Traumberuf im Wandel : Die Bahn sucht Lokomotivführer

Lokomotivführer sein - ein Kindertraum. Doch weil die Arbeit in Wirklichkeit nicht halb so romantisch ist wie viele sie sich vorstellen, braucht die Deutsche Bahn dringend Nachwuchs.

Annika Kiehn
Lokführer-Azubi Konstantin Bohm (links) und sein Kollege Daniel Perleberg.
Lokführer-Azubi Konstantin Bohm (links) und sein Kollege Daniel Perleberg.Foto: Georg Moritz

Lässig sitzt Konstantin Bohm auf einem gepolsterten Drehsessel und steuert die 1960er Diesellok auf den Gleisen des Güterbahnhofs Berlin-Nordost. Der orangefarbene Schutzhelm ruht auf den blonden Stachelhaaren. Ein konzentrierter Blick liegt auf seinem schmalen Gesicht. Die Sonne scheint. "Neulich bin ich morgens in einen Sonnenaufgang gefahren, war das romantisch!", schwärmt der 18-Jährige. Er steckt den Kopf zum Rangieren durch das Seitenfenster der Lok. Die Kulisse könnte einem Werbespot dienen, die Kamera ihn jetzt frontal von außen einfangen. Bohm würde zuversichtlich lächeln und sagen: "Diesen Zug könnten Sie fahren!". Schnitt.
Den Slogan gibt es tatsächlich, er steht auf zwei Zügen Baden-Württemberg. Mit offensiven Kampagnen bemüht sich die Bahn um Nachwuchs. Der Fachkräftemangel ist ein wachsendes deutsches Problem und am größten ist es unter Lokführern wie die Bundesagentur für Arbeit (BA) verkündete. 800 unbesetzte Stellen verzeichnete die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) noch Anfang des Jahres.
Wo sind sie, all die Jungs und Mädchen, die Lukas dem Lokomotivführer nacheifern und mit der Eisenbahn durch die Welt fahren wollen? Deren Puls ansteigt, wenn sie den dröhnenden Pfiff einer Dampflok vernehmen, während der Ruß aus der schwarzen Schnauze aufsteigt und sich die schweren Eisenräder behäbig in Bewegung setzen. Die sich vorstellen, wie sie mit entschlossenem Blick an den winkenden Menschen vorbeifahren.
Gregor Klose, 44, kennt noch die Zeiten, in denen Lokomotiven beheizt wurden und der Schaffner die Gäste mit der Trillerpfeife abfertigte. 1978 hat er auf dem Rangierbahnhof Schöneweide als Lokführer gelernt, später als Heizer die großen Loks befeuert. Mittlerweile ist er als Regio-Fahrer der Deutschen Bahn im Umland von Berlin unterwegs. "Ich weiß noch, wie ich als junger Heizer mit einem älteren Kollegen in der Dampflok fahren durfte. Zu Zweit hatte man das Ding im Griff, das rußte und rauchte und laut war. Davon träumt doch jeder Junge!", sagt er.


Konstantin Bohm, 18, lebt diesen ewigen Kindertraum, wenn auch ohne Ruß. Er ist im dritten Lehrjahr als angehender Lokomotivführer bei Schenker Rail, dem Güterverkehrsbetrieb der Deutschen Bahn. Auf der Zugbildungsanlage in Alt-Hohenschönhausen werden die ankommenden Züge getrennt und wieder neu zusammengesetzt, bevor sie weiter auf Reisen gehen. Keine Personenzüge, dafür aber oft auch Wagen mit hochexplosiven Stoffen wie Methanol oder Propan. "Sieht einfach aus, nicht wahr?", sagt er, während er die schwarzen Hebel abwechselnd vor- und zurücklegt. "Aber dazu gehört auch die ganze Technikkunde, jedes Bauteil muss ich kennen."
Er schaut sich in dem lindgrün gestrichenen Lokführerraum um. "Die Lok ist wie ein altes Auto, bei dem man noch jeden Schlauch und jede Schraube kennt. Nicht nur hochmoderner Schnickschnack, wo man nichts mehr sieht." Wenn er so erzählt, macht er Lust auf einen der einst gefragtesten traditionellen Berufe, der immer weniger Anerkennung genießt und immer weniger Anhänger findet. Vielleicht, weil sich immer weniger junge Menschen vorstellen können, morgens um halb drei zur Arbeit zu gehen. Oder Angst haben, dass sich jemand vor ihren Zug auf die Gleise werfen könnte. Vielleicht ahnen sie, dass das Leben als Lokführer nicht so romantisch ist wie sie es sich vorstellen.
Deutschlandweit kämpfen die Deutsche Bahn und die NE-Bahnen - die so genannten Nichtbundeseigenen Bahnen - um geschultes Personal. "Die werben sich die Lokomotivführer alle gegenseitig ab" sagt Gerda Seibert von der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL). Angefangen habe es 1994 mit der Zusammenlegung der Reichsbahn und der Bundesbahn zur Deutschen Bahn AG - plötzlich gab es einen Überschuss an Lokomotivführern, sukzessive sei Fahrpersonal abgebaut worden. Schließlich, "haben sie überzogen, jetzt sind es zu wenig", heißt es bei der Gewerkschaft.

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