mit Zuckerman nicht nur die Höhen und Tiefen einer einzigartigen Schriftstellerlaufbahn, sondern auch die wesentlichen Stationen seiner Biographie, den Geburtsort Newark, später dann Chicago, New York und schließlich ein abgelegenes Haus in Connecticut.

Hier beginnt denn auch "Der menschliche Makel", mit einem Satz, der in seiner eleganten Umständlichkeit an die Anfänge der großen Novellen des Genauigkeitsfantikers Heinrich von Kleist denken lässt: "Im Sommer 1998 gestand mir mein Nachbar Coleman Silk - der, bevor er zwei Jahre zuvor in Ruhestand gegangen war, über zwanzig Jahre Professor für klassische Literatur am nahe gelegenen Athena College und darüber hinaus sechzehn Jahre Dekan gewesen war - dass er, im Alter von einundsiebzig Jahren, eine Affäre mit einer vierunddreißigjährigen Putzfrau hatte, die in der Universität arbeitete."

Roth musste seinen Erzähler Nathan Zuckerman buchstäblich kastrieren, ihn zu einem impotenten und inkontinenten Wrack machen, um ihm seine narzisstischen Unarten auszutreiben. Zuckermans Verlust ist der Gewinn der Leser. In allen drei Romanen erweist er sich als blendender Zuhörer, der kaum je durch eigene Handlungen, sondern allein durch Fragen, ganz in der Manier eines ermittelnden Detektivs, als "private eye" und "private ear" des Autors, den Roman in Gang hält. Seines Sexualtriebs beraubt, wird ausgerechnet der solipsistische Zuckerman zum Chronisten und Kommentator der amerikanischen Zeitgeschichte seit dem Zweiten Weltkrieg.

Für die ersten beiden Teile der Trilogie wählte Roth als historischen Hintergrund das bis heute schwärende Trauma des Vietnamkriegs und die Kommunistenhatz der McCarthy-Ära in den 50er Jahren. Mit "Der menschliche Makel" rückt er nun ganz nah in die Gegenwart und erzählt zunächst von einer absurden Intrige unter Akademikern während den Tagen des Tugendterrors der Clinton-Lewinsky-Affäre. Ein Unversitätsprofessor verheddert sich in den Fallstricken der political correctness.

Glücklicherweise belässt es Roth nicht bei einem Campus-Roman. Wie immer gelingt es ihm, auch noch dem vorausahnendsten Lesern souverän den Teppich unter den Füßen wegzuziehen, und so erweist sich jede, aber wirklich jede Annahme über die Figuren dieses Romans in seinem weiteren Verlauf als grundfalsch. Ausgehend von der der "starren Grenze zwischen den Klassen und Rassen" in den 40er und 50er Jahren, hat Philip Roth mit "Der menschliche Makel" einen Roman über Schwarz und Weiß, Arm und Reich in Amerika geschrieben. Der Schwarze Coleman Silk ist so hellhäutig, dass er als junger Mann die Chance ergreift, seine Rassenzugehörigkeit wie eine mittlerweile zu eng gewordene Haut abzustreifen, um "auf unkonventionelle Weise konventionell" als jüdischer Weißer zu leben. So wird aus Silk einer der "größten der großen Pioniere des Ichs".

Wenn es der amerikanische Traum ist, sich selbst neu zu erfinden, lebt Coleman Silk den amerikanischen Traum bis zum Extrem. Er schafft sich neu, entwirft sich eine ihm genehme Vergangenheit. "Was ich bin?" fragt Silk einmal einer Freundin, die Verdacht schöpft. Seine Antwort: "Ich bin, was du willst".

Es gehört zu den Stärken dieses Romans, dass sich Roth jedes moralischen Urteils über seine Figuren streng enthält. Der Preis für Coleman Silks Rollentausch - der Abruch des Kontakts mit seiner Familie, die biologische Zeitbombe, die er seinen unwissenden Kindern und Enkeln aufbürdet, sein Leben in der Lüge - wird benannt, aber nicht gewertet. Roth hat ein verstörendes Vexierbild der amerikanischen Gesellschaft entworfen und denkt nicht einen Moment daran, es durch eine gefällige "Schuster-bleib-bei-deinem-Leisten"-Moral zu zerstören. In seinem Essayband "Reading Myself and Others" hat Roth einmal geschrieben, der Unterschied zwischen Realität und Fiktion laufe für ihn auf den Unterschied zwischen der Welt des Geschriebenen und der Welt des Unbeschriebenen hinaus. Mit seiner amerikanischen Trilogie hat Philip Roth die Realität triumphal erweitert.

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